Gorleben-Chronik

Gorleben-Chronik - Themenecke

2001:

März-Castor

Zwei Castoren rollen in einem Jahr, März: 16.000 Menschen protestieren in Lüneburg gegen den ersten Castor-Transport nach einer langen Pause, X-tausend blockieren in Wendisch-Evern, in Süschendorf ketten sich Aktivist:innen an einen Betonblock im Gleisbett und zwingen den Zug zum Rückwärtsgang.

2000


01.12.2000

Am 1. Dezember erteilt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) eine Änderungsgenehmigung für das Transportbehälterlager Gorleben. Damit ist die künftige Nutzung weiterer Behälter-Bauarten für die bereits 1995 genehmigten Brennelement-Typen sowie geringe Modifikationen dieser Brennelemente erlaubt. Die in dieser Genehmigung zudem festgelegten Technischen Annahmebedingungen regeln insbesondere die Art und Weise der Abfertigung der Transport- und Lagerbehälter in den Atomkraftwerken und bei der Wiederaufarbeitungsanlage der COGEMA in La Hague, Frankreich. Aufgrund der Erkenntnisse über Kontaminationen und über Probleme bei der Trocknung sowie bei der Moderatorausdehnung wird zukünftig die Abfertigung der Behälter in den AKW und bei der COGEMA auf geänderte Weise erfolgen. Diese Genehmigung ist eine wesentliche Voraussetzung für die Rückführung radioaktiver Abfälle in Form von Glaskokillen aus Frankreich. Dadurch ist dem Castor-Transport im Frühjahr 2001 der Weg geebnet worden.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

Grüne: Nicht an Castor-Protesten teilnehmen

2001


22.01.2001

In einem Beschluss des Parteirates von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 22. Januar heisst es:

"Wir stehen zu dem vereinbarten Ausstieg aus der Atomenergie. Wir stehen auch zu unserer internationalen und moralischen Verpflichtung: Deutschland muss den Atommüll aus Frankreich und Großbritannien zurücknehmen. Das erwarten auch die französischen Grünen und die Anti-Atomkraftbewegung in Frankreich von Bündnis 90/Die Grünen. Nach der Vereinbarung von Restlaufzeiten, nach dem Moratorium bei der Erkundung des Endlagers Gorleben, nach der Abarbeitung der Auflagen zur Transportsicherheit sehen wir die Voraussetzungen zur Wiederaufnahme der Rücktransporte deutschen Atommülls als gegeben an. Wir stehen zur Verantwortung des Bundesrepublik für die Entsorgung bundesdeutschen Atommülls eine innerdeutsche Lösung zu finden." (...)


Dieser Tenor, der Parteimitglieder und Ortsvereine der Grünen dazu auffordert, sich nicht an Castorblockaden zu beteiligen, empört die Bürgerinitiative Umweltschutz:

"Für die Umweltverbände und Bürgeriniativen gibt es keine Friedenspflicht, sondern unsere Rolle ist und bleibt die eines politischen Korrektivs", so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. "Wir finden es erschreckend, dass die Regierungsgrünen jetzt sogar dieses Funktionselement der Demokratie in Frage stellen und sich von den Errungenschaften der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung distanzierten". Aktionen zivilen Ungehorsams wie Sitzblockaden gehörten zum unverzichtbaren Instrument der radikaldemokratischen Basisbewegungen.

24.01.2001

"Ich stehe ungebrochen zu meinem Wort, solche Protestdemonstrationen - so wie ich das auch in früheren Jahren gemacht habe - zu unterstützen", so die niedersächsische Vorsitzende der Grünen, Rebecca Harms in einem Offenen Brief. Sie hatte gegen den Parteiratsbeschluss gestimmt.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

25.01.2001

Die Lüchow-Dannenberger Bündnisgrünen machen sich am 25. Januar für weitere Proteste gegen Atomtransporte stark und kontern der Empfehlung ihres Parteirates auf Bundesebene, sich nicht an Castor-Blockaden zu beteiligen. Eine Erklärung des Kreisverbandes wird neben dem Vorstand unter anderem auch von der ehemaligen Europaabgeordneten Undine von Blottnitz und der Landtagsabgeordneten Rebecca Harms getragen.

"Die Empörung über den Maulkorb, den die Parteispitze den atomkritischen Landesverbänden und Parteimitgliedern verpassen will, ist spürbar groß", so die BI-Vorsitzende Edelgard Gräfer. Der Parteiratsbeschluss gehe "nach hinten los", das hätten "nicht zuletzt zahlreiche Anrufe im Lüchow BI-Büro gezeigt, wo die Fäden für die Mobilisierung gegen den nächsten Gorleben-Transport zusammenlaufen".

Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

26.01.2001

Einen Einblick in die Stimmung im Landkreis Lüchow-Dannenberg vor dem Castor-Transport gibt die Elbe-Jeetzel-Zeitung am 26. Januar:

Mehrere Leute stoppten am gestrigen Donnerstag in Meuchefitz einen auf Streife befindlichen Gruppenwagen der Polizei. Man machte sich an den Scheibenwischem zu schaffen, öffnete die Türen, einer mopste sogar den Zündschlüssel und lief weg. Als der polizeibekannte Dieb gestellt wurde, bedrohte er die Polizeibeamten mit einer Dachlatte, bevor er sich in einem Haus versteckte. Auf der Straße wurde unterdessen über den Sinn und Zweck der Polizeistreife diskutiert. Nach telefonischen Vermittlungsgesprächen sind die Autoschlüssel wieder herausgegeben worden. Die Polizei leitet nun ein Ermittlungsverfahren ein: wegen Nötigung und Bedrohung.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

28.01.2001

Zu einer erneuten Protestaktion gegen den angekündigten Atommülltransport in das Zwischenlager Gorleben kommt es am 28. Januar: Bei einem der regelmäßigen sonntäglichen "Schienenspaziergänge" besetzen gegen 14.00 Uhr rund 150 Atomkraftgegner:innen die Gleise am Dahlenburger Bahnhof. 150 Polizist:innen drängten die Menschen ab, nachdem sie sich deren Aufforderungen widersetzt hatten. Direkt neben dem Gleisbett durfte der Spaziergang dann Richtung Bahnhof Bavendorf fortgesetzt werden. Auf der Bundesstraße wurden sie von Treckern aus den Kreisen Uelzen und Lüneburg unterstützt.

Die Beamten hatten Schwierigkeiten, den sich über mehrere hundert Meter langziehenden Demonstrationszug so zu bewachen, dass keine Personen die Gleise betraten. Einige Aktivist:innen nutzen vorhandene Lücken, um die Schienen doch zu begehen. Dabei wurden einige Personalien festgestellt.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

01.02.2001

Am 1. Februar treffen sich Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Frankreichs Premierminister Lionel Jospin in Straßburg und verständigen sich auf eine Wiederaufnahme der Transporte von nuklearen Abfällen. Ein erster Transport zur Rücknahme von Abfällen deutscher Atomkraftwerke aus der Wiederaufarbeitung findet Ende März/Anfang April statt, schreibt das Bundesministerium für Umwelt. Damit könnten auch die Transporte abgebrannter Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken nach Frankreich wiederaufgenommen werden.
Quelle: BMU

"Wir bringen den Transport ins Zwischenlager"


02.02.2001

Am 2. Februar trifft sich der niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel mit drei Vertreter:innen der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. "Wir bringen den Transport ins Zwischenlager" konstatiert der Regierungschef. Nach wie vor, so hob Gabriel hervor, halte die Landesregierung Gorleben nicht als Endlager-Standort geeignet. Doch er befürchte, "dass es jedoch in dieser Sache bundesweit zu einer Einigung kommt, die letztlich zu Lasten Niedersachsens gehen werde". Gabriel: "Niedersachsen will nicht das Atomklo der Republik werden". Er habe Verständnis für die "nahezu unerträgliche Belastung der hiesigen Bevölkerung durch den Gorleben-Konflikt".

"Wenn wir jetzt unterscheiden zwischen guten und schlechten Transporten, dann wären 20 Jahre umsonst gewesen", so Mathias Edler, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz. Ein jeder Atommüll-Behälter zementiere den Standort Gorleben, so Edler auf der Pressekonferenz.


Gegen die "artgerechte Menschenhaltung" protestiert dabei die Bäuerliche Notgemeinschaft. Die Polizei hatte angekündigt, für Masseningewahrsamnahmen beim Castor-Transport in der Mehrzweckhalle der Kaserne Lüchow "Demo-Käfige" aufzustellen.

Das sei ein "unnötiges Übel", mit dem Ingewahrsamnahme von Castor-Demonstranten angedroht werde. Bereits im Vorwege des angekündigten Castor-Tranportes nach Gorleben würden "bewusst Bilder von guten und bösen, friedfertigen und gewaltbereiten Demonstranten hervorgerufen", kritisiert die Notgemeinschaft.

"Ich will hier raus", brüllte Adi Lambke, prominenter Senior des Anti-Atomkraft-Widerstandes quer über den Dannenberger Marktplatz, als Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel seiner Limousine entsteigt. Adi hockt in einem engen Käfig, den die Bäuerliche Notgemeinschaft herangekarrt hat. Adi war an die Gitterstäbe gekettet, hatte zu seiner linken einen schäbigen Klo-Trichter, zur Rechten einen grimmig den Gummiknüppel schwingenden "Polizisten".

Das Wort oder die Vorstellung von einem "Käfig" sei "nicht dazu geeignet, Emotionen abzubauen", so Gabriel und kündigt an, Gespräche mit der Einsatzleitung der Polizei über die Notwendigkeit der Verwendung der Käfige zu führen.

Die Bäuerliche Notgemeinschaft bietet der Bezirksregierung Kooperationsbereitschaft an: Entlang der Schienen- und Straßentransportstrecke sollten von der Einsatzpolizei die "Mehrzweckzellen" verteilt werden, incl. Telefon, Toiletten, Ruhemöglichkeit und Decken. Die Notgemeinschaft sorgt mit Siloplane für einen Wetter- und mit Strohballen für Wärmeschutz. Zur Stärkung der erschöpften Demonstrationsteilnehmer:innen wird "White Wendish", eine einheimische Schafsmilchspezialität, von BI-Vorständlern gereicht. Unter einer Decke können Polizei und Widerstand dann den weiteren Einsatz und ein gemeinsames Vorgehen bei X-vier deeskalierend klären. (PM Bäuerliche Notgemeinschaft, 2.2.2001)
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung / PE BI und Bauern

03.02.2001

"Die jetzt angekündigte Wiederaufnahme der Transporte macht alles nur noch schlimmer", so Jochen Stay, Sprecher der Kampagne "X-tausendmal quer" am 3. Februar. So könnten die Atomreaktoren weiterhin Müll produzieren, und die gefährlichen Atomzüge rollten wieder durch dicht besiedelte Gebiete. In Gorleben würden sich die Castoren häufen, obwohl niemand wisse, was nach der Zwischenlagerung angesichts eines fehlenden Endlagers werden solle. "Durch die deutsch-französische Vereinbarung ist deutlich geworden, dass da nicht nur ein um 180 Grad gewendeter Minister Trittin für Transporte eintritt, sondern dass Atompolitik Chefsache für Schröder ist", so Stay.
Quelle: dpa

03.02.2001

Am 3. Februar erklären sich 34 Pastorinnen und Pastoren der Kirchenkreise Lüchow und Dannenberg in einer Zeitungsanzeige solidarisch mit den Anti-Castor-Protesten im Wendland:

* "Wir haben die bisherigen Castor-Transporte abgelehnt. Auch dem jetzt angekündigten Transport stimmen wir nicht zu. Unsere Bedenken sind nicht ausgeräumt.
* Wir befürchten, dass mit diesem Transport Gorleben als Endlagerstandort zementiert wird.
* Dieser Transport ist unvereinbar mit den geltenden Beschlüssen der evangelischen Kirche: (...)"
Quelle: "Erinnerung", EJZ vom 3.2.2001

07.02.2001

Am 7. Februar kündigt die Initiative "X-tausendmal quer" eine Sitzblockade auf der Schiene kurz hinter Lüneburg bei Wendisch Evern an.

"So wird es für den Castor-Zug nicht einfacher in den Landkreis zu rollen: Wir kommen ihm entgegen", so Jochen Stay von der Initiative "x-tausendmal quer".

09.02.2001

Auch ein Krisengespräch zwischen dem Grünen-Bundesvorsitzenden Fritz Kuhn und der Vorsitzenden der niedersächsischen Grünen-Landtagsfraktion, Rebecca Harms, führt am 9. Febuar zu keinem Konsens in der Frage, ob sich Grüne an den Castor-Protesten beteiligen sollten oder nicht.

11.02.2001

Zu einem gemeinsam von "X-1000mal-Quer" und dem AktionsBündnisCastor (ABC) aus Lüneburg organisierten "Bahnspaziergang" von Lüneburg nach Wendisch Evern treffen sich Atomkraftgegner:innen am 11. Februar. Etwa 300 nehmen teil und werden von etwa 120 teilweise "übermotivierten" Polizeibeamt:innen begleitet.

12.02.2001

Am 12. Februar lehnen die Bürgerinititiative Umweltschutz (BI) und andere Umweltverbände eine Einladung zu einem Gespräch mit Bundesumweltminister Trittin am 20. Februar in Gorleben ab. Dieser wollte dort seine Position erläutern. Die Atommülltransporte stünden bereits fest, es gebe keinen Verhandlungsspielraum mehr, so die Verbände in einer gemeinsamen Erklärung. Daher mache ein solches Gespräch keinen Sinn. Gegen die kommenden Atommülltransporte "könnten nur noch Proteste helfen, um den Ausstieg aus der Atomkraft zu beschleunigen".

Hinter dem Transport stehe die Absicht, die Entscheidung für einen ungeeigneten Salzstock und Gorleben als Endlager zu zementieren, so Peter Bauhaus, Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg.

Quelle: AP / BI

12.02.2001

Unweit des Bahnhofs Hitzacker entdecken Beamte des Bundesgrenzschutz am 12. Februar einen etwa 1 Zentimeter tiefen Schnitt im Gleis.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

15.02.2001

In einer "dimap"-Umfrage für die "Bild"-Zeitung und den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) haben 74 Prozent der 1.100 Befragten nichts gegen friedliche Demonstrationen gegen den Atommüll-Transport einzuwenden.

18.02.2001

In der Nacht zum 18. Februar sägen Unbekannte in der Nähe von Bavendorf zwei ca. 2,5 m Schienenstücke aus dem Gleis und legen es über Kreuz zu einem "X" in das Gleisbett. Ein Zugführer bemerkt die abgesperrte, beschädigte Schiene und bremst rechtzeitig. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) kritisiert die Aktion scharf: Gefährliche Eingriffe in den Bahnverkehr seien schwere Straftaten "und müssen mit der gebotenen Härte von Polizei und Staatsanwaltschaft verfolgt werden". "Die Täter müssten Profis mit guten Schweißkenntnissen gewesen sein", so das Resümee eines Polizeisprechers zu den Schneidarbeiten am Castor-Gleis.

18.02.2001

Im westfälischen Ahaus, wo sich ebenfalls ein Atommüll-Zwischenlager befindet, findet am 18. Februar zum Auftakt der Proteste eine Anti-Atom-Demo statt.

Polizei schickt 130 "Konflikt-Manager"


23.02.2001

"Wir können auch anders" ist auf einem Anstecker der Polizist:innen zu lesen. Diese Aufklärungskampagne haben Polizei und BGS vor dem nächsten Castor-Transport organisiert und wollen so "mit Bürgern ins Gespräch kommen, deeskalieren, raus aus der Anonymität". Die Polizei entsendet zum Castor-Transport 130 sogenannte "Konflikt-Manager", die mit Demonstrante:innen vor und während des Transportes ins Gespräch kommen sollen. Ziel des Ganzen: Deeskalation und Absage an Gewalt.

Das "Konflikt-Management" der Polizei sei "nur ein PR-Mittel", so die "Kurve" Wustrow, Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion am 23. Februar. Das Konzept der Polizei entspreche in keiner Weise den Ansprüchen konstruktiver Konfliktbearbeitung. Es solle im Vorfeld nur sicherstellen, dass ein "durch hässliche Gewaltszenen angeschlagenes Bild der Polizei in der Öffentlichkeit in ein gesellschaftliche akzeptables Licht gerückt werde".

Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

"Mummenschanz und Schienentanz"


24.02.2001

Unter dem Motto "Mummenschanz und Schienentanz " findet auf Einladung der Castor-Gruppe Dahlenburg am 24. Februar eine großen Kundgebung mit anschließendem Demonstrationsumzug zum Bahnhof Dahlenburg statt. Rund 1.200 Menschen nehmen teil und besetzen in Höhe der Ortschaft Seedorf etwa 20 Minuten lang die Bahngleise. Eine weitere Gleisbesetzung in Höhe der Ortschaft Dumsdorf wird verhindert. Bundesgrenzschutz und Polizei sind mit rund 750 Beamte, erstmals auch mit "Konfliktmanagern", im Einsatz. Schon auf den Zufahrtsstraßen werden Demonstrant:innen gestoppt, Personalien festgestellt und Gepäck kontrolliert. Einigen AktivistInnen wird die Teilnahme an der Aktion verwehrt.

"Unser Ziel ist es, alle CastorTransporte zu stoppen und einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie herbeizuführen", macht Klaus-Bernd Meyer von der Bäuerlichen Notgemeinschaft unmissverständlich deutlich. Der 1,90 m große Hüne hat sich als Teufel verkleidet, auf den Schultern trägt er ein gelbes Atomfass - Mummenschanz eben.

Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

24.02.2001

In Bahnhof von Kehl, nahe der deutsch-französischen Grenze, setzen sich am 24. Februar aus Protest gegen den angekündigten Atommüll-Transport etwa 25 Atomkraftgegner:innen auf die Gleise und verhindern damit die Weiterfahrt eines Eurocity für 20 Minuten. Die Polizei greift nicht ein.

26.02.2001

Am 26. Februar besucht Niedersachsens Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD) im "Haus des Gastes" eine öffentliche Sitzung des Gorleben-Forums und steht Rede und Antwort zur "Sicherheit von Castor-Transporten". "Wir können über den Atomkonsens streiten - aber nicht über die Rücknahme der Kokillen", so Jüttner unmissverständlich. Von den Castoren gehe keine Gesundheitsgefährdung aus.

"Salopp und irreführend" seien Jüttners Argumente, kontert die Bürgerinitiative Umweltschutz. Die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente sei keine "Drecksarbeit", die die Franzosen für uns erledigen, wie Jüttner es beschrieben hatte.

"Die Plutoniumschmiede schädigt Mensch und Natur und sie ist kein Entsorgungsbeitrag", so die BI-Vorsitzende Edelgard Gräfer. Jüttner rede die Atommülltransporte "schön".

28.02.2001

Am 28. Februar findet in der Universität Lüneburg eine Podiumsdiskussion zur Polizeistrategie beim angekündigten Castor-Transport statt: "Flexibles Konflikt-Management der Polizei - eine Chance zum Vertrauensaufbau?" Geplant war die Veranstaltung nur mit "handverlesenen Gästen", doch die Bürgerinitiative Umweltschutz sagte die Teilnahme ab und forderte einen öffentlichen Rahmen. Die Bezirksregierung Lüneburg kommt dieser Forderung nach.

Das Polizeikonzept sei "schon im Ansatz für verfehlt", so die BI. Denn die Polizei sei beim Castor-Transport Konfliktpartei und könne deswegen nicht gleichzeitig das Konflikt-Management besorgen.

"Bei einer Abwägung von Rechtsgütern hätte der Polizei auffallen müssen, dass Grundrechte wie körperliche Unversehrtheit bei der Durchsetzung des Transports oder die Einschränkung der Versammlungsfreiheit einen höheren Wert und Schutz geniessen als die Atommüllabfuhr", so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. "Die Polizei kann diesen gesellschaftlichen Konflikt um die Atompolitik nicht lösen".

"Eine Nacht im Gleisbett"


03.03.2001

Auf Einladung von "x-tausendmal quer" nehmen am 3. März etwa 300 Atomkraftgegner:innen in Pisselberg an der Gleisaktion "Eine Nacht im Gleisbett" teil. Gegen 18.30 Uhr gelingt es einer Gruppe von 70 bis 80 Demonstrant:innen, das Castor-Gleis zum ersten Mal zu vereinnahmen. Der erste Räumungseinsatz von Polizei und BGS erfolgt prompt. Trotz Eiseskälte finden bis zum frühen Morgen auf Straße und Schiene weitere Widerstandsaktionen statt. 36 Personen werden im Laufe der Nacht in polizeilichen Gewahrsam genommen.

"Wenn es schon mit dieser überschaubaren Anzahl von Menschen trotz deutlicher Übermacht der Polizei möglich ist, auf die Schienen zu gelangen, dann bin ich sehr zuversichtlich für den Tag X Ende März", so Jochen Stay, Sprecher von "x-tausendmal quer". "Dann werden x-Tausende auf die Gleise gehen, um den Castor mit einer gewaltfreien Sitzblockade aufzuhalten."

08.03.2001

Am 8. März besetzen Greenpeace-Aktivist:innen den Verladekran in Dannenberg. Mit einer Hubarbeitsbühne gelangen sie am frühen Morgen auf das Dach der Verladestation für die Atommüllbehälter und pinseln ein großes "X" an die Wand. Andere erklimmen einen Funkturm der Polizei, vor der Verladestation wird ein weißer Protest-Container auf die Bahnschienen gestellt. Die rund sechzig Aktivist:innen entrollen mehrere große Transparente mit der Aufschrift: "Stop Castor". Vier Stunden lang dauert die Protestaktion, mithilfe der Feuerwehr werden die Aktivist:innen geräumt und anschließend von der Polizei in Gewahrsam genommen.

"Der Gorleben-Transport ist das Schlüsselmoment, mit dem sich eine ganze Flut neuer Atomtransporte in Gang setzt. Ihm werden schon bald zahlreiche Atomtransporte mit hunderten Tonnen hochradioaktivem Müll in die Wiederaufarbeitungsanlage nach Frankreich folgen", so Greenpeace-Energieexperte Veit Bürger.

Quelle: Greenpeace

09.03.2001

Am 9. März findet vor dem Verladekran eine Pressekonferenz von Greenpeace, BUND, Nabu, BBU und Deutschem Naturschutzring statt. Sie alle rufen zu "friedlichem und gewaltfreiem Protest" gegen den Atommülltransport auf. Parallel demonstrieren in Lüchow 400 Schüler:innen, auf den Transparenten ist u.a. "Mein letzter Wille: Keine Kokille" zu lesen.

09.03.2001

Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling (SPD) sieht keinen Anlass dafür, dass Polizist:innen beim Castor-Einsatz per Namensschilder oder Nummern identifizierbar sein sollten. Das sagt der SPD-Politiker am 9. März in der Lüchower Polizeiunterkunft.

März

10.03.2001

Am 10. März wird in der Elbe-Jeetzel-Zeitung das Versammlungsverbot der Bezirksregierung Lüneburg veröffentlicht. Es wird mit einer umfassenden Gefahrenprognose begründet und gilt für den Zeitraum vom 24.03., 00.00 Uhr, bis zum 08.04.2001, 24.00 Uhr entlang der Schienen- und Straßentransportstrecke.

"Vor jedem Transport wird die Gefahrenprognose mit Unterstützung von zweifelhaften Vermutungen des Verfassungsschutzes und der Polizei künstlich so hoch geschraubt, dass die DemoVerbote überhaupt erlassen werden können. Diese Form der Kriminalisierung zielt direkt auf den massenhaften Bürgerprotest", kritisiert BI-Sprecher Mathias Edler und kündigt rechtliche Schritte gegen die Einschränkung des Grundrechts ein.

10.03.2001

Am 10. März blockieren etwa 35 Atomkraftgegner:innen für ca. 10 Minuten einen Eurocity nach Frankreich im Saarbruecker Hauptbahnhof: Genau diese Richtung werden die Atommülltransporte nehmen, die nach dem Transport nach Gorleben stattfinden, so die Aktivist:innen.

10.03.2001

Auf dem Parteitag der Grünen am 10./11. März bekräftigt die Partei, dass der der Salzstock in Gorleben "als nukleares Endlager ungeeignet" sei, die Teilnahme Grüner an den bevorstehenden Protesten im Wendland werde "gebilligt". Die Demonstrationen und Aufrufe dürften sich aber "nicht gegen den Atomkonsens wenden", heißt es in einem Beschluss.

"Castor stopp übersetzt man mit Atomkraft stopp, und zwar jetzt und nicht in 20 bis 30 Jahren", kontert Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz.

11.03.2001

Über 50 Frauen und Männer - so viele wie lange nicht mehr - kommen am 11. März zum Gorlebener Gebet an den Kreuzen zusammen. Die Kreuze, die einst auf "Kreuzwegen" aus Geesthacht und Wackersdorf zu den Atomanlagen in Gorleben gebracht wurden, sind morsch, heisst es im Anschluss beim Jahrestreffen der Initiative "Gorlebener Gebet" im "Haus der Begegnung" in Gorleben. Die Anwesenden verständigten sich darauf, in diesem Jahr erneut einen Kreuzweg zu organisieren: Dieser solle entlang der Castor-Strecke von Lüneburg nach Gorleben führen. Dort soll dann ein drittes Kreuz aufgerichtet werden.

12.03.2001

Als "Presse-Gag" bezeichnet der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, am 12. März das Konfikt-Management der Polizei für den anstehenden Castor-Transport. "Es überrascht mich völlig, dass nicht 130, sondern nur 12 Beamt:innen dafür im Einsatz sind", so der Gewerkschafter. Erst wenige Tage zuvor hatte er die Strategie der Polizei bei einem Lüneburg-Besuch noch gelobt.

13.03.2001

Laut Elbe-Jeetzel-Zeitung am 13. März ist für November ein zweiter Castor-Transport aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in das Zwischenlager Gorleben geplant. Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling (SPD) lehnt diesen ab: Wegen der hohen Belastung der Polizei sei er "nicht verkraftbar".

In den nächsten Jahren sollen insgesamt 163 Castoren nach Gorleben rollen: 124 aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague, 39 aus dem britischen Sellafield, berichtet der Lüneburger SPD-Landtagsabgeordnete Uwe Inselmann. Demnach werden zunächst die Atommüllbehälter aus Frankreich in Gorleben eingelagert, von 2004 an die englischen.
Quelle: dpa / Elbe-Jeetzel Zeitung

13.03.2001

Am 13. März protestieren Aktivist:innen von Greenpeace am Grenzübergang Kehl-Straßburg gegen die geplanten Atomtransporte zwischen Deutschland und Frankreich: Auf dem Gehsteig entlang der Europabrücke errichten sie eine Wand aus 150 gelben Fässern mit schwarzen Atomzeichen.
Quelle: dpa

14.03.2001

"Protest ja - Gewalt nein" prangt es um den 14. März von Plakaten im Landkreis, die von der Polizei in Auftrag gegeben wurden. Einige müssen aber wieder entfernt werden, weil sie an Bäume und Buswartehäuschen getackert wurden.

Castor absagen wegen Seuchengefahr


14.03.2001

"Wir fordern: Der Castor-Transport muss wegen der MKS-Gefahr abgesagt werden", betont die Vorsitzende der Bäuerlichen Notgemeinschaft, Susanne Kamien, am 14. März gegenüber der Elbe Jeetzel Zeitung. Nur wenige Kilometer von jenem französischen Departements Mayenne, in dem die Maul- und Klauenseuche (MKS) ausgebrochen ist, verläuft die Transportstrecke, auf der schon bald Castor-Behälter nach Gorleben rollen sollen. Bei einer Podiumsdiskussion des Landvolk-Kreisverbandes zum Thema BSE im vollbesetzten Lüchower Gildehaus heisst es u.a.: "Am Liebsten wäre uns, wenn die Menschen beim Castor-Transport wegblieben" , so Genf Lindemann, Leiter der Veterinär-Abteilung im Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium. Landtagsabgeordnete Klaus Wojahn (CDU) spricht sich klar dafür aus, auf den Transport "in dieser Situation zu verzichten und ihn auszusetzen". Die Auswirkungen einer eingeschleppten Seuche könnten "katastrophal" sein. Die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL) erklärt: "Das Einschleppen des Virus ist nicht auszuschließen. Damit ist der Transport verantwortungslos." Der Landkreis Lüchow-Dannenberg teilt mit, es sei ihm "nicht möglich, durch vorbeugende Maßnahmen ein Verbreitungsrisiko auszuschließen".

"Es bleibt nur eine klare Forderung: der Transport muss gestoppt werden, um neben der Kontaminationsgefahr auch die Seuchengefahr zu minimieren", so Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz. Die BI sieht in der Seuche den klassischen Fall der "höheren Gewalt" erfüllt.

15.03.2001

Am 15. März wird der erste von sechs Castorbehältern für das Zwischenlager Gorleben von der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague mithilfe eines Straßentiefladers zur ca. 50km entfernten Verladestation auf Bahnwaggons in Valogne gebracht.

16.03.2001

Gegen 6.00 Uhr am Morgen des 16. März überwinden Greenpeace-Aktivist:innen mit Leitern den Zaun zum Zwischenlager in Gorleben und ketten sich an Lichtmasten fest. Während die Polizei sie mit Bolzenschneidern löst, klettern an anderer Stelle weitere Aktivist:innen über den Zwischenlager-Zaun und 19 von ihnen erklimmen den 35 Meter hohen Sendemast. In unterschiedlichen Höhen ketten sie sich an entrollten Anti-Castor-Plakate. Nach mehreren Stunden fällte die Polizei Bäume um einen Leiterwagen in Stellung zu bringen. Mit dessen Hilfe gelingt ihnen die Räumung. Die Polizei nimmt 19 Personen vorübergehend in Gewahrsam.

16.03.2001

Nachdem Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling einen zweiten Castor-Transport in diesem Jahr abgelehnt hat, fordert die Initiative "X-l000mal quer", auch den bevorstehenden Transport abzusagen: Wenn zwei Transporte für die Polizei nicht zu verkraften seien, stelle sich dies Problem auch beim bevorstehenden Transport, so Jochen Stay, Sprecher der Initiative.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

16.03.2001

Am 16. März ruft Bundespräsident Johannes Rau die Atomkraftgegner:innen zu "Friedfertigkeit bei ihren Protesten" auf. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) kündigt an, dass die Polizei "Gewalt nicht hinnehmen werde". Zugleich lehnen der Bund und das Land Niedersachsen ein Verschieben des geplanten Transportes aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague wegen der Maul- und Klauenseuche ab.

19.03.2001

Am 19. März befüllen 150 Atomkraftgegner:innen auf dem Hof von August Harms in Splietau 10.000 Sandsäcke, darunter Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Niedersächsischen Landtag. Diese sollen zu einem "symbolischen Strahlenschutzwall gegen die Atommüllfuhre" gestapelt werden.

"Wir wollen in der Phase, wo die Atommüllcontainer von der Schiene auf die Straße umgeladen werden, in Dannenberg auf dem Marktplatz demonstrieren und anschließend unseren Protest gegen die wachsenden Atommüllberge unter Rot-Grün sichtbar zum Ausdruck bringen", so Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz. Dazu solle ein "symbolischer Strahlenschutzwall gegen die Atommüllfuhre" aus den vielen Säcken errichtet werden.

19.03.2001

In einem Verbots-Schreiben der Versammlungsbehörde an die AnmelderInnen von X-tausendmal quer, die mehrere hundert Meter außerhalb der 50-Meter-Zone um die Castor-Gleise vom 24. bis 28. März eine Dauermahnwache angekündigt hatten, heisst es: "Die örtliche Nähe zur Bahnstrecke, in der sich eine so hohe Zahl von Atomkraftgegnern aufhalten würde, kann auf keinen Fall hingenommen werden."

"Wenn die Behörden versuchen, angemeldete friedliche Proteste mit Schikanen, Drohungen und Verboten zu vereiteln, wenn sie die Versammlungsfreiheit mit Füßen treten und zu keiner Kooperation bereit sind, dann betreiben sie im Vorfeld des Castor-Transports das Geschäft der Eskalation. Wir werden uns davon aber nicht abschrecken lassen, werden unseren gewaltfreien Protest und Widerstand weiter vorbereiten. Einer gerichtlichen Klärung sehen wir optimistisch entgegen und mobilisieren deshalb weiter nach Wendisch Evern", so Jochen Stay, Sprecher von X-tausendmal quer am 19. März.

19.03.2001

Rund 3.500 so genannte "Democards" sind Mitte März im Umlauf und laden zu einer "Reise ans Ende der Demokratie" ein. Die Idee dazu hatte Michael Seelig aus Kukate. 1.500 Cards wurden verschickt, etwa 2.000 weitere sind in Lüchow-Dannenberg im Umlauf.

"Die Democard sichert die uneingeschränkte Berechtigung, sich an den Castor-Demonstrationen zu beteiligen und ermöglicht vor allem das Betreten von Schutzzonen", heisst es auf den Karten der "Republik Freies Wendland, die mit einer ordentlichen Portion Ironie Ratschläge zum Verhalten bei "Übergriffen gewaltbereiter Uniformierter" geben.

22.03.2001

Der sechste Castor-Behälter aus der WAA La Hague trifft am 22. März auf dem französischen Verladebahnhof Valogne ein.

22.03.2001

Die von der Bezirksregierung erlassenen Einschränkungen für die geplante "Stunkparade" am 25. März und für Demonstrationen an der Castor-Transportstrecke sind rechtmäßig, bestätigt das Verwaltungsgericht (VG) Lüneburg am 22. März. Die Bezirksregierung hatte verfügt, dass der Demozug nicht wie angemeldet über die Nordroute - über Grippel entlang der Landesstraße 256 - führen dürfe. Als Alternative wurde eine Südroute genehmigt: über Dünsche, Siemen und Gusborn. Das Verwaltungsgericht hat eine hohe Wahrscheinlichkeit ausgemacht, dass auf der Nordroute Straßen zerstört werden und Trecker blockieren könnten.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

23.03.2001

Am 23. März bestätigt das Verwaltungsgericht Lüneburg die Verbote der geplanten Camps von Castor-Gegner:innen in der Göhrde bei Govelin und Tollendorf sowie in Wendisch Evern südwestlich von Lüneburg und das in Lüneburg-Hagen. Die Bezirksregierung Lüneburg hatte zuvor den Bereich um die Camp-Orte erweitert, für den sie und nicht der Landkreis Lüchow-Dannenberg nach dem Gefahrenabwehrgesetz für Versammlungen zuständig ist. Die Initiative "X-tausendmal quer" und die Bezirksregierung einigen sich auf einen Alternativ-Standort zwischen Wendisch und Deutsch Evern, wo sich Castor-Gegner:innen zwar versammeln aber kein Camp errichten dürfen.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

23.03.2001

Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg bestätigt am 23. März das erlassene Verbot für die "Stunkparade" die Castor-Nordroute zu nutzen. In der Begründung heisst es: "Die Prognose sei nicht von der Hand zu weisen, dass es auf der Strecke, auf der am Mittwoch auch der Castor rollen soll, zu Treckerblockaden und Straßenzerstörungen komme".
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

23.03.2001

Rund 50 Schülerinnen und Schüler besetzen am 23. März die Sporthalle des Landkreises in Dannenberg und fordern, dass diese als "Camp" für auswärtige Anti-Castor-Demonstranten zur Verfügung gestellt wird.

Bei kaltem Wetter versammeln sich in der Lüneburger Innenstadt etwa 350 Schüler:innen, um mit einem Demonstrationszug durch die Innenstadt zum Bahnhof ein deutliches Zeichen gegen die Castor-Transporte zu setzen. Am Sande, auf dem Marktplatz und schließlich am Bahnhof werden Reden gehalten, u.a. vom Schüler:innensprecher Philipp Mohr und von der Vorsitzenden des BUND Niedersachsen, Renate Backhaus. Eine Sprecherin der Aktion "X-tausendmal-quer" sprach den Schüler:innen ihre solidarische Verbundenheit aus. Der Demonstrationszug wurde von einem großen Polizeiaufgebot begleitet.

Auftaktdemonstration in Lüneburg


24.03.2001

Am 24. März findet in Lüneburg die Auftaktdemonstration zu den Castor-Protesten statt. Ein Sternmarsch führt von den Sülzwiesen und dem Bahnhof zum Clamartpark, wo sich 16.000 Menschen versammeln.

Trotz Kälte und feinem Nieselregen macht sich Volksfeststimmung breit, zumal die Kundgebung durch zwei Musikgruppen ("Die Schnitter" und "Meschpokemina") musikalisch aufgelockert wird. Der Unmut der Redner:innen richtet sich in erster Linie gegen die Grünen als Atom- und Kriegspartei. In die Kritik gerät auch das neu kreierte Konfliktmanagement der Polizei: Zwölf Konfliktbeamte in Relation zu den etwa 30.000 bewaffneten Einsatzkräften "können das Konzept vor der Öffentlichkeit nicht als glaubwürdig erscheinen lassen".

25.03.2001

Die repressive Strategie der Polizei zur Verhinderung von Camps und das Verbot von Demonstration und symbolischer Sandsackaktion der BI Umweltschutz, die für den kommenden Dienstag angemeldet war, wollen die Atomkraftgegner/innen nicht widerspruchslos hinnehmen: In den frühen Morgenstunden des 25. März legt die BI-Anwältin Karin Sehr Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht (BVG) in Karlruhe eingelegt.

"Während die Bezirksregierung mit ihren polizeilichen "Konfliktmanagern" offiziell von einer entspannten Situation spricht, wird hinter dem Rücken das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit in unserer Region faktisch aufgehoben", so BI-Sprecher Mathias Edler. Mit der Eilentscheidung beim Bundesverfassungsgericht soll "die demokratische Verfassung im Wendland wieder hergestellt werden".

Stunkparade


25.03.2001

Am 25. März wird "Stunk gemacht": Die Bäuerliche Notgemeinschaft hat den bunten Umzug von Gorleben bis nach Seerau bei Hitzacker angemeldet. Um 16.00 Uhr findet dort die Abschlusskundgebung unter dem Motto "Die Saat geht auf" statt.

"Überall im Landkreis konnte man auf Treckerkolonnen treffen, die auf dem Wege zur STUNKPARADE waren", schreibt der "TagX-Ticker".


Fast 400 Trecker fahren auf, von denen viele karnevalistisch dekorierte Anhänger ziehen, mit fröhlich winkenden Menschen darauf und mit originellen Spruchplakaten und vielen Widerstand symbolisierenden X-Kreuzen versehen. Der bunte, fast 10km lange Protestzug führt von den Gorlebener Atomanlagen über Gedelitz, Dünsche, Siemen, Gusborn, Dannenberg bis Seerau/Hitzacker. In Splietau wird, weil dort die Atommülltransportstrecke befahren wird, der Treck von ein massiven Phalanx von Räumfahrzeugen, Wasserwerfern und Mannschaftswagen der Polizei "eskortiert". Eine Demonstration führt von Hitzacker nach Seerau. Die ganze Unternehmung wurde von einem großen Polizeiaufgebot begleitet. Parallel gelangen bei Eichhof / Nahrendorf etwa 250 Menschen auf das CASTOR-Gleis.

"Von Abbröckeln, Einverständnis mit dem Atomkonsens oder anderen Versuchen, das politische Anliegen kleinzureden, keine Spur", betont die Bürgerinitiative Umweltschutz.

25.03.2001

Am Nachmittag des 25. März wird das Camp in Hitzacker von der Polizei umstellt, weil sich dort angeblich "Autonome" aus Richtung Lüneburg aufhalten sollen. Entlang der Castor-Schiene werden Autos durchsucht und Gewahrsamnahmen angedroht.

26.03.2001

Am 26. März um 6:45 Uhr verlässt der Atommüll-Zug mit sechs Castorbehältern, in denen sich 85 Tonnen hochradioaktiver verglaster Müll befindet, den französischen Verladebahnhof Valogne. Direkt bei der Abfahrt blockieren Greenpeace-Aktivist:innen den Zug kurzzeitig, einige Kilometer weiter in Cherbourgh wird der Zug nochmals etwas aufgehalten.

26.03.2001

"Ich appelliere an diejenigen, die friedlich demonstrieren wollen, sich an die Anordnungen der Behörden und Polizei zu halten", so Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling (SPD) am 26. März. Dann werde es "weniger oder vielleicht gar keine Konflikte geben": "Ich werbe um Verständnis dafür, dass die Polizei zeitnah zum Transport die Transportwege frei halten muss."

Das Wendland vor dem Castortransport


26.03.2001

"Die Sonne scheint, Tausende Schlafplätze in privaten Häusern, Kirchen, Turnhallen und Schulen stehen den Demonstranten für die nächsten Tage noch zur Verfügung; viele Versorgungsstände entlang der Transportstrecke bieten warmes Essen und Getränke an", so BI-Sprecher Mathias Edler.


Die Situation an der Castortransportstrecke bleibt den ganzen Tag über angespannt:

Rund 1.000 Menschen gehen als Aktionsgruppe "x-tausendmal quer" trotz ständiger Polizeibewachung bei Wendisch-Evern auf die Schiene. Nach einer stundenlangen Blockade werden 400 Menschen in Schienenbussen nach Lüneburg transportiert und in "Verbringungsgewahrsam" genommen.

Jochen Stay, der Sprecher der Initiative "x-tausendmal quer", wird in Gewahrsam genommen, weil er zu Straftaten aufgerufen habe - so die richterliche Anordnung. Stay habe "verklausalisiert, aber doch verständlich zum Landfriedensbruch aufgerufen: einer Schienendemontage", so das Gericht.

Die Sprecher:innen rufen laut verschiedene Kennworte aus. Das ist das Zeichen für die einzelnen Gruppen, sich zu versammeln. Kurz werden Information gegeben. Dann marschieren auch schon fast tausend gutgelaunte und festentschlossene Leute zügig in Richtung Gleis los. Zunächst in zwei getrennten Zügen, um die Polizei zu irritieren. Man will deren zur Zeit noch dünne Präsenz unbedingt ausnutzen, um einen Durchbruch zum Gleis zu schaffen. Schließlich schwenken beide Züge in die gleiche Richtung. Mühsam gehts jetzt querfeldein über Äcker, Wiesen und durch Wald. Stacheldrahtzäune sind zu queren, und das alles schwerbepackt mit Materialien, die das Leben während einer langen Besetzung erleichtern sollen: Strohsäcke, Matten, Schlaf- und Rucksäcke. Immer wieder werden die Hastenden per Megaphon zu weiterer Eile aufgerufen, um der Polizei zuvorzukommen. Schließlich ist hohe Böschung erreicht. Unten liegt das Gleis. Jetzt noch einige zwanzig, dreißig Meter Kletter- oder Rutschpartie abwärts und das Ziel des Begehrens ist erreicht. Erleichterung! Nun richtet man es sich im Gleisbett ein, so bequem es irgend geht. Alle genießen diesen Teilerfolg und die Stimmung ist dementsprechend gut. Der ebenfalls herbeigeeilten aber zahlenmäßig unterlegenen Ordnungsmacht bleibt nichts anderes übrig, als dem munteren Treiben zunächst tatenlos zuzusehen.

Nach dreimaliger Aufforderung zum Verlassen des Gleises beginnt die Polizei mit dem Räumen. Die ersten Demonstrant:innen werden vom Gleis gezogen oder getragen. Nun gehts die hohe Böschung hinauf. Zu dritt, viert und sogar zu fünft bemühen sich die Polizist:innen, die passiven Widerstand leistenden Demonstrant:innen samt Gepäck die Böschung hochzutragen oder zu zerren und zu schleifen, wenn es gar nicht anders geht. Ein kleiner Bruchteil der BesetzerInnen gelangt auf diese Weise nach oben. Dann bricht der Einsatzleiter die Räumung ab und fordert aus Lüneburg einen Einsatzzug mit einer Eingreiftruppe aus Sachsen an.

Trotz Übergriffe lassen sich die Protestierenden heiter und guten Mutes in den Zug verfrachtet, der sie nach Lüneburg bringt, wo die Menschen mit Reisebussen an verschiedenen Orten, etwa 100 km voneinander entfernt gefahren werden. Die überwältigende Mehrheit erreichte noch in derselben Nacht wieder das Camp in Wendisch Evern. (Text: subkontur.de)


weitere Aktionen:

- Bei Nahrendorf machen sich rund 400 Menschen aus dem dortigen "Camp" zu einer angemeldeten Mahnwache auf den Weg. Die Polizei kesselt 150 CastorgegnerInnen ein und überführte sie nach Neu-Tramm in die Gefangenensammelstelle.

- In Hitzacker spielen Schülerinnen und Schüler der dortigen Freien Schule Skat auf den Gleisen und veranstalten ein Volleyballtournier am Bahnübergang.

- 300 Schüler:innen demonstrieren am frühen Nachmittag von Dannenberg nach Pisselberg.

- 400 Fahrradfahrer:innen und Skater:innen machen sich um 16 Uhr auf den Weg vom Castorverladekran in Dannenberg nach Gorleben.

- Aus Splietau holen einige hundert Castorgegner:innen die dort lagernden Sandsäcke ab und lassen sie auf dem Weg nach Dannenberg auf der Castor-Transportstrecke plumpsen. Stundenlang blockieren Bauern mit 6 Traktoren den Ortsausgang Splietau. 500 bis 600 Menschen laden dort zusätzlich Anhänger mit Sandsäcken ab und schichteten sie zu einem "Schutzwall" auf. Die Polizei drängt die Menschen schließlich nach vier Stunden Besetzung von der Straße und entfernt die Säcke mit schwerem Räumgerät.

- Am Abend muss nach einem Anschlag auf die Hochspannungsleitungen ein ICE in Uelzen pausieren.

"Trotz der massiven Polizeipräsens gelingt es immer wieder, mit phantasievollen Aktionen den Widerstandswillen zum Ausdruck zu bringen", resümiert die Bürgerinitiative Umweltschutz.

Quelle: u.a. subkontur.de

Castorzug durch Deutschland


27.03.2001

Im Ortsbezirk Maximiliansau der Stadt Wörth am Rhein, an der deutsch/französischen Grenze blockieren kurz vor Mitternacht etwa 20 Aktivist:innen den Atommüllzug. Die Polizei nimmt die Menschen in Gewahrsam, ein Wasserwerfer kommt zu Einsatz. Um 0.27 Uhr erreicht der Atommülltransport den Bahnhof Wörth.

27.03.2001

Um 04.22 Uhr durchfährt er Pforzheim, um 5.15 Uhr Walheim und um 5.33 Uhr Heilbronn. Kurz nach 6.00 Uhr befindet sich der Castor in Lauda, südlich von Würzburg.

Um 7.00 Uhr wird die Eisenbahnbrücke in Oldendorf, Lüchow-Dannenberg, von der Bäuerlichen Notgemeinschaft mit 10 Traktoren blockiert. Die Polizei räumt die Brücke, es kommt zu 15 Festnahmen, einem der Bauern wird dabei der Arm ausgekugelt.

27.03.2001

Parallel entern um kurz vor 8.00 Uhr 50 AktivistInnen von Greenpeace die Jeetzel-Brücke bei Seerau / Hitzacker. Die Umweltschützer sind zunächst von der Polizei unbemerkt mit Schlauchbooten unter die Brücke gefahren und haben die Schienen mit Spezialleitern und Seilen erklommen. Auf den Gleisen haben sie Ketten befestigt, mit denen sie die Kletterer unter der Brücke sichern. Zwischen den beiden Brückenpfeilern entrollten sie ein 10 auf 5 Meter großes, dreieckiges Transparent mit der Aufschrift: "Stop Castor".

"Die vielen Protestaktionen, die den Atomtransport begleiten, sind ein eindeutiges Zeichen dafür, dass Atomenergie gesellschaftlich nicht akzeptiert ist. Daran hat auch der Atomkonsens nichts geändert", so Veit Bürger, Energieexperte bei Greenpeace.

27.03.2001

Um 9.23 Uhr durchfährt der Atommülltransport Fulda im Schritttempo. Eine Blockade von ca. 50 AtomkraftgegnerInnen in Bebra wird von der Polizei gegen 9.45 Uhr geräumt. Gegen 12.00 Uhr verlässt der Transport dann Bebra in Richtung Kassel. Schon Stunden vorher erteilt der Bundesgrenzschutz auf dem Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe 15 DemonstrantInnen einen Platzverweis.

27.03.2001

Im Wendland werden unterdessen von der Bäuerliche Notgemeinschaft zahlreiche Strassenkreuzungen blockiert, um "Polizeikräfte zu binden und Nachschubwege zu stören": In Jameln versperren 20 - 30 Traktoren mit Strohballen und ca. 3000 Sandsäcken die Straße, in Prisser sind es 15 Traktoren, die Kreuzung wird mit 1000 Sandsäcken abgesichert. In Lüchow blockieren 15 Traktoren den Kreisel am Ortsausgang Richtung Salzwedel. In Pudripp ist die Bundesstrasse 191 ebenfalls blockiert, auf der Kreuzung in Küsten sind 500 Sandsäcke abgeladen worden.

27.03.2001

Um 14.04 Uhr durchfährt der Castorzug Altenbeken in Richtung Hameln (14.35 Uhr).

27.03.2001

Gegen 14.30 Uhr besetzen etwa 600 bis 700 Menschen von "X-tausendmal quer" bei Wendisch-Evern erneut die Gleise. Eine zweite Gruppe wird mit "hartem Schlagstockeinsatz" daran gehindert. Zahlreiche AktivistInnen werden in einen Zug gebracht, der sie in Richtung Lüneburg und weiter nach zum Teil nach Celle, zum Teil ins südliche Schleswig-Holstein, abtransportieren soll.

Mit X-1000 in Wendisch-Evern

"Nach ausgiebigem Frühstück bei Rampenplan treffen wir Gruppe „Mettwurst“ zur Bezugsgruppenbesprechung: über SMS-Verteiler ist die Meldung rausgegangen: „11 Uhr, X-1000malquer Schienenblockade“. Heute morgen sind wieder erheblich mehr Menschen im Camp, schätzungsweise 600.

Als Beziehungspunkt im Demo-Treck: das gelbe X, wir sind der „Mittelfinger“. Der Zug soll sich nämlich ca. 50 Meter vor der Polizeikette aufsplitten in 5 Finger, so wird die Kette auseinandergerissen und wir würden durchkommen können. Alles wartet, unsere Bezugsgruppe wird noch einmal grösser, einige packen die Sachen, es kann sein, dass wir auf den Gleisen übernachten werden, ausserdem scheint sogar die Sonne: Widerstandswetter; etwa gegen 2 Uhr geht es los. Wir formieren uns auf der Strasse und marschieren Richtung Wendisch Evern los. Die Polizei hat anscheinend nicht viel mitbekommen bzw. unsere Ankündigung nicht wahrgenommen: kaum eine Wanne zu sehen. Wir laufen, viele „bewaffnet“ mit Strohsack, Rucksack, Isomatte und Schlafsack quer über die Felder, durch ein Waldstück, unter Stacheldraht hindurch und über Zäune hinweg geradewegs auf die Bahnstrecke zu. Doch tatsächlich ist auch schon Polizei da, nur ca. 20 stehen etwas verloren herum. Aber die Wannen kommen: flankiert von Polizisten laufen wir die letzten hundert Meter in Richtung Transportstrecke. Immer wieder "Mettwurst" Rufe, die Gruppe soll möglichst zusammen bleiben, nur nicht ganz einfach bei unterschiedlichem Gepäck und Kondition. Ohne Probleme, die Polizei gibt sich keinerlei Mühe, erreichen wir den Bahndamm und stürzen uns in’s Tal. Auf den Schienen fallen wir uns die Arme: es ist tatsächlich geschafft; und es war so einfach: wir sitzen auf der Transportstrecke! Unsere Bezugsgruppe wird schnell wieder komplett, Klamotten müssen erstmal ausgezogen werden: kommt man ganz schön in’s schwitzen beim Lauf gegen die Zeit bzw. Polizei. Wir machen es uns bequem auf den Gleisen, es herrscht eine tolle Stimmung, oben auf dem Bahndamm rollen immer mehr Wannen an. Auf dem Gleis befinden sich ausser uns noch jede Menge Kamerateams, Fotografen… und immer mehr Polizei. Die bilden von vorn angefangen hinter uns eine Kette, wir kommen mit einem ins Gespräch: was ihn in erster Linie hier stört ist die Ordnungswidrigkeit, die wir gerade begehen, der Rest ist ihm nicht so wichtig…" (Jan Becker, März 2001)

27.03.2001

Am Nachmittag formieren sich rund um den Verladekran in Dannenberg mehrere Blockaden mit mehreren hundert Menschen und dutzenden Treckern.

27.03.2001

Am Nachmittag spricht sich der Vorstandsvorsitzende des Düsseldorfer Energieriesen E.ON, Ulrich Hartmann für ein Atommüll-Endlager in Gorleben aus: "Gorleben ist geeignet und soll es auch werden."

27.03.2001

Um 16.25 Uhr fährt der Atommüllzug durch Uelzen und erreicht gegen 17.15 Uhr Lüneburg. Parallel schaffen es ca. 150 AktivistInnen bei Lüneburg die Transportgleise zu besetzen. Sie werden von der Polizei geräumt und mit bereitstehenden Bussen nach Buchholz i.d.N. gebracht.

"Gross war der Jubel, als sich zeigte, dass die Lüneburger Sitzdemo derart gut terminiert war, dass die Rückfahrt des Gefangenen-Zuges nach Lüneburg blockiert wurde, in den die Sitzdemonstrierenden von Wendisch-Evern (X-tausendmal-quer) gesetzt worden waren. Genau zu diesem Zeitpunkt fuhr auch der Castor-Zug in den Lüneburger Bahnhof ein und war somit wegen der eingleisigen Streckenführung ebenfalls blockiert." (Karsten Hilsen / subkontur.de)

27.03.2001

Um 18.00 Uhr treffen sich ca. 5 000 Menschen zu einer Kundgebung auf dem Marktplatz in Dannenberg. SprecherInnen sind Pastor Rolf Adler, der Schüler Willi Andrick und die BI Vorsitzende Edelgart Gräfer. Gegen 19.00 Uhr bewegen sich die Demonstranten, mittlerweile an die 10 000, auf die Esso Wiese. Es kommt zu einem Zwischenfall, bei dem Flaschen auf ein Polizeifahrzeug geworfen werden. Es werden unter den "Autonomen" Provokateure der Polizei ausgemacht.

27.03.2001

Gegen 19.00 Uhr gelingt es 8 Aktivist:innen von Greenpeace, sich in Oldendorf mithilfe eines "Kastens" an der Schiene festzuketten. Zeitgleich rollt der Castor-Zug im Schritttempo durch Wendisch Evern.

27.03.2001

Auf einer Wiese in der Nähe am Hof Harms in Splietau werden gegen 19.00 Uhr neun Fahrer:innen von Traktoren festgenommen. Dabei werden auch Reifen zerstochen, Ventile abgekniffen und Scheiben zerschlagen.

27.03.2001

Wenige hundert Meter westlich der Haltestelle Bavendorf kettet sich gegen 20.00 Uhr ein Aktivist von Robin Wood mit einem Stahlrohr an das Eisenbahngleis. Zur Räumung muss die Polizei ein Stück Schiene heraustrennen. Ein paar Kilometer weiter ist ein weiterer Aktivist angekettet. Gegen 21.00 Uhr blockieren bei Dumstorf 20-30 Menschen die Schienen und werden von der Polizei abgedrängt. Im Bahnhof Dahlenburg sitzen ca. 100 Menschen auf dem Bahnübergang.

27.03.2001

Gegen 21.30 Uhr kann der Atommüllzug seine Fahrt in Bavendorf fortsetzen. Zwei Greenpeace-AktivistInnen sind weiterhin in Oldendorf in einem Rohr an die Gleise gekettet.

27./28. März: Der Betonblock von Süschendorf


27.03.2001

Vier Atomkraftgegner:innen - drei Wendländer:innen und ein Aktivist von Robin Wood - gelingt es gegen 22.00 Uhr, bei Süschendorf die Schiene zu blockieren: Jeweils ein Arm steckt angekettet in einem Rohr, das unter den Schienen in einen Betonklotz führt. Daneben hat sich ein Aktivist mit einem Rohr an die Gleise gekettet. Gegen 22.30 Uhr erreicht der Castor die Blockade. Stundenlang werden weder Journalisten noch Ärzte zu der Aktion durchgelassen.

27.03.2001

Gegen 22.30 Uhr beschlagnahmt die Polizei 30 Motorräder des Motorradclubs "IDAS" und verhaftet deren Fahrer. Im Laufe des wurden ca. 1.500 Menschen verhaftet oder in Gewahrsam genommen.

28.03.2001

Nach Mitternacht sind bei Hitzacker drei weitere Menschen am Gleis angekettet. In der Nähe von Tangsehl werden auf einem Weg, der von der Polizei als Verkehrsweg gebraucht wird, zwei große Misthaufen abgeladen. Gegen 3.30 Uhr wird gemeldet, dass sich zwischen Leitstade und Tangsehl ein weiterer Robin-Wood-Aktivist an die Gleise gekettet hat.

28.03.2001

Seit 5.00 Uhr steht der CASTOR-Zug am Bahnhof Dahlenburg. Der Strahlenzug "parkt" jetzt im Abstand von 25 m zu einem Wohnhaus; das nächste Familie lebt etwa 150 m entfernt. Die BewohnerInnen sind in Sorge wegen der Strahlung.

28.03.2001

Gegen 11.00 Uhr ist es der Polizei gelungen, zwei der vier Aktivist:innen in Süschendorf aus dem Betonblock zu lösen. Wegen Unterkühlung kommt ein Aktivist ins Krankenhaus. Gegen 11.30 Uhr wird ein Reparaturzug, der auf dem Weg nach Neetzendorf ist, von AtomkraftgegnerInnen in Lüneburg blockiert. Gegen 13.15 Uhr löst die Polizei die dritte Person aus dem Betonblock.

"Der nur mit massivem Polizeieinsatz durchsetzbare CASTOR-Transport dient als Türöffner für weitere Transporte in die französische Wiederaufarbeitungsanlage La Hague", kommentiert Bettina Dannheim, Energiereferentin von ROBIN WOOD, die Aktion. "Der Transport sichert der Atomindustrie den ungestörten Weiterbetrieb. Fände er nicht statt, würde einigen Atomkraftwerken die Abschaltung drohen."

28.03.2001

Gegen 14.00 Uhr wird der letzte Blockierer sind aus dem Betonklotz herausgeschnitten. Auf der gesamten weiteren Strecke Richtung Dannenberg sowie auf den Straßen im Wendland finden größere und kleinere Blockaden statt.

"Die Atommülltransporte ins Wendland sind politisch nicht durchsetzbar, wir erleben erneut den Ausnahmezustand", so Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz in einer Zwischenbilanz.

28.03.2001

Um 16.50 Uhr verlässt der Atommüll-Zug den Bahnhof von Dahlenburg und setzt seine Fahrt nach Dannenberg mit mehr als 20 Stunden Verspätung fort. In Seerau stehen sich 500 Atomkraftgegner:innen und eine große Anzahl Polizei gegenüber.

"Mindestens 500 Menschen hatten sich am Mittwochnachmittag auf einem Acker bei Seerau versammelt, um von dort aus das naheliegende Castorgleis zu blockieren. Eine Sitzblockade am Rande des Gleises wurde von der in Überzahl anwesenden Polizei/BGS schnell wieder geräumt. Wasserwerfer fuhren entlang der Bahnböschung bedrohlich hin und her. Als sich der Castorzug näherte, wurden die Demonstrant:innen aufgefordert, den 50-Meter-Korridor zu verlassen, anderenfalls würden die Wasserwerfer eingesetzt. Als schließlich mehrere Hundertschaften der Polizei im Laufschritt auf die DemonstrantInnen zustürmte, wichen diese bis zum geforderten Abstand zurück. Beim Anblick des im Schritttempo fahrenden Castorzuges brach lautstarker Protest aus." (Text & Bilder: Subkontur.de)

28.03.2001

In der Göhrde kommt es bei Süschendorf, Bahnkilometer 201, zu einer Blockadeaktion der Gleise, die Polizei drängt die Menschen in den Wald zurück.

Nach etlichen weiteren, kleineren Verzögerungen erreicht der Castortransport um kurz vor 19.30 Uhr den Verladebahnhof Dannenberg-Ost.

28.03.2001

Kurz nach der Durchfahrt des Zuges umstellt die Polizei überraschend zwei Stunden lang die Esso-Wiese in Dannenberg, Wasserwerfer kommen zu Einsatz. Atomkraftgegner werden mit "zum Teil brutalstem Knüppeleinsatz verfolgt".

"Wer gegen friedliche Sitzblockaden mit Polizeiknüppeln vorgeht, erschlägt nicht nur jedes Argument, sondern auch das Vertrauen in den demokratischen Rechtsstaat", so Günter Metzges, Pressesprecher von "X-tausendmal quer".


Am Rande kurioses: Die Privatautos der beiden BI-Sprecher Wolfgang Ehmke und Mathias Edler werden mit Messerstichen in die Reifen lahmgelegt. Während Edler und Ehmke jeweils über einen Lautsprecherwagen die Menschen auf dem Platz zur Ruhe und Besonnenheit, gleichzeitig aber auch die Polizei zum sofortigen Verlassen des von der Stadt Dannenberg gepachteten Geländes auffordern, stehen die betroffenen PKW innerhalb der teilweise fünfreihigen Polizeiketten, die die Esso-Wiese umstellt haben. Weder die Besitzer selbst, noch andere Zivilpersonen können in diesem Zeitraum den rückwärtigen Teil des Geländes, wo die Autos mit vielen anderen zusammen geparkt stehen, betreten.

„Nun raten Sie mal, wer da wohl hinter steckt?“, fragt BI-Sprecher Edler. „Außer der Polizei dürfte sonst niemandem bekannt sein, welches Auto wem zuzuordnen ist“, gibt Edler zu bedenken.


Der später nicht durchgesetzte Räumungsbefehl für die Presse-Stelle der Bürgerinitiative geht nach Aussage des Einsatzleiters vor Ort auf eine direkte Anordnung aus der Einsatzleitstelle in Lüneburg zurück. AtomkraftgegnerInnen unterstellen der Polizei einen "Racheakt" für die lange Verzögerung des Atomtransports.

Während des Verladevorgangs der sechs Castor-Behälter vom Waggon auf Straßentieflader im Bahnhof Dannenberg-Ost messen die Umweltschutzorganisationen Greenpeace, Robin Wood und die Fachgruppe „Radioaktivität“ der Bürgerinitiative (BI) gemeinsam die Strahlung der sechs HAW 20/28 Behälter: Eine vorläufige Auswertung der Messdaten "widerlege zweifelsfrei die von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) und dem Bundesumweltministerium (BMU) vertretene Aussage, dass die Strahlenintensität in einer Entfernung von 10 - 20 m von den Behältern bereits soweit abgenommen habe, dass sie mit der natürlichen Strahlung vergleichbar sei", heisst es in einer Pressemitteilung. In 24 m Entfernung sei eine um den Faktor 3,4 erhöhte Gammastrahlung im Vergleich zum Mittel der natürlichen Strahlenintensität gemessen worden.

"Wie kann eine Regierung von der Bevölkerung erwarten, dass sie sich an hanebüchen begründete Demonstrationsverbote hält, wenn sich die seit 25 Jahren in die Welt posaunte angebliche 'Ungefährlichkeit' der Atomenergie jedesmal wieder als reine Verharmlosungstaktik entpuppt", fragt BI-Sprecher Mathias Edler.

29. März - Straßentransport


29.03.2001

Früher als damit gerechnet wurde starten die sechs Atomtransporter am Morgen des 29. März auf die letzten Etappe vom Verladebahnhof Dannenberg zum Zwischenlager Gorleben, das nach nur eineinhalb Stunden um 08.20 Uhr erreicht wird.

"Nach den beiden Gleisblockaden bei Wendisch-Evern am 26. und 27.03. hatte X-tausendmal-quer zur Blockade bei Laase (Castor-Straßenstrecke) mobilisiert: "So nah am Durchbruch waren wir noch nie. Kommt ins Wendland. Beteiligt Euch am Ausstieg" (SMS). Am frühen Morgen drohte die Polizei, das Camp in Laase einzukesseln und zu räumen. Daraufhin entschloß man sich, zur Straße Laase - Gorleben aufzubrechen, um dort den Castor zu blockieren. Als die ca. 2 000 TeilnehmerInnen dort ankamen, war bereits die Polizei mit einigen Hundertschaften und einer Reiterstaffel vor Ort. Ferner wurden weitere Polizeibeamten per Hubschrauber eingeflogen. Die DemonstrantInnen verzichteten auf einen gewaltsamen Durchbruch durch die Polizeikette. Überraschend schnell traf dann der Kordon mit den sechs Castor-Tiefladern ein und rollte ohne Unterbrechung an den zunächst enttäuschten ZuschauerInnen vorbei. Kurz danach aber bildeten sie alle zusammen einen großen Kreis, in dessen Mitte sich zwei lange Menschenketten zu einem X formierten. Dieses Symbol des Widerstandes löste sich dann zu einem ausgedehnten Zug auf, an dessen Spitze eine Musikantengruppe für aufrichtende Stimmung sorgte, die auf alle übergriff. So feierte man denn alle Aktionen als einen großen Erfolg, fest entschlossen, sich beim nächsten Castor-Transport wieder querzustellen." (Text & Bilder: subkontur.de)

"Wir wollten keine Schlacht um Gorleben, es ging uns um ein politisches Zeichen gegen einen Atomkonsens, der kein gesellschaftlicher Konsens ist", so "X-tausendmal quer"-Sprecher Jochen Stay. "Dieses Zeichen wurde in den Tagen des Schienentransports deutlich gesetzt und so war es nur vernünftig, dass sich die Aktivistinnen und Aktivisten in der Nacht zum Donnerstag etwas Schlaf gegönnt haben und nicht sinnlos gegen Polizeiketten angerannt sind."

29.03.2001

Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) betont am 29. März bei einer Aktuellen Stunde im Bundestag, daß "jede Form von Gewalt strikt abzulehnen" sei. Der Umweltorganisation Robin Wood wirft er vor, gegen ihre "Fürsorgepflicht" verstoßen zu haben, weil unter den vier Demonstrant:innen von Süschendorf ein 16jähriges Mädchen war. Zugleich bekundet Trittin seinen "Respekt" vor den "überwiegend friedlichen" Demonstrant:innen. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) spricht von "schweren Straftaten mit ungeheurer Kriminalität" und kündigt Schadenersatz-Forderungen gegen die Blockierer:innen und ihre Helfer:innen an.

"Diese pauschale Verunglimpfung des hiesigen Widerstandes weise ich ganz entschieden zurück", betont Dannenbergs Samtgemeindebürgermeister Harring Schröder (SPD) in einem Brief an die SPD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Peter Struck, und im Niedersächsischen Landtag, Axel Plaue.

"Weder waren der allgemeine Zugverkehr noch der Castorzug konkret gefährdet, die Betroffenen setzten lediglich den eigenen Körper ein, ohne dass die Schienen beschädigt waren", so die Bürgerinitiative Umweltschutz. Überspielt werden solle mit den martialischen Kommentaren die Tatsache, dass allen Unkenrufen zum Trotz der Widerstand gegen die Nutzung der Atomenergie nicht abgebröckelt sei.

30.03.2001

Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling (SPD) geht am 30. März in Hannover nach einer ersten Schätzung von 22 bis 23 Millionen Mark an echten Kosten für das Land aus. Der Atommüll-Transport vor vier Jahren hatte Niedersachsen knapp 18 Millionen Mark gekostet. Nach Polizei-Angaben waren zur Sicherung des Transportes bundesweit rund 29 000 Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz im Einsatz, davon in der Schlussphase des Transportes am Donnerstag allein 18 200 im Wendland.

Bartling verurteilt erneut das Anketten der vier Aktivist:innen an der Schienenstrecke nach Dannenberg als "schwere Straftat". Bremens Finanzsenator Hartmut Perschau (CDU) kündigt an, die Gemeinnützigkeit von Robin Wood auf den Prüfstand zu stellen. Nach Angaben von Polizeieinsatzleiter Hans Reime wurden während des Transportes 693 Demonstranten in Gewahrsam genommen. Es gab 116 Festnahmen. Bei 1093 Demonstranten wurden die Personalien aufgenommen. Reime räumt zudem ein, seine Beamten zu Unrecht vor Säureattentaten der Atomgegner:innen gewarnt zu haben: Er habe Erkenntnisse darüber gehabt, dass zeitgleich mit dem Transport in der Region "Essigsäure in größerem Ausmaß" angefordert worden sei. Anschläge mit Essigsäure habe es nicht gegeben, ein Kläranlage habe die Säure bezogen.
Quelle: dpa, AP

April

Anfang April gibt Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel dem "Spiegel" (14/2001) ein Interview: "Gorleben ist eine Wellblechbox."

"Die Intensität der Widerstandsformen zeigt auch, dass hier etwas politisch und gesellschaftlich völlig falsch läuft". Es könne "dauerhaft nicht angehen, dass eine einzige Region die nationalen Entsorgungslasten allein trägt".

"Weitere Transporte nach Gorleben gefährden den Landfrieden und lassen die früheren Mahnungen von Ro-bert Jungk wahr werden, dass ein solcher Atomstaat die Demokratie zerstört. Wir brauchen endlich eine Verteilung der Entsorgungslasten auf alle Bundesländer".

"Wir können nicht die Verbindung zu einer ganzen Region mit 50 000 Menschen im Wendland kappen. Hier brauchen wir demokratisch akzeptable Bedingungen."


Gabriel bezeichnet in dem Interview wie einst sein Amtsvorgänger Ernst Albrecht (CDU) Gorleben als "politisch nicht durchsetzbar, da es nicht alleiniger Standort für den gesamten Atommüll werden kann. Der Energiekonsens ist unvollständig ohne einen neuen Entsorgungskonsens".
Quelle: Spiegel, 14/2001

Vorfall im Behälterlager


02.04.2001

Am 2. April kommt es zu einem Vorfall bei der Einlagerung der Atommüll-Behälter in das Zwischenlager Gorleben: Durch Überdruck im Behälterboden wölbte sich die Bodenplatte im Bereich der Neutronenmoderatoren auf. Beim Aufstellen des 5. Behälters habe "die Bodenplatte ein Abblasegeräusche von sich gegeben", so die Sprecherin des niedersächsischen Umweltministeriums, Jutta Kremer-Heye. Probleme mit der Ausdehnung der Neutronenmoderatoren, die in die Behälterwand der Castoren zwecks Strahlenminimierung eingelassen sind, waren seit langem bekannt, so die Bürgerinitiative Umweltschutz.

"Man kann deshalb nur von Glück sagen, dass der Behälter keinen Belastungen wie bei einem Aufprall ausgesetzt war, denn der Druckaufbau in den Bohrungen der Behälterwand führt zur mechanischen Instabilität", so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

12.05.2001

Der jüngste Castor-Transport nach Gorleben wird wahrscheinlich noch erheblich teurer als bisher angenommen: "Die Tendenz geht gegen 40 Millionen Mark", so das niedersächsische Innenministerium am 12. Mai. Die Berechnungen seien aber noch nicht abgeschlossen. Das Innenministerium war zunächst von Kosten von 23 Millionen Mark ausgegangen und hatte diese später auf rund 30 Millionen Mark nach oben korrigiert.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

99.07.2001

Ende Juli leitet die Staatsanwaltschaft Lüneburg insgesamt 737 Verfahren, darunter 462 Strafverfahren gegen Teilnehmer:innen des Protests gegen den Castor-Transport vom März ein.

August

20.08.2001

Der letzte Castor-Transport im Frühjahr wird haushaltsrelevante Mehrkosten von 50 Millionen Mark verursachen, so der niedersächsische Innenminister Heiner Bartling am 20. August. Er hofft, "dass der Castor-Widerstand im Wendland endlich nachlässt". Künftig werde es nur noch einen Sammeltransport mit 12 Behältern im Jahr geben, die Energieversorgungsunternehmen "stellen das Equipment für zwölf Castoren zur Verfügung und verbessern die Rangiermöglichkeiten für einen längeren Castor-Zug vor der Umladestation".

15.09.2001

Mitte September erhalten die vier Aktivist:innen der Betonblock-Blockade in Süschendorf ihre Anklageschrift: Ihnen wird nur noch Nötigung (§ 240 StGB) und Störung öffentlicher Betriebe (§ 316 b StGB) vorgeworfen. Von gefährlichem Eingriff in den Schienenverkehr und Sachbeschädigung ist keine Rede mehr.
Quelle: Robin Wood

16.10.2001

Im Rechtsstreit um die dreitägige Ingewahrsamnahme von Jochen Stay während des Castor-Transportes nach Gorleben im März hat das Oberlandesgericht (OLG) Celle am 16. Oktober zu Gunsten des Sprechers der bundesweiten Anti-Atom-Kampagne "X-tausendmal quer" entschieden. Dessen Beschwerde war noch während seiner Gefangenschaft in einer Ausnüchterungszelle der Lüneburger Polizei vom Landgericht Lüneburg zurückgewiesen worden. Das OLG hat das Verfahren nun zur erneuten Entscheidung an das Landgericht zurückverwiesen.

2002

September

Anfang September scheitert der Landkreis Lüchow-Dannenberg vor dem Verwaltungsgericht Mainz mit seinem Versuch, die Genehmigung des Castor-Atommülltransports ins Zwischenlager Gorleben vom März 2001 nachträglich für unrechtmäßig erklären zu lassen. Beklagte in dem Prozess war die Stadt Mainz, die dem Transportunternehmen Deutsche Bahn Cargo die Genehmigung für den Straßentransport der Atommüllbehälter vom Bahnhof Dannenberg nach Gorleben erteilt hatte. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg war bereits im März 2001 in einem Eilverfahren vor dem Landgericht Mainz mit dem Versuch gescheitert, den Straßentransport der Castor-Behälter zu verhindern. Der Landkreis wollte die Zusicherung, dass die DB Cargo auch für Schäden an Ausweichstrecken aufkommt, die in Zusammenhang mit dem Atomtransport entstehen, beispielsweise, wenn Atomkraftgegner eine Straße unterhöhlen, um den Transport zu blockieren. Das Gericht hält diese Forderung aber für "unverhältnismäßig".

11.10.2002

Das Lüneburger Amtsgericht verurteilt am 11. Oktober einen Robin-Wood-Aktivisten, der sich beim Castor-Transport im März 2001 nahe des Dorfes Bavendorf ans Gleis gekettet hatte, wegen Nötigung und Störung öffentlicher Betriebe zu 2000 Euro Geldstrafe. Erstmals wertet damit das Lüneburger Amtsgericht Anketten als Gewalt. Das Urteil, so Richter Wettig, solle auch verdeutlichen, "dass die Frage um die Nutzung der Kernenergie nicht auf die Schiene zwischen Lüneburg und Dannenberg gehört".

Deutlich macht der Richter aber auch, dass sich das Urteil nicht nur an Tobias L. richtet, sondern "generalpräventiv" wirken soll. In der Vergangenheit habe man Verfahren wegen Ankett-Aktionen eingestellt, "und das hat in der Szene kein Entgegenkommen bewirkt" - die Aktionen seien im Gegenteil komplexer geworden. (taz)

17.10.2002

Vor dem Lüneburger Amtsgericht beginnt am 17. Oktober ein Prozess gegen drei Atomkraftgegner:innen wegen des Aufrufs zu einer Sitzblockade gegen den Castor-Transport nach Gorleben im März 2001. Wiebke Herding, Heidi Klein und Jochen Stay wird vorgeworfen, in einem Rundbrief zu der gewaltfreien Sitzblockade "X-tausendmal quer" aufgerufen zu haben.

"Uns ist natürlich bewusst, dass eine Sitzblockade auf der Castorstrecke nach der herrschenden Rechtsordnung nicht legal ist. Wir betrachten sie als einen Akt Zivilen Ungehorsams, den wir angesichts der möglichen Folgen der Atomkraftnutzung für legitim und notwendig halten, notwendig im Wortsinne von: eine Not abwenden. Denn erst wenn tausende Menschen ihrer Regierung den Gehorsam verweigern, das Risiko von Polizeigewalt und juristischer Verfolgung in Kauf nehmen, erst dann wird ein solch dramatischer Konflikt wie der um die Atomkraft in unserer unübersichtlichen Gesellschaft, unserer spaß- und konsumorientierten Gesellschaft und unserer medialisierten Gesellschaft noch wahrgenommen", so Jochen Stay.


Die Richterin widerspricht mit einem Freispruch der Auffassung der Bezirksregierung Lüneburg, die Bußgelder in Höhe von 1500 und 900 Mark verhängt hatte, und der Staatsanwaltschaft.

2004


02.03.2004

Am 2. März weist das Verwaltungsgericht Lüneburg die Klage eines Aktivisten, der sich im März 2001 mithilfe eines Rohrs an die Castorgleise gekettet hatte, gegen einen Gebührenbescheid der Stadt Lüneburg zurück: Dafür, dass die Feuerwehr ihn nach der Aktion aus dem Ankettrohr befreit habe, muss er 314 Euro bezahlen.

Inhaltsverzeichnis

1980:
"Republik Freies Wendland"

Platzbesetzung der Bohrstelle Gorleben 1004 und Gründung der "Republik Freies Wendland". Die Räumung nach vier Wochen wird zum größten Polizeieinsatz in der Geschichte der BRD.

1982-1985:
Dragahn - eine WAA wird verhindert

Nachdem die Pläne, in Gorleben eine Wiederaufarbeitungsanlage zu bauen gescheitert waren, zauberte die Niedersächsische Landesregierung einen neuen Standort aus dem Hut: Dragahn. Die Pläne scheiterten am Widerstand.

1985-:
Pilot-Konditionierungsanlage

In der Pilot-Konditionierungsanlage (PKA) sollten ursprünglich hochradioaktive Brennstäbe hinter dicken Betonwänden zerschnitten und endlagerfertig verpackt werden.

1985-2020:
Die Kreuzwege

Die vier "Kreuzwege" markieren wichtige Kapitel im Widerstand und damit verbundenen den Standpunkten der Kirche. Die Aktionen hinterließen Kreuze im Wald bei Gorleben - dort wo bis heute das "Gorlebener Gebet" stattfindet.

1990-:
Die Turmbesetzer*innen

Am 21. und 22. Juni besetzen 14 Aktivist*innen beide Endlagerschächte des Bergwerks Gorleben. Anlass ist der Antritt der ersten rot/grünen Regierung in der Geschichte Niedersachsens. Im Nachgang verklagt die Bundesregierung die Aktivist*innen auf 126.000 DM Schadensersatz.

1994:
Castornix

Pleiten, Pech & Pannen: Widerstandscamp "Castornix" und erhebliche Proteste gegen den ersten Castortransport in das Zwischenlager Gorleben, der wegen technischer Mängel dann aber abgesagt wird.

1995:
Castor 1995 - Tag X

Nach der Absage in 1994 spitzt sich die politische Situation zu. Am 24. April 1995 startet der erste Castortransport mit Ziel Zwischenlager Gorleben in Philippsburg.

1996:
Castor 1996 - Tag X2

Zweiter Castortransport nach Gorleben: "Wir stellen uns quer" heißt es im Wendland, als erstmals Atommüll aus der Wiederaufarbeitung angeliefert wird.

1996-2022:
Salinas

Besser als Salz fördern ist KEIN Atommüll lagern. Mit Salzförderung wollten Salinas verhindern, dass in Gorleben ein Endlager gebaut wird.

2001:
Süschendorf

Im März 2001 blockierten Aktivist:innen, angekettet an einen Betonblock im Gleisbett, bei Süschendorf stundenlang den Transport von hochradioaktiven Atommüll auf seiner Fahrt nach Gorleben. Es folgte ein langjähriger Prozess-Marathon.

2001:
März-Castor

Zwei Castoren rollen in einem Jahr, März: 16.000 Menschen protestieren in Lüneburg gegen den ersten Castor-Transport nach einer langen Pause, X-tausend blockieren in Wendisch-Evern, in Süschendorf ketten sich Aktivist:innen an einen Betonblock im Gleisbett und zwingen den Zug zum Rückwärtsgang.

2001:
November-Castor

Der zweite 2001-Castor rollt im November. X-tausend Menschen widersetzen sich erneut der atomaren Fracht.

2001-:
Gorleben Archiv e.V.

"Die Geschichte des Gorleben-Widerstandes gehört in unsere Hände, gerade weil die politischen und juristischen Prozesse keineswegs abgeschlossen sind. Wir wollen ein Archiv, daß über die Konservierung der Materialien hinaus vor allem jungen Menschen Anstöße zum politischen Handeln, zur Einmischung auch außerhalb von Parlamenten, gibt. Ausstellungen, Seminare und sozialwissenschaftliche Forschungsarbeiten dokumentieren einzigartige Geschichte(n) vom Widerstand und machen gleichzeitig Demokratie erlebbar." (Gründung des Gorleben Archiv, 2001)

2002:
Castor im "dreckigen Dutzend"

Erstmals rollen im November 2002 zwölf Castor-Behälter auf ein Mal ins Wendland. Der Widerstand antwortet mit "Ver-rück-ten Dörfern", X-tausend Quersitzer:innen und Schienenblockaden.

Die ganze Geschichte: