Gorleben-Chronik

1983 – Dragahn: Eine WAA wird verhindert

349_11899-300x206„Hannoversches Wendland“: Im Januar macht sich bei Regen und Sturm eine Abordnung verschiedener Widerstandsgruppen aus dem Wendland zu Fuß auf den Weg nach Hannover. Am 29. Januar erreichen sie die Landeshauptstadt und errichten dort aus Protest gegen die WAA-Pläne in Dragahn die „Arche Wendland“, ein Fachwerkhaus aus Öko-Baustoffen, Bühne für Kultur und kritische Informationen. An der Demonstration nehmen ca. 1.000 Menschen, überwiegend aus dem Wendland, teil.

Am 21. Januar spricht sich der Kreistag Lüchow-Dannenberg für die „Prüfung“ von Dragahn als WAA-Standort aus und entscheidet wenige Tage später mehrheitlich: Die WAA soll gebaut werden. Die Gegner*innen des Projekts antworten mit einer erneuten Kundgebung in Karwitz / Dragahn. Pastoren und Christen beginnen auf Markt- und Dorfplätzen mit wöchentlichen Schweigestunden.

Ca. 300 Trecker und mehr als 2.500 Menschen demonstrieren am 20. Februar in Dannenberg gegen den Plan, Dragahn zum Standort einer WAA zu machen.

Ein spektakulärer Brand im Mischwerk Teichlosen verursacht im Frühjahr Schaden von rund einer Million Mark. Das Unternehmen sollte wenige Stunden später Asphalt für das Endlager-Projekt Gorleben liefern.

Im Mai erklärt Professor Helmut Röthemeyer, damaliger Leiter der Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB), dass eine „interne Gesamtbewertung“ der bis dahin vorliegenden Untersuchungsergebnisse zum Salzstock Gorleben empfehle, „das Erkundungsrisiko breiter zu streuen“. Die PTB wollte also neben Gorleben weitere Salzstöcke erkunden. Zwei Jahre später erfährt die Presse, dass die Bundesregierung der PTB per Weisung untersagt hatte, derartige Überlegungen anzustellen. Stattdessen wird die „Eignungshöffigkeit“ von Gorleben bestätigt.

Ostern: Proteste in Dragahn

800 Ostermarschierer im Dragahner Forst behindern am 20. Mai die Baugrunduntersuchungen.

Am 23. Mai besetzen Hundert Bürger*innen ein leer stehendes Bahnwärterhäuschen in Dragahn.

Gorleben ist überall – Zum Beispiel in Dragahn.

Ein paar Häuser, eine Försterei. Das abgeschirmte Gelände einer Delaborieranlage. Geheimnisumwittert. Im zweiten Weltkrieg Schauplatz für die TNT-Produktion. Arbeitsdienst, Gefangene, Frauen, deren Haare sich rot färbten, weil sie das Brunnenwasser getragen hätten, so wurde erzählt. Ein verwaister Ort, aber plötzlich, im Mai 1983, war Leben im Wald.

Um den Herren in legerem Zivil hat sich schnell ein diskutierender Pulk gebildet. Er könne sich vorstellen, demnächst mein Einsatzleiter zu werden, antwortet er auf meine Frage, in welcher Funktion er denn auftrete und lässt seine Dienstwaffe dezent unbetont unterm Blouson baumeln. Kräuselt die Stirn. Vorm Bahnwärterhaus im Dragahner Forst kuscheln und drängen sich übernächtigte Gestalten zusammen. Sie haben die leeren Räume besetzt, Fensterglas eingesetzt, gestrichen und Blumenkübel bepflanzt. Die Mainächte sind verdammt kühl. Sehen gar nicht wie Gewalttäter aus, entbieten ihm, dem Einsatzleiter, und seinen Begleitern in Uniform sogar einen guten Morgen und frische Brötchen.

Wer soll das auch alles aufessen: 60 Brötchen und 10 Liter frisch gebrühter Kaffee wurde schon vor 6 Uhr früh gebracht, von Sympathisanten. Polizeilich präventiv wolle er vorgehen, denn die Platzbesetzung der Bohrstelle 1004 war schließlich erst 2 Jahre her, verrät der Zivile noch. Könnte aus der Besetzung eines verlassenen Bahnwärterhäuschens durch eine Handvoll Entschlossener nicht schnell der Funken werden, der zum Steppenbrand sich ausweitet? Schön wär´s denke ich. Wo denn unsere Sprecherin sei, meint der Polizeichef nun und betont die weibliche Form: Sprecher-in. Oha, der ist ja gut informiert, hat schon die Morgenzeitung gelesen, denn dort wurde tatsächlich eine Sprecherin zitiert. Wir, die WAA-GegnerInnen, würden das Häuschen als Infostelle herrichten.

Die erste Filmnacht unter freiem Himmel lockte viele Ortsansässige an. Demnächst sollten im Wald Flachbohrungen stattfinden, um den Baugrund zu erkunden, und das wolle man verhindern! Man schreibt das Jahr 1983.

Nun gab es zwei Brennpunkte der Anti-AKW-Bewegung, Gorleben und Wackersdorf.
Schon fünf Jahre später zog die DWK die Pläne für den Bau von Wiederaufarbeitungsanlagen endgültig zurück, abgebrannte Brennelemente deutscher Atomkraftwerke wurden nach Frankreich, nach Cap de la Hague gekarrt, der Müll kommt nach der chemischen Bearbeitung dennoch zurück – wie ein Bumerang nach Gorleben.

Wolfgang Ehmke, Pressesprecher der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg

„Gorleben statt Kreta“

„Gorleben statt Kreta“ titelt die taz am 14. Juni: Über vier Wochen finden im Wendland zwischen dem 18. Juni bis 17. Juli „Aktions- und Sommercamps“ statt. Nach einem Vorbereitungstreffen am 30.4. im Gasthaus Behr in Gülden heisst es in der „Dokumentation zu den Sommerlagern 1983 in der Atomregion Gorleben und Dragahn“: Zeltplätze werde es in Schmölau, Golefanz, 2x Pudripp, Bülitz, Trebel, Meuchefitz und Dragahn geben. Es gebe Platz für ca. 500 Menschen.

„Ende des Jahres soll der erste Atommüll in Gorleben eingelagert werden. Es wird also BRENZLIG!“

Im Verlauf der Sommercamps besetzen am 2. Juli erneut Gorleben-GegnerInnen das „Niemandsland“ zwischen Bundesrepublik und DDR und errichten ein kleines Zeltlager:

„Erst hüpften sie am vorletzten Wochenende südlich des Grenzdorfes Teplingen über einen Wassergraben, dann, vorigen Dienstag, spazierten sie, 32 Kilometer entfernt, beim Grenzdorf Gummern südlich Schnackenburg aus einem westdeutschen Föhrenhain ins ostdeutsche Brachland hinüber.“ (SPIEGEL vom 11.07.1983)

Die Aktivist*innen beklagen: Das Wendland ist von drei Seiten von der ehemaligen Grenze der DDR und der Elbe umgeben. Bei einem Atomunfall werde Lüchow-Dannenberg zu einer „Falle“. Neben der Offenlegung von Katastrophenschutzplänen fordern sie ein Ende der Arbeiten im Dragahner Forst.

Am 13. Juli stimmte das Bundeskabinett unter Helmut Kohl der „untertägigen Erkundung“ des Salzstocks Gorleben zu.

Noch 1979 hielt die Atomlobby eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) mit 1.400 Tonnen Jahresdurchsatz für unerläßlich. Nachdem zwei Standorte für den Bau einer WAA in Hessen und in Rheinland-Pfalz ausgeschieden sind, läuft 1983 die komplizierte Genehmigungsprozedur für Wackersdorf (Bayern) und in Dragahn (Niedersachsen).

Nach dem Regierungswechsel in Bonn wollte die Elektrizitäts-Wirtschaft endlich voll auf Atom-Kurs gehen. Doch das rechnet sich nicht. Statt der geplanten zwei soll nur noch eine Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Uranbrennelemente gebaut werden. Nicht einmal die jetzt vorgesehene Minianlage (im Gespräch war eine Kapazität von lediglich 350 Tonnen pro Jahr) werde von Anfang an ausgelastet sein. Nach damaligen Planungen sollte die WAA 1992 in Betrieb gehen. (SPIEGEL)

„Die Atomgegner haben der deutschen Industrie die größte Fehlinvestition ihrer Geschichte erspart“, so ein Ministerialbeamter aus dem Bonner Forschungsministerium. (SPIEGEL Nr. 29 vom 18. Juli 1983)

Am Hiroshima-Tag, 6. August, demonstrieren 2.000 Menschen in Dragahn gegen die zivile und militärische Nutzung der Atomenergie.

Am 03. September wird die Aufbewahrungsgenehmigung für das Zwischenlager Gorleben erteilt. In der Halle dürfen künftig 420 Transport- und Lager-Behälter vom Typ „Castor“, umgerechnet 1.500 Tonnen Schwermetall (Uran, Plutonium und andere Spaltelemente) gelagert werden. Zwei Anwohner*innen klagen gegen die Genehmigung. Bis 1994 gibt es vom zuständigen Verwaltungsgericht Lüneburg kein Urteil.

Am 09. September genehmigt das Bergamt Celle den im März 1982 beantragten Rahmenbetriebsplan für die Erkundung des Salzstocks Gorleben.

Planung WAA Dragahn

Im Oktober legt die „Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen“ (DWK) einen im Detail ausgearbeitete Bauplan für eine WAA in Dragahn vor.

Am 27. Oktober wird dem „Fasslager“ die Genehmigung nach §3 StrSchV für die Lagerung konditionierter fester schwach- und mittelradioaktiver Abfälle aus Atomkraftwerken, Medizin, Forschung und Gewerbe erteilt.

Im November der Sicherheitsbericht für die WAA Dragahn ausgelegt. Bis zum Jahresende gehen 29.300 Einsprüche, davon rund 15.000 aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg, bei der Kreisverwaltung ein.

Die ganze Geschichte: