Gorleben-Chronik

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1995:

Castor 1995 - Tag X

Nach der Absage in 1994 spitzt sich die politische Situation zu. Am 24. April 1995 startet der erste Castortransport mit Ziel Zwischenlager Gorleben in Philippsburg.

Tag X

1995


24.04.1995

FotosFilm
Am 24. April um 20.05 Uhr beginnt der Castor-Transport aus dem Atomkraftwerk Philippsburg seine Fahrt in das Zwischenlager Gorleben.

Eine Diesel-Lok der Deutschen Bahn AG zog den mit einer Plane abgedeckten Sicherheitsbehälter mit den hochradioaktiven Brennstäben aus dem Kraftwerksgelände. Ein massives Polizeiaufgebot versuchte zahlreiche Demonstranten von den Gleisen fernzuhalten. Über 60 Atomkraftgegner wurden in Gewahrsam genommen. (contratom.de)

8.000 Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz sind zur Streckensicherung durch Deutschland im Einsatz.

Auf einer Pressekonferenz der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg erklärt Landrat Christian Zülke (SPD): "Ich werden mich an das Versammlungsverbot halten". In der Nacht brennen auf den Gleisen am Bahnhof Hitzacker Holzstämme. Die zweite Bahnstrecke Uelzen-Dannenberg wird bei Zernien blockiert.

Als endgültig feststand, der Castor rollt, gab es abends noch mal eine Notgemeinschaftsversammlung mit weit über 100 Menschen. Daß wir Bauern mit unsern Treckern etwas unternehmen wollen war klar. Da wir nicht alle Anwesenden kannten, bestand die Gefahr das Spitzel geplante Aktionen verraten könnten. Fünf Bauern aus den verschiedenen Regionen des Landkreises haben sich dann zurückgezogen und beraten. Wer bereit war an der Aktion teilzunehmen, konnte dann bei dem Bauern aus seinem Gebiet nachfragen was geplant ist. Wir erfuhren dann, morgen früh 7Uhr blockieren wir bei Splietau. (20 Jahre Widerstand - Adi Lambke, Landwirt, zieht ein Resümee)

25.04.1995

Die gesamte Castor-Transportstrecke ist Ziel von Anschlägen und Protesten. Ca. 2.000 Atomkraftgegnerlnnen im Wendland leisten erbitterten Widerstand und "stellen sich quer".

Im Schritttempo nähert sich das 125 Tonnen schwere Ungetüm mit der gefährlichen Fracht seinem Ziel nahe Gorleben in Niedersachsen: zuerst per Bahn, später dann per Lkw. Immer wieder werfen sich Menschen in den Weg und müssen weggetragen werden. Steine fliegen. Die Polizei geht mit Gummiknüppeln und Wasserwerfern gegen Demonstranten vor. Gorleben ist im Ausnahmezustand. Die Schulen sind geschlossen, Bauern haben sich auf Treckern zum Protestmarsch aufgemacht. (wdr.de)

Nach 14 Stunden Bahnfahrt trifft der Castorbehälter aus dem baden-württembergischen Atomkraftwerk Philippsburg-2 nach etwa 580 km gegen 10.30 Uhr am Verladebahnhof Dannenberg-Ost ein. Gegen 12.00 Uhr ist der Behälter auf einen Straßen-Tieflader verladen und setzt sich auf die 18 km lange Strecke nach Gorleben in Bewegung.

Anfangs ist der Sprecher der Pressestelle "Castor" in der Polizeizentrale Lüneburg noch optimistisch. "Der Zug läuft", verkündet er stolz. "Das ist ein Erfolg für uns." Acht Stunden später ist von "erheblicher Gewaltbereitschaft" und "massiven Einsätzen" gegen Demonstranten die Rede. (wdr.de)

6.500 BeamtInnen von Polizei und BGS bahnen dem Transport den Weg. Mit Schlagstöcken und Wasserwerfern, vor allem aber mit Zupacken räumte die Staatsmacht Demonstranten beiseite. Es kommt zu zahlreichen Verletzten.

Um 17.12 Uhr schließen sich hinter dem ersten Atommüll-Behälter die Tore des Zwischenlagers in Gorleben.

Bundesweit protestieren etwa 4.000 AtomkraftgegnerInnen. Insgesamt sind 15.000 Polizisten im Einsatz, der größte Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik. Insgesamt sind in Niedersachsen 7.600 Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz - zusammengerufen aus einem halben Dutzend Bundesländern - im Einsatz. 29 Personen werden vorläufig festgenommen.

Dieser erste Castor-Transport kostet den Steuerzahler ca. 55 Millionen Mark, also etwa 100.000 DM je km. Davon fallen knapp 28 Millionen Mark auf das Land Niedersachsen.

"Wir werden auch den nächsten Castor-Transport so teuer machen", prophezeit ein Bauer den Heerscharen angereister Journalisten in Gorleben. "Und den nächsten." (wdr.de)


Gleich nachdem der Castor-Behälter in Gorleben abgeladen war, kündigt das Bundesumweltministerium unter Angela Merkel (CDU) an, demnächst (bis Jahresende) werde Atommüll aus dem AKW Biblis und dem AKW Gundremmingen folgen.

Der Castor sei "ein notwendiges Übel", betont Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) später. Opposition und Umweltschützer sprechen von einer "ungeheueren Provokation zum neunten Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl".

04.05.1995

Das "Komitee für Grundrechte und Demokratie", das beim Castor-Transport mit Demonstrationsbeobachter*innen das Geschehen verfolgte, veröffentlicht am 4. Mai ihre Bilanz. In ihrer Erklärung wird das Demonstrationsverbot und der Polizeieinsatz kritisiert:
"Dem friedlichen, gewaltfreien, offen vorgetragenen Protest wurde zunehmend mit massiven Zwangsmitteln begegnet." (Komitee für Grundrechte und Demokratie)

Später erscheint ein vollständiger Bericht mit dem Titel "Castor eingelagert - Grundrechte und Demokratie ausgelagert".

1996


06.05.1996

Am 6. Mai erklärt das Verwaltungsgericht Lüneburg das Demonstrationsverbot beim Castor-Transport im April 1995 für rechtswidrig.

Inhaltsverzeichnis

1980:
"Republik Freies Wendland"

Platzbesetzung der Bohrstelle Gorleben 1004 und Gründung der "Republik Freies Wendland". Die Räumung nach vier Wochen wird zum größten Polizeieinsatz in der Geschichte der BRD.

1982-1985:
Dragahn - eine WAA wird verhindert

Nachdem die Pläne, in Gorleben eine Wiederaufarbeitungsanlage zu bauen gescheitert waren, zauberte die Niedersächsische Landesregierung einen neuen Standort aus dem Hut: Dragahn. Die Pläne scheiterten am Widerstand.

1985-:
Pilot-Konditionierungsanlage

In der Pilot-Konditionierungsanlage (PKA) sollten ursprünglich hochradioaktive Brennstäbe hinter dicken Betonwänden zerschnitten und endlagerfertig verpackt werden.

1985-2020:
Die Kreuzwege

Die vier "Kreuzwege" markieren wichtige Kapitel im Widerstand und damit verbundenen den Standpunkten der Kirche. Die Aktionen hinterließen Kreuze im Wald bei Gorleben - dort wo bis heute das "Gorlebener Gebet" stattfindet.

1990-:
Die Turmbesetzer*innen

Am 21. und 22. Juni besetzen 14 Aktivist*innen beide Endlagerschächte des Bergwerks Gorleben. Anlass ist der Antritt der ersten rot/grünen Regierung in der Geschichte Niedersachsens. Im Nachgang verklagt die Bundesregierung die Aktivist*innen auf 126.000 DM Schadensersatz.

1994:
Castornix

Pleiten, Pech & Pannen: Widerstandscamp "Castornix" und erhebliche Proteste gegen den ersten Castortransport in das Zwischenlager Gorleben, der wegen technischer Mängel dann aber abgesagt wird.

1995:
Castor 1995 - Tag X

Nach der Absage in 1994 spitzt sich die politische Situation zu. Am 24. April 1995 startet der erste Castortransport mit Ziel Zwischenlager Gorleben in Philippsburg.

1996:
Castor 1996 - Tag X2

Zweiter Castortransport nach Gorleben: "Wir stellen uns quer" heißt es im Wendland, als erstmals Atommüll aus der Wiederaufarbeitung angeliefert wird.

1996-2022:
Salinas

Besser als Salz fördern ist KEIN Atommüll lagern. Mit Salzförderung wollten Salinas verhindern, dass in Gorleben ein Endlager gebaut wird.

Die ganze Geschichte: