Gorleben-Chronik

Gorleben-Chronik - 1984

Der erste "Tag X"

Ein Jahr von großer Bedeutung für die Zukunft des Atomprogramms im Wendland, "das Vertrauen hat sehr gelitten". Menschenkette und Wendland-Blockade gegen die WAA-Pläne in Draghan. Unter erheblichem Protest erreicht ein erster Atommülltransport das Fasslager Gorleben.


"Durch große Zahl, Entschlossenheit und Verbundenheit" soll der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht gezwungen werden, sein "Atom-Konzept" endgültig aufzugeben. (Aufruf zu Protesten in 1984)

März

12.03.1984

Am 12. März beginnt der Erörterungstermin zur Errichtung der Wiederaufarbeitunganlage in Dragahn in Hitzacker. 29 300 Einwendungen waren eingereicht worden. "Eine Welle von Mißtrauen" schlägt Ministerialdirigent Wälzholz, Leiter der Abteilung Gewerbe, Umweltschutz und Kernenergie im niedersächsischen Ministerium für Bundesangelegenheiten entgegen. Man kommt "über Verfahrensfragen und Befangenheitsanträge kaum hinaus". Nach drei Tagen bleiben die meisten Kritiker:innen der Veranstaltung fern.

Der "Sicherheitsbericht", den die "Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen" (DWK) für Dragahn vorgelegt hat, steht nach Ansicht kritischer Wissenschaftler auf schwachen Füßen. Professor Armin Weiss vom Institut für Anorganische Chemie der Universität München hält die DWK-Angaben für "zum Teil falsch, zum Teil unvollständig und zum Teil irreführend". Der summarischen DWK-Behauptung etwa, von den in der Anlage "gehandhabten radioaktiven Stoffen" werde "nur ein geringer Anteil in kontrollierter Weise" an die Umgebung abgegeben, widerspricht Weiss mit der Feststellung, "wichtige radioaktive Nuklide" seien im Sicherheitsbericht "überhaupt nicht aufgeführt". (SPIEGEL, 18.03.1984)


"Das Vertrauen hat sehr gelitten, die Unwägbarkeiten sind gewachsen und wir sind beunruhigter als je zuvor."


Tatsächlich sind es die natürlichen Gegebenheiten, die an der Eignung des Salzes unter Gorleben, in dem hochaktiver Müll für alle Zeiten verschwinden soll, immer heftiger zweifeln lassen: Das Deckgebirge ist nicht dicht, der Salzstock keineswegs stabil seit Jahrmillionen, das Grundwasser steht nicht, sondern fließt und laugt Salz ab. Und wie Salz reagiert, wenn es durch Atomabfall aufgeheizt wird, weiß niemand genau. Eine eben erschienene Studie des Instituts für ökologische Forschung in Hannover kommt zu einem vollends vernichtenden Resultat: "Sollten die weiteren Untersuchungen ... gelegentlich einzelne positive Befunde liefern, so können mit diesen die schlechten Eigenschaften von Salzstock und Deckgebirge nicht ausgeglichen werden." (SPIEGEL, 18.03.1984)


Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht kommentiert das so: "Dann muß man einen anderen suchen."

Quelle: u.a. SPIEGEL, 18.03.1984

19.03.1984

Weil sie ein Nagelbrett auf eine Straße im Wendland gelegt haben, werden drei AKW-Gegner*innen zu neun, sieben und vier Monaten Gefängnis verurteilt.
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag

Menschenkette Hitzacker - Clenze

24.03.1984

Auf einer Strecke von 26 Kilometern reichen sich am 24. März AKW-Gegner*innen und Friedensaktivist*innen die Hand: Eine Menschenkette wird von Hitzacker bis nach Clenze geschlossen.

12.000 Menschen nehmen teil und protestieren von 14 bis 14.10 Uhr gegen die WAA-Pläne und Atommülllager im Wendland.

30.03.1984

Auf den Bahnstrecken Dannenberg - Lüneburg und Dannenberg - Uelzen werden in der Nacht Bahnübergänge zubetoniert, Schrauben am Gleis gelockert, Signalanlagen und Weichen außer Betrieb gesetzt.
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag

April

28.04.1984

Unbekannte, die mit "Autonome Revolutionäre Aktion" zeichnen, sprengen einen Strommast in unmittelbarer Nähe des AKW Brokdorf.
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag

Wendlandblockade

30.04.1984

Am 30. April findet die erste "Wendlandblockade" statt: Für 12 Stunden werden alle wichtigen Zufahrtsstraßen nach Gorleben blockiert. Generalprobe für den ersten Atommülltransport. Trotz Demonstrationsverbot beteiligen sich über 3.000 Menschen und verstellen die Straßen mit Autos, Traktoren oder Bäumen. Die Polizei antwortet mit dem Einsatz von Räumgerät und Wasserwerfern. In Gülden wird ein Camp geräumt, 500 Menschen festgenommen. Autos werden in die Straßengräben geschoben, bei 50 PKW lassen Polizist*innen die Luft aus den Reifen und zerschlagen deren Scheiben. Die BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg und auswärtige Gruppen loben die gute Koordination der Widerstandsaktionen.

Mai

Polizeipräsenz rund um die Uhr: Im Vorfeld des ersten Atommültransports beginnt die Polizei mit einer "Rundum-Observation". Am hellichten Tag werden die Kennzeichen ordentlich geparkter Autos etwa in Platenlaase notiert. Nachts dringen Streifenwagen der Polizei auf Bauernhöfe vor und inspizieren abgestellte Fahrzeuge auf privatem Grund. Im Mai erteilt der Generalstaatsanwalt am Landgericht Celle auf Grundlage des Paragraphen 129 (Gründung bzw. Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung) einer Sonderkommission umfangreiche Ermittlungsbefugnisse: Abhören von Telefongesprächen, Durchsuchungen und Obervationen.

19.05.1984

Zu einem Brandanschlag auf Fahrzeuge einer am Endlagerbau beteiligten Firma aus Soltau bekennen sich AKW-Gegner*innen. Der Sachschaden beträgt 500.000 DM.
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag

Juni

Laut Verfassungsschutzbericht 1983/84 sollen 1984 die Hälfte aller Anschläge auf Atomanlagen in Deutschland im Landkreis Lüchow-Dannenberg stattgefunden haben. Der dabei entstandene Sachschaden belief sich auf 3,8 Millionen DM. Im Wendland seien zudem Gleisanlagen beschädigt worden, was einen Schaden von 500.000 DM verursacht habe.

17.06.1984

Mehrere Bagger einer im Wendland tätigen Lüneburger Baufirma fangen Feuer.
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag

Juli

1984 hat der wendländische Widerstand schon über 10 Jahre intensiven Protest hinter sich. Nach der Fertigstellung von Abfalllager und Transportbehälterlager (für den hochaktiven Müll) in Gorleben ahnen die Lüchow-Dannenberger, dass irgendwann der "Tag X", die Anlieferung des ersten „Castors“, kommen wird. Mit Plakaten und Handzetteln rufen sie dazu auf, an diesem Tag massenhaft Widerstand zu leisten. Es entsteht ein Plakat, dass später eines der berühmtesten der Gorleben Geschichte werden sollte:

Gezeigt wurde ein großes X, dazwischen dünne Kiefernstämme. "Verhindert die Atommülltransporte ins Wendland" heißt es am unteren Rand.


Im Sommer machen "wie in einem Amoklauf" diverse Staatsanwaltschaften Jagd auf die gelben "Tag X"-Plakate. BI- und Parteibüros sowie Druckereien in Hannover, Göttingen, Lüneburg, Lüchow und anderen Städten werden durchsucht, AKW-Gegner*innen im gesamten Bundesgebiet mit Strafverfahren überzogen. Wer dieses Plakat zu Hause hatte oder gar in die Öffentlichkeit hängte, musste mit strafrechtlichen Maßnahmen rechnen. Der Vorwurf: ein angeblicher "Aufruf zur Gewalt". Das Ziel: Nicht nur die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. als Herausgeberin sollte kriminalisiert und damit mundtot gemacht werden.

Martin Mombaur, ehemaliger Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz und 1985 Landtagsabgeordneter, übernimmt mit einer Landtagskollegin die alleinige Verantwortung für das Plakat.

28.07.1984

Zwischen dem 28. Juli bis zum 7. August findet eine Fahrradstaffel zwischen dem wendländischen Dragahn und dem geplanten WAA-Standort Wackersdorf in Bayern statt.
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag

August

Im Juli/August finden im Wendland Sommercamps statt, die Beteiligung ist allerdings mager.
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag

September

25.09.1984

Razzia in Lüneburg bei der atommüllzeitung und beim Arbeitskreis gegen Atomanlagen. Polizisten und Staatsanwälte durchsuchen drei Wohnungen, beschlagnahmen "Tag X"-Plakate, Flugblätter, Aufkleber. Gegen fünf vermeintlich "Verantwortliche" wird wegen Aufruf zu Straftaten ermittelt. Der sicherheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Olderog, erklärt: "Die von der Staatsanwaltschaft jetzt in Lüneburg sichergestellten Dokumente über die geplanten Sabotageaktionen von Kernkraftgegnern beweisen unwiderleglich: Im Bundesgebiet ist eine bestens organisierte Szene militanter Gewalttäter entstanden, die unter dem Deckmantel des sogenannten Widerstands bedenkenlos zum Bruch geltenden Rechts entschlossen ist."
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag

Oktober

Tag X

08.10.1984

Mit 80 Kilometern pro Stunde durch geschlossene Ortschaften, im Zickzack-Kurs durch das Wendland und über Feldwege erreicht der erste Atommülltransport am 8. Oktober das Zwischenlager Gorleben. Absender der insgesamt und in zwei Chargen angelieferten 506 schwachaktiven Atommüllfässer war das Atomkraftwerk Stade, wo ein "akuter Entsorgungsbedarf" bestand.

8. Oktober 1984: Um 8.42 Uhr am Morgen verlassen vier Tieflader mit 210 Zweihundertliter-Fässern das AKW Stade. Ein Großaufgebot von Polizei und Bundesgrenzschutz sichert den Transport, der über Uelzen ins Wendland rollt. 50 Mannschaftswagen mit etwa 2.000 Beamten sichern die Straßen, Hubschrauber begleiten den Konvoi aus der Luft. Zwischen Gedelitz und Gorleben werden entlang der Straße über mehrere Kilometer NATO-Draht ausgelegt. Am frühen Abend können AKW-Gegner den Transport zeitweise aufhalten - allerdings erst wenige Hundert Meter vor dem Zwischenlager.


Am Abend verbreitet sich das Gerücht, dass am Folgetag erneut ein Transport von Stade nach Gorleben stattfinden soll. Zahlreiche Straßenblockaden mit quergestellten Fahrzeugen, Baumstämmen und brennenden Strohballen werden vorbereitet.

09.10.1984

Am 9. Oktober 1984 um 9.45 Uhr starten in Stade erneut Sattelschlepper mit weiteren 296 Fässern, die auf zehn Container verteilt sind. Rund 40 Mannschaftswagen der Polizei sichern den Transport, der an diesem Tag deutlich mehr Hindernisse überwinden muss. Dennoch erreicht der Konvoi am Abend das Zwischenlager in Gorleben.

Unter der Lieferung befinden sich falsch deklarierte Fässer aus dem Transnuklear-Skandal. In die als schwachradioaktiv deklarierten Atommüllfässer war illegal hochradioaktives Plutonium beigemischt worden.

Während damals noch die Mehrheit unserer Lokalpolitiker das Zwischen(?)-lager als Segen für die Region pries – es hat ja Millionen in die lokalen Kassen gespült! – wurden viele nachdenkliche,wache Bürger nicht müde zu warnen: In Leserbriefen, Appellen, Anzeigen auf fast jeder Seite unserer Lokalzeitung, in Menschenketten, Prozessen und schließlich der Wendlandblockade zeigte sich der Unmut, aber auch die Hilflosigkeit gegen "die oben".
Marianne Fritzen, Vorsitzende der BI, 2014 in der Gorleben-Rundschau

10.10.1984

Am 10. Oktober lehnt das Verwaltungsgericht Lüneburg den Antrag auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung der Klage gegen die Betriebsgenehmigung des Zwischenlagers ab. Es gäbe keine "neuen Erkenntnisse", die eine Aufschiebung rechtfertigen würden.

10.10.1984

Am 10. Oktober zeigt der Betreiber des Zwischenlagers, die Brennelemente-Lager-Gesellschaft (BLG), dem Gewerbeaufsichtsamt Lüneburg (GAA) Korrosionsschäden am Fußboden der Halle an. Durch die Dauerbelastung mit schweren Lasten sei es zum "Aufbruch der Materialfehler im Estrich" gekommen. Kritiker*innen sprechen von "4 bis 5 mm großen Poren" und "handtellergroßen Löchern" im Fussboden. Dieser erfülle damit nicht die Voraussetzung für die Einlagerung von Atommüll, weil er dafür "leicht dekontaminierbar" sein muss.

Obwohl die Schäden keine Bedeutung für die Sicherheit hätten, verfügt das Amt einen Einlagerungsstopp, die angelieferten Container dürfen aber entladen werden. Der Direktor der GAA, Schwerter-Strumpf: "Wären die Schäden vor dem 8. Oktober bekannt gewesen, wäre das Zwischenlager natürlich nicht in Betrieb genommen worden."

13.10.1984

Auf die Anlieferung des ersten Atommülls in Gorleben antworten am 13. Oktober mehrere tausend Menschen mit einer Demonstration in Lüchow.
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag

15.10.1984

Zwischen dem 15. und 19. Oktober finden bei mehreren AKW-Gegner*innen im Wendland Hausdurchsuchungen statt.
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag

31.10.1984

31. Oktober: Rücktransport eines Fasses wegen zu hoher Strahlung zum AKW Stade. Die Überschreitung der Grenzwerte war erst drei Wochen nach Einlagerung entdeckt worden.

Die ganze Geschichte: