Gorleben-Chronik

Gorleben-Chronik - 1982

"Tanz auf dem Vulkan"

Baubeginn des Zwischenlagers wird mit Aktionen im Grenzstreifen zur DDR beantwortet, militante Eskalation beim "Tanz auf dem Vulkan" und immer schlechtere Bohrergebnisse. Plötzlich ist das Wendland mit Dragahn wieder als ein WAA-Standort im Gespräch.

Januar

Nach der Jahreswende gibt das Oberverwaltungsgericht Lüneburg mit sechs Monaten Verzögerung grünes Licht für den Bau des Atommüll-Zwischenlagers in Gorleben. In dem Zuge zerstören Atomkraftgegner:innen den Zaun des Zwischenlagergeländes. "Bohrt 100 Löcher in den Sand - ihr findet nichts als Widerstand", so die Botschaft.

02.01.1982

"Neumond. Dunst und Trauer liegen über den Weiten, wo einst die Heimat der Trebeler Waldfeen war. Stille im Waldbrandgebiet. Doch ich entdecke (...) eine dunkle Schlange, die größer und größer wird. Schon trägt der Wind den Duft von Sandelholz und Gülle herüber, nun erkennt man Palästinensertücher, Pelzmäntel, Latzhosen. Hunderte, glaube ich, ziehen da an mit vorbei. (...) Was für ein bunter Haufen, doch wie gemeinsam ihr Schaffen; lautlos, ohne Kommando verteilen sich die Laute am Bauzaun der geplanten Endlagerstätte. Es verfliegen Sekunden, und 400 Pfähle liegen im Staub, zerschnitten ist der Draht. Freude in uns, Gorleben lebt!"
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag / Atom Express

26.01.1982

Am 26. Januar beginnt der Bau des Zwischenlagers in Gorleben.

Grenzbesetzung gegen Zwischenlagerbau


27.01.1982

Am 27. Januar findet die erste "Grenzbesetzung" statt: Mit Transparenten betreten Atomkraftgegner:innen als Protest gegen den Baubeginn des Zwischenlagers in Gorleben das "Niemandsland" zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Ordnungshüter, Diplomaten und Politiker sind in veritabler Panik.

März

10.03.1982

Aktionstag in Gorleben: Am 10. März ketten sich Aktivist:innen auf der Zufahrt zur Zwischenlager-Baustelle in Gorleben an. Die Polizei räumt.

27.03.1982

Erste Großdemonstration in Schwandorf mit 15.000 Teilnehmer:innen aus Anlass des Raumordnungsverfahrens für eine Wiederaufarbeitungsanlage in Bayern.
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag

14.04.1982

Im März mit Übergabeschreiben vom 14. April beantragt die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe mbH (DBE) den Rahmenbetriebsplan für die Erkundung des Salzstocks:

"Die untertägige Erfindung des Salzstockes Gorleben umfaßt alle rein bergmännischen Arbeiten, um detaillierte Kenntnisse über das Salzstockinnere zu gewinnen. Auch diese Kenntnisse sind Voraussetzung für die Beantwortung der wesentlichen Frage, ob die Sicherheit im Falle der Einlagerung radioaktiver Abfälle gewährleistet ist und welche Mengen von Abfällen in den einzelnen Bereichen des Salzstockes gelagert werden können."


"Nachdem derzeitigen Stand der Planungen können die Vorbereitungen für das Schachtabteufen Anfang 1983 beginnen, das Schachtabteufen selbst 1985 mit der anschließenden vierjährigen Erkundung von 1989 bis 1992."


Der "Erkundungsbereich" umfasst 2000 x 9000 x 300 Meter.

Duphorn: "Je tiefer wir bohrten, desto schlechter wurden die Ergebnisse"


31.05.1982

Am 31. Mai fordert der Quartärgeologe Prof. Dr. Klaus Duphorn die alleinige Erkundung alternativer Standorte wegen nicht mehr gegebener Eignungshöffigkeit von Gorleben. Duphorn nahm bis 1982 im Auftrag der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) die Bohrergebnisse aus Gorleben unter die Lupe. Zwischen 1979 bis 1981 wurden 5.300 Handbohrungen realisiert und rund 500.000 Steine untersucht. Daraufhin habe man vom Terrain 48 Karten erstellt.

"Je tiefer wir bohrten, desto schlechter wurden die Ergebnisse", so Duphorn vor dem 1. Untersuchungsausschuss zu Gorleben am 8. Juli 2010. Die Ergebnisse hätten gezeigt, dass man anfangs die Grundwasserdynamik unterschätzt habe. So habe auch die PTB einräumen müssen, dass das Deckgebirge als mögliche Barriere für radioaktiven Abfall quasi ausfalle und Gorleben mit dem Salzstock ein Ein-Barrieren-System aufweise.


Auf 300 Seiten legt Duphorn fundiert und akribisch dar, welche Risiken der Salzstock Gorleben als Folge der komplizierten geologischen Struktur und der Wasserkontakte für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle birgt. Es wurde damit klar, dass der Kieler Quartärgeologe nicht das gewünschte Ergebnis ("Eignungshöffigkeit") liefern würde. Heinz Riesenhuber, Leiter des Forschungsministeriums, liess daraufhin Duphorns Gutachtervertrag nicht über das Jahr 1982 hinaus verlängern.

12.06.1982

Am 12. Juni erreicht die Schachtvorbohrung Gorleben 5001 das Ende bei 967,8m Teufe.

15.06.1982

Die Gesellschaft für Strahlenschutz (GSF) veröffentlicht am 15. Juni die Ergebnisse der Untersuchung zur Eignungsprüfung der Schachtanlage Konrad für die Endlagerung radiaotkiver Abfälle.

15.07.1982

Nach den kritischen Aussagen zur Eignung Gorlebens für ein Endlager greift das Bundesministeriums für Forschung und Technologie am 15. Juli in einer Pressemitteilung die Reputation des Quartärgeologe Prof. Dr. Klaus Duphorn an. Duphorn berichtet im Jahr 2009, dass er im Oktober 1982 nach dem Regierungswechsel von PTB-Mitarbeitern in Kiel aufgesucht wurde. Duphorn sei aber nicht zur Änderung seiner Aussagen bereit gewesen.

07.08.1982

Am 7. August beginnt die Schachtvorbohrung Gorleben 5002.

31.08.1982

Am 31. August beantragt die Physikalisch Technischen Bundesanstalt beim Niedersächsischen Minister für Bundesangelegenheiten (damals Sozialminister) die Einleitung eines Planfeststellungsverfahrens für die Schachtanlage Konrad.

"Tanz auf dem Vulkan"


04.09.1982

Am 4. September folgen 10.000 Menschen dem Aufruf zum Musikfestival "Tanz auf dem Vulkan" als Reaktion auf den Baubeginn der Zwischenlagerhallen in Gorleben. Bundesweit protestieren 40.000 Menschen an den potentiellen Standorten für Wiederaufarbeitungsanlagen und demonstrieren "dezentrale Gemeinsamkeit". In Gorleben kommt es nach der Kundgebung der Bürgerinitiative zu teilweise militanten Auseinandersetzungen mit der Polizei. Atomkraftgegner:innen erleiden Prellungen und Knochenbrüche. Durch den Einsatz neuer Hochdruckwasserwerfer werden mehrere Menschen schwer verletzt. Klagen gegen den Einsatz gehen später bis vor das Bundesverfassungsgericht.

Die BI Umweltschutz distanziert sich in einer Erklärung von den "Gewalttätern", meint dabei aber nicht die Polizei. Berliner AKW-Gegner:innen antworten in einem Offenen Brief: "Seit der Dorfbesetzung 1004 haben wir den Eindruck, dass sich euer Widerstand in schleichende Resignation verliert (...). Um niemanden zu verschrecken, verliert ihr euch in unendlichen Kompromissen."

Oktober

Oktober: Der Bau des Zwischenlagers in Gorleben schreitet voran.

30.10.1982

30. Oktober: "Schlacht am Schacht", 8-10.000 Menschen protestieren gegen die Endlagerpläne am Schacht Konrad bei Salzgitter. Es entwickeln sich mehrstündige Kämpfe zwischen militanten AKW-Gegner:innen und der Polizei. 28 Menschen werden festgenommen. Zu der Aktion hatten Bürgerinitiativen mit drei unterschiedlichen Aufrufen mobilisiert, was die Zerissenheit der Bewegung deutlich macht.

01.11.1982

Am 1. November ist in einer von der BI fingierten Anzeige in der "Elbe Jeetzel Zeitung" zu lesen: Die Spitzen der Kommunalpolitiker, der Oberkreisdirektor und der Landrat treffen sich am gleichen Tag mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht in dessen Privathaus, um über die Pläne für eine Wiederaufarbeitungsanlage in Dragahn zu sprechen.

Eine WAA in Draghan?


03.11.1982

Zwei Tage später (3. November) erklärt die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen (DWK), dass sie zwei Standorte für den Bau von Wiederaufarbeitungsanlagen verfolgen wolle: Einer in Bayern (Wackersdorf) und einer in Niedersachsen (Dragahn).

Niedersachsens Ministerpräsident Albrecht befindet, dass "die Leute jetzt mehrheitlich dafür" seien, und er verkündet, allen Versprechungen zum Trotz, daß Lüchow-Dannenberg seine Wiederaufarbeitungsanlage nun doch bekommen soll - nicht in Gorleben, aber in Dragahn, ein paar Kilometer entfernt. Statt des gescheiterten Entsorgungszentrums soll es jetzt, kaum abgewandelt, "die Dreiheit" von Wiederaufarbeitung, Zwischen- und Endlager werden, mit der erreicht werden soll, "daß Niedersachsen und die Bundesrepublik Deutschland auf dem Gebiet der nuklearen Entsorgung führend werden", so Albrechts Finanzminister Burkhard Ritz. (SPIEGEL, 18.03.1984)


Im Wendland macht sich Verbitterung und Wut breit: Hieß es nicht, eine WAA in Lüchow-Dannenberg sei vom Tisch?
Quelle: u.a. SPIEGEL, 18.03.1984

13.11.1982

272 Trecker und mehr als 3.000 Menschen kommen zur Kundgebung nach Dannenberg. Nach aktuellen Gerüchten aus Hannover soll im Wendland - in Dragahn - nun doch eine Wiederaufarbeitungsanlage gebaut werden.

24.11.1982

Am 24. November erreicht die Schachtvorbohrung Gorleben 5002 mit 965m Teufe sein Ende.

14.12.1982

Die Bezirksregierung Lüneburg versendet "Leistungsbescheide" an 41 ehemalige Bewohner:innen der Republik Freies Wendland. Sie sollen den Polizeieinsatz bei der Räumung bezahlen: 2.762.728,25 Mark.
Quelle: Lieber aktiv als radioaktiv II, LAIKA-Verlag

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