Gorleben-Chronik

1981 – Die Zweifel in Gorleben werden größer, nicht kleiner

Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg genehmigt am 22. Januar den Weiterbau am Atomkraftwerk Brokdorf nur, weil es die Planungen der Bundesregierung für die Entsorgung des Atommülls „noch für ausreichend“ hält und keine Anhaltspunkte dafür sieht, daß die „Realisierbarkeit“ eines Endlagers in Gorleben „pessimistischer zu beurteilen“ sei als in früheren Jahren. Nach den Beschlüssen des SPD-Parteitages von 1979 darf der Betrieb neuer Atomkraftwerke nur dann genehmigt werden, wenn „mit der Einrichtung eines sicheren Endlagers begonnen“ oder die Entsorgung „durch verbindliche Verträge sichergestellt worden ist“ (Spiegel 24/1981).

Bild: G. Zint

Am 28. und 29. Januar findet die dreitägige Anhörung der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) zu den geplanten Zwischenlagern in Gorleben im Gildehaus Lüchow statt. Dort soll ein Fasslager für schwach- und mittelaktiven Abfall sowie ein Brennelement-Zwischenlager errichtet werden.

Gleich am ersten Tag üben Atomkraftgegner/-innen heftige Kritik an der Leitung des Hearings. Dem Abteilungsleiter der PTB, Dr. Werner Heintz, wird vorgeworfen, an dem so genannten „Intercity-Zug-Gespräch“ beteiligt gewesen zu sein: Ein Hamburger Geologieprofessor wurde nach dem Bonner Gorleben-Hearing im Sommer 1980 in einem Intercity-Zug unfreiwillig Zeuge eines Gesprächs, bei dem Vertreter der PTB, des niedersächsischen Sozialministeriums und der „Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen“ (DWK) über Wege diskutierten, wie unter Umgehung von Rechtsvorschriften ein Probeschacht im Gorlebener Salzstock bereits so breit angelegt werden könnte, dass er später als Zugang zu einem Endlager dienen könne. Heintz gab seine Teilnahme an diesem Gespräch zu. Neben den vorgetragenen Argumenten konnten sich die Sachverständigen im Gildehaus auch vor Aktionen, Konfetti und kleinen, krabbelnden Kindern, die ihnen auf den Schoß rückten, kaum retten.
Am zweiten Tag verließen die rund 400 Atomkraftgegner/-innen geschlossen die Veranstaltung.  Sie räumten Tische und Stühle weg, reinigten den Fußboden und gingen nach Hause. Im Saal zurück blieb ein kleiner Kreis von Befürwortern und Sachverständigen mit 244 schriftlichen Einwendungen gegen das geplante Zwischenlager.
(Birgit Huneke, Gorleben Rundschau März/April 2016)

Am 28. Februar kommt es nach dem Gerichtsbeschluss zum Weiterbau des AKW Brokdorf zu der bis dahin größten Anti-Atom-Demonstrationen, bei der von insgesamt an die 100.000 Teilnehmer*innen trotz des Demoverbots und Polizeisperren über 30.000 den Bauplatz des Atomkraftwerks in der Wilstermarsch erreichen. An den Bauzäunen kommt es zu teilweise heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. In dem bis heute wegweisenden „Brokdorf-Urteil“ kommt das Bundesverfassungsgericht 1985 zu dem Beschluss, dass das Verbot der Demonstration unzulässig war.

Im April besuchen Bundeskanzler Helmut Schmidt (Besuch am 4. April) und Oppositionsführer Helmut Kohl das Wendland und geben den Kommunalpolitikern, die für das Atomprojekt sind, Rückendeckung. Sie würden sich „nicht aus dem Anzug pusten“ lassen. Die Gegner des Gorleben-Projekts seien „Schreihälse“, sie würden bald der Geschichte abgehören. Der weitere Ausbau der Atomkraft erscheint Schmidt „volkswirtschaftlich vor allem geboten, um die Strompreise stabil zu halten sowie die Abhängigkeit von den fossilen Energieträgern Kohle und Öl zu verringern“.

Die Zweifel in Gorleben werden größer, nicht kleiner

Auf den Bohrplätzen in Gorleben sind 125 Probebohrungen abgeschlossen worden. Nach Meinung von Experten der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) sei es aber anhand der Erkenntnisse „unmöglich festzustellen, ob der Gorlebener Salzstock für den Atommüll geeignet“ sei. Laugeneinbrüche oder unterirdische Risse ließen sich nicht ausschließen. Fundierte Aussagen seien frühestens „um 1993“ möglich.

„Die Zweifel in Gorleben werden größer, nicht kleiner“, so Harald B. Schäfer (SPD), damals designierter Vorsitzender der Bonner Kernenergie-Enquetekommission.

Am 26. Mai stimmt die Lokalpolitik (Kreistag, Samtgemeinde Gartow fast einstimmig und die Gemeinde Gorleben) dem Bau eines Atommüll-Zwischenlagers in Gorleben zu. „Die Mission der Gemeinde ist damit erfüllt“, atmete Willi Kantelberg, Bürgermeister von Gorleben, nach der turbulenten Sitzung am 26. Mai auf, auf der er und seine neun Ratsherren den Bebauungsplan für das Gelände des Zwischenlagers verabschiedeten. Zwei Wochen zuvor beschloss bereits der Samtgemeinderat Gartow eine Änderung des Flächennutzungsplans. Dabei protestieren rund 150 Atomgegner*innen während der Ratssitzung. Mehr als 1.500 Einwendungen hatte es gegen das Projekt gegeben.

Bereits 1981 hatten die Bundes- und die niedersächsische Landesregierung „erhebliche Zweifel“ an der Eignung Gorlebens als nukleares Endlager, berichtet die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg 2010. Das gehe aus einem Vermerk des zu jener Zeit für Niedersachsen federführenden Sozialministeriums vom 3. Juli hervor.

„Sowohl die hydrogeologischen Gegebenheiten im Deckgebirge als auch der innere Aufbau des Salzstocks bestätigen die bereits früher geäußerten Zweifel an der Eignung des Salzstocks, zumindest für die Endlagerung wärmeentwickelnder (hochaktiver) Abfälle“.

„Entgegen der Pressemitteilung des BMI und es BMFT vom 5.6.1981 werden bereits alternative Standorte diskutiert. Dem Vernehmen nach erwägt das BMI, gegen Ende des Jahres 1981 mit dem Land Kontakt aufzunehmen, um einen neuen Standort auszuwählen“, heißt es in dem Bericht, der an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht adressiert ist.

Am 26. Mai gibt der Samtgemeinderat Gartow fast einstimmig durch die Änderung des Flächennutzungsplans grünes Licht für den Bau der Atommüll-Zwischenlagers. Die Entscheidung wird allerdings an eine Absage für eine Wiederaufarbeitungsanlage gekoppelt. Die öffentliche Sitzung ist turbulent und die Stimmung aufgeheizt. Es gibt mehr als 1.500 Einwendungen gegen das Projekt.

Mitte 1981 – Der Film „Der Traum von einer Sache“ kommt in die Kinos. Roswitha Ziegler, Niels-Christian Bolbrinker und Bernd Westphal von der „Wendländischen Filmkooperative“ zeigen das Leben im Hüttendorf 1004 und die Räumung. Eine traurige Geschichte, aber kein trauriger Film.

Für die Kommunalwahlen in Lüchow-Dannenberg am 7. September positionieren sich die Parteien erstmals in der Gorleben-Frage:

  • ein Ja bei der CDU,
  • ein Ja bis Jein bei der SPD,
  • ein Nein bei der neuen UWG.

Das Wahlergebnis: CDU 52,6%, SPD 23,5%, UWG 18%.

12. September: Der niedersächsische Ministerprasident Albrecht lehnt es ab, parallel zu der Untersuchung des Salzstockes Gorleben auf seine Eignung als Endlager für Atommüll weitere Salzstöcke mit dem gleichen Ziel überprüfen zu lassen. Untersuchungen anderer Standorte hätten „überhaupt keine Eile“. „Wir brauchen jetzt noch kein Endlager“, sagte er. Man brauche lediglich d1e Vorbereitungen dazu.

aus: Atommüllzeitung Gorleben aktuell, Nov.1981

Etwa 500 Atomgegner*innen nehmen am 19. September an einer Sternfahrt teil und treffen sich am Trafo-Häuschen gegenüber 1003 zur Abschlußkundgebung. Sie waren überwiegend mit dem Fahrrad in Dannenberg und Wustrow, den beiden möglichen Verladebahnhöfen für die Brennelementbehälter gestartet. Die Sternfahrt führt über die geplanten Tranportstrecken des Atommülls.

Die Beseitigung des Atommülls aus deutschen Kernkraftwerken ist nach Auffassung der Bundesregierung bis 1990 gewährleistet, wie aus ihrem Bericht über die Entsorgungslage der Kernkraftwerke für den Bundestag hervorgeht, den die Abgeordneten des Innenausschusses Mitte September erhielten. Für die Endlagerung von radioaktiven Abfällen wird der Gorlebener Salzstock a1s geeignet beurteilt. „Es kann erwartet werden, dass seine Eignung für die Endlagerung durch die fortschreitende Erkundung bestätigt werden kann“, stellt die Regierung fest. Das bisherige Standorterkundungsergebnis mache es nicht nötig, an anderen Standorten mit Alternativbohrungen zu beginnen. (Frankfurter Rundschau, 21.10.1981)

Am 26. September finden ein bundesweiter Aktionstag statt, u.a. in Lüneburg „rollt Atommüll“.

aus: Atommüllzeitung Gorleben aktuell, Nov.1981

Im November erscheint die „Atommüllzeitung“, ehemals „Gorleben aktuell“, Nr. 17, also in fortlaufender Zählung, herausgegeben von der „Arbeitsgruppe Wiederaufbereitungsanlage Lüneburg“.

Zur neuen Zeitung heißt es u. a.: „Die Proportionen im neuen Emblem unserer Zeitung mögen etwas aus den Fugen geraten sein … Mit der allmählichen, nun auch im Emblem nachvollzogenen Ausweitung der Gorleben Aktuell Thematik versuchen wir einmal der Tatsache Rechnung zu tragen, dass das Entsorgungskonzept immer mehr dezentralisiert wird, was erforderlich macht, die alleinige Fixierung auf Gorleben zu überwinden. Auch zeigen alle Erfahrungen von BI-Konferenzen, dass es gerade in der Atommüllfrage nötig ist, genauere Kenntnisse sowohl innerhalb der Anti-AKW-Bewegung als auch in der Masse der Bevölkerung zu vermitteln. ln diesem Sinne haben wir in der letzten Zeit mit der Gruppe Ökologie zusammengearbeitet. Wir würden uns freuen über eine engere Kooperation auch mit anderen Gruppen, die sich schwerpunktmäßig mit der Atommüllfrage befassen, z.B. dem Umweltbüro Kassel, dem AKU Darmstadt, der ASSE-Gruppe, der B I Salzgitter, ‚Spezialisten‘ im Landkreis Lüchow-Dannenberg etc. Diese Zusammenarbeit könnte sich auf einen kontinuierlichen Informationsaustausch, auf Veröffentlichung von Beiträgen in dieser Zeitung, Vereinbarungen bezüglich des Vertriebes u. ä. beziehen.

Nicht nur Niedersachsen, sondern auch der Bund wollten in den 80er Jahren die Asse als Atommülldeponie reaktivieren. Im Dezember verwies die sozial-liberale Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) auf „Bemühungen des Bundes um die Nutzung des ehemaligen Salzbergwerks Asse II als Endlager für schwachradioaktive Abfälle“. Die zu erwartenden Mengen an atomarem Müll könnten nicht allein in dem vorgesehenen Endlager Gorleben gelagert werden, deshalb sei es „dringend erforderlich, für schwachradioaktive Abfälle möglichst noch in den 80er Jahren wenigstens eines der geplanten Endlager Konrad oder Asse in Betrieb zu nehmen“.

Die ganze Geschichte: