Gorleben-Chronik

1980 - „Republik Freies Wendland“
Platzbesetzung der Bohrstelle „Gorleben 1004“

Anfang Januar (04.01.) beginnt die seit September 1979 vorbereitete erste Tiefbohrung "Gorleben 1003" durch die Physikalisch-technischen Bundesanstalt (PTB) aus Braunschweig. Mit Bohrungen in bis zu 2.000 Metern Tiefe soll der Salzstocks Gorleben-Rambow "erkundet" werden.

Ende Januar wurde mit der Errichtung des 2. Tiefbohrplatzes "Gorleben 1002" begonnen. Mit dem Stück Wald, so der "Widerstand des Wendlands" in einer Zeitungsanzeige, werde "ein weiteres Stück deutscher Demokratie (...) abgeholzt". Aus Protest versprühten Bauern 40.000 Liter stinkende Gülle auf dem Bohrgelände. An "vier Tage des Fastens" riefen WendländerInnendazu auf, "nachzudenken über das, was uns Angst macht". Frauen riefen zum "Gebärstreik" auf: "Keine Zukunft ohne Kinder, keine Kinder ohne Zukunft."

Am 6. Februar bestätigt das Bundesverfassungsgericht das Atomprogramm der Regierung: Eine Verfassungsbeschwerde von AtomkraftgegnerInnen wird abgewiesen und damit die "friedliche Nutzung der Atomkraft" als "verfassungsgemäß" eingestuft.

Am 5. März signalisiert Lüchow-Dannenbergs Kreistag mit Stimmenmehrheit seine Bereitschaft für die Ansiedlung eines Zwischenlagers in Gorleben.

"Nach fast zweistündiger Debatte verabschiedete der Lüchow-Dannenberger Kreistag gestern im großen Saal des Lüchower Gildehauses eine Resolution, in der er seine Bereitschaft bekundet, die Entscheidung der Landesregierung, in Lüchow-Dannenberg ein Zwischenlager für ausgediente nukleare Brennelemente zu erstellen, 'vorurteilslos zu prüfen und nach Erfüllung aller Voraussetzungen auf der Grundlage des vom Kreisausschuss vorgelegten Maßnahmenkatalogs' dem Vorhaben zuzustimmen. Während die CDU-Fraktion geschlossen dafür votierte, stimmte von der SPD-Fraktion Dr. Schwarze als einziger dagegen, sein Kollege Soop enthielt sich der Stimme." (EJZ)

Anfang April, zu Ostern, organisieren die "Gorleben-Frauen" ein internationales Frauentreffen, zu dem mehr als 3.000 Frauen kommen. Unter anderem findet ein Nachtspaziergang zum Bohrplatz statt, wo später das Atommüll-Zwischenlager gebaut wird. Auf wendland.net erinnert sich Widerstand-Veteranin Lilo Wollny 2010 an die Aktion:

"Der Weg zwischen dem Spielplatz, auf dem unser Treffen stattfand und der Bohrstellewar ein schmaler Trampelpfad durch den verbrannten Wald entstanden – ich schätze die Entfernung betrug etwa 3 km. Es war stockfinster und man konnte höchstens zu zweit nebeneinander gehen. Wir warteten , bis die meisten Frauen sich auf den Weg gemacht hatten und setzten uns dann auch in Bewegung. Ab und zu leuchtete eine Fackel auf (etwa jede 50. Frau hatte eine Fackel), wenn die Trägerin über einen Hügel ging. Auf diese Weise erkannte man, dass die Reihe riesig lang war. (...) Doch als wir dann an der Bohrstelle ankamen und der Kreis aus Frauen sich um die wenigen 'Bewacher' geschlossen hatte, war alle Angst verflogen, die Stimmung großartig. Die Bemühung, die eingebauten Wasserwerfer in Betrieb zu nehmen, geriet zu einem ziemlich kläglichen Versuch und würde mit Gelächter und Spott aufgenommen. Es war fast 3 Uhr nachts, als wir endlich zuhause ankamen."

Am Ostersonntag gibt es am Nachmittag eine Demo mit Männern und Kindern. Rebecca Harms, damals 23 Jahre alt, später Europaabgeordnete der Grünen, verliest dabei die "vorläufige Inbesitznahme" des Geländes um die geplante Tiefbohrstelle 1004, der "Keimzelle der Republik freies Wendland". Der Text dieser "Verordnung" entspricht dem Schreiben, mit dem die Besitzer von Grundstücken, auf denen Bohrungen vorgenommen werden sollen, vorübergehend enteignet werden.

Im April stellt die Deutschen Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) einen Bauantrag für das Transportbehälterlager beim Landkreis Lüchow-Dannenberg.

"Republik freies Wendland" - Platzbesetzung der Bohrstelle "Gorleben 1004"

Am 03. Mai 1980, besetzten Tausende Atomkraftgegner ein Waldstück bei Trebel im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Es ist die Geburtsstunde der „Republik Freies Wendland“, die identitätsstiftend für den Widerstand gegen die Atomanlagen in Gorleben wurde.

„Das Freundschaftshaus war von Zimmerleuten im Vorfeld vorbereitet worden. Es war sozusagen ein fertiger Bausatz, der nach Erreichen des Bohrplatzes nur noch aufgestellt werden musste. Es war das einzige Haus, das vorgeplant war. Ich glaube, es hatte sein Vorbild in der Platzbesetzung in Wyhl, es sollte zum Versammlungsort und zum Mittelpunkt des entstehenden Hüttendorfes werden“, berichtet Widerstands-Veteranin Lilo Wollny 2010 dem wendland.net

Innerhalb weniger Tage entsteht auf einem trostlosen, weil zuvor abgebrannten Waldstück ein Dorf aus über 100 Hütten. Die geplante Tiefbohrstelle 1004, eine von vielen, mit der der Salzstock Gorleben auf seine Eignung als „Endlager für radioaktive Abfälle“ untersucht werden soll, wird von Atomkraftgegnern aus dem gesamten Bundesgebiet besetzt.

Aus Holz und Lehm entsteht ein phantasievolles Dorf mit allen notwendigen kommunalen Einrichtungen. Willkommen in Utopia: öffentliche Küche, Sauna, ein Freundschaftshaus, Badehütten, Klos, Gewächshäuser, Gärten, Schweineställe, eine Ponyreitanlage für Touristen, ein mit Windenergie betriebener Tiefbrunnen, eine Solar-Warmwasseranlage, ein Klinikum, eine Einreisebehörde mit Passamt – nicht zu vergessen der Wendländische Frisiersalon. Eine perfekte Infrastruktur der in nur wenigen Tagen aus dem Sand gewachsenen neuen Republik, die natürlich auch über ihre eigenen Medien verfügt: vom Turm des besetzten Platzes sendet der republikeigene Sender „Radio Freies Wendland“ auf UKW 101 MHz sein eigenes Programm.

Schlagbäume grenzen die „Republik Freies Wendland“ vom Nachbarland BRD ab. Das Besetzerdorf macht Schlagzeilen. Niemand vermag sich dem Charme und der Faszination dieses selbstbewussten, fröhlichen Zusammenlebens im Dorf entziehen. Gerhard Schröder, damals JUSO-Chef, spricht sich am Ort des Geschehens gegen eine Räumung aus. 2.000 Menschen von überall her machen sich auf nach Gorleben, um das Dorf zu schützen, als sie von der bevorstehenden Räumung hören.

33 Tage dauert dieser Traum von einer autonomen, selbstverwalteten Gesellschaft, der für viele der mehr als 1.000 Dorfbewohner nicht nur ein Kampf gegen Atomenergie und Atomstaat war, sondern auch die gelebte Utopie einer anderen Gemeinschaftsform.

Der Staat antwortet mit Bulldozern, Raupen und „Apocalypse Now“-tauglich geschminkten BGS-und Polizeiaufgeboten und führte den bis dahin größten Einsatz in der Geschichte der Bundesrepublik durch. Die Armada braucht nur wenige Stunden, um alles dem Erdboden gleich zu machen. Im Morgengrauen des 3. Juni 1980 errichten Polizeieinheiten Straßensperren auf allen Zufahrtswegen zum Hüttendorf.

Am 4. Juni 1980 wird das Hüttendorf durch die Staatsgewalt mit schwerem Gerät niedergewalzt.

„Innenminister Gerhard Baum und Bundeskanzler Helmut Schmidt ließen sich in Bonn alle dreißig Minuten vom Lagezentrum der Polizei darüber berichten, wie ihre rund 10 000 Helme starke Truppen bei der Räumung und Planierung vorankamen“, schrieb damals die „taz“, in einer Sonderausgabe Gorleben.

Der Sender des Hüttendorfs ließ die Lüchow-Dannenberger Bevölkerung an ihren Radios zu „Ohrenzeugen“ des Geschehens werden:

„Die Leute, die abgeräumt werden, machen gar nichts und werden trotzdem zusammengetreten. Einer kann sich schon kaum noch rühren. Es ist ein Wunder, dass sich der Rest noch an die Abmachung hält und nicht zurückschlägt, keinen Widerstand leistet.“

Trotz Angst und Wut über die gewalttätigen Übergriffe der Polizei, hielten sich die Platzbesetzer an ihr Konzept, die Republik Freies Wendland gewaltfrei gegen die staatliche Übermacht zu „verteidigen“.

„Turm und Dorf könnt Ihr zerstören, aber nicht unsere Kraft, die es schuf!“, so hieß es auf einem Transparent im Hüttendorf 1004.

Verdammt lange her. Doch der für eine ganze Generation identitätsstiftende Geist der Freien Republik Wendland, hat sich bis in die Auseinandersetzungen um die Atommülltransporte nach Gorleben niedergeschlagen.

Die Forderungen der Platzbesetzer von 1004 sind noch heute aktuell:

Auszug aus der Bekanntmachung – vorzeitige Besitzeinweisung – Mai 1980:
„Durch die bergmännische Erschließung besteht die Gefahr, dass der Salzstock Gorleben als Endlager für radioaktive Abfälle genutzt wird, obwohl er dafür nach international geltenden Kriterien nicht geeignet ist. Da andere Salzstöcke nicht untersucht werden, besteht der begründete Verdacht, dass der gläubigen Bevölkerung mit den Tiefbohrungen nur eine Prüfung des Salzstockes vorgespielt wird. Dies bestätigen auch die nicht eingehaltenen Versprechungen von Politikern, deren Kriterienkatalog bis heute nicht existiert.“

Weitere Informationen:

Zum 40. Jahrestag im Mai 2020:

Ein Hamburger Geologieprofessor wird nach dem Bonner Gorleben-Hearing im Sommer in einem Intercity-Zug unfreiwillig Zeuge eines Gesprächs, bei dem Vertreter der PTB, des niedersächsischen Sozialministeriums und der "Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen" (DWK) über Wege diskutierten, wie unter Umgehung von Rechtsvorschriften ein Probeschacht im Gorlebener Salzstock bereits so breit angelegt werden könnte, dass er später als Zugang zu einem Endlager dienen könne. Heintz gibt später seine Teilnahme an diesem Gespräch zu.

Am 16. Juli gründet die Deutschen Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) die Betreibertochter des Zwischenlagers Gorleben, die Brennelemenlager Gorleben GmbH (BLG).

Am 17. Juli stellt die Brennelemenlager Gorleben GmbH (BLG) beim Landkreis Lüchow-Dannenberg einen Bauantrag für das atomare Abfalllager für schwach- und mittelaktiven Müll.

Im Herbst verdichten sich in der Öffentlichkeit die Gerüchte, daß in Gorleben der Bau eines Zwischenlager für hochradioaktiven Atommüll in Castor-Behältern geplant ist.

Die ganze Geschichte: