FUNDSTÜCK DES MONATS
Eine Erfolgsgeschichte – 25 Jahre DEMOCARD
Ein Ausweis für „Latscher“ und „Singer“, „Berufsdemonstranten“, „Spinner“ und andere. Anfangs trotzige Selbstbehauptung, später begehrtes Sammlerobjekt.
Den Impuls zur Idee der „DEMOCARD“ lieferte ausgerechnet der Grüne Jürgen Trittin: In einem Brief vom Januar 2001 hatte er den Widerstand im Wendland aufgefordert, auf Blockaden der Castor-Transporte zu verzichten. Grundsätzlich habe er nichts gegen „Sitzblockaden, Latschdemos oder Singen“, aber der Rücktransport des deutschen Atommülls aus dem französischen La Hague sei nun mal „unvermeidlich und notwendig“. Im Klartext hiess das: Liebe Singer und Latscher, bleibt zuhause!
Schon 1996 hatte der damalige Bundesinnenminister Manfred Kanther Castor-Blockierer als „Unappetitliches Pack“ bezeichnet. Mit dem Begriff „Latsch-Demo“ war ein weiteres Stichwort gesetzt. Im März 2001 war die Zeit reif für die „DEMOCARD“. Der Gorleben-Widerstand war um eine orginelle Volte noch nie verlegen. Schon immer galt: Wer sich eine Negativ-Beschreibung selbstbewusst zu eigen macht, kann das Machtverhältnis erfolgreich umdrehen.

Die Idee zur Democard dazu hatte Michael Seelig, damals noch Kunstlehrer an der KGS – Drawehnschule Clenze. Computer und Farbdrucker waren noch technisches Neuland und so war er bei der Realisierung auf Unterstützung angewiesen. Die fand er in einem technik-affinen Schüler. Gemeinsam druckten sie die Ausweisvorlagen auf DIN-A-4 Bögen, schnitten Vorder- und Rückseite von Hand zu und laminierten sie zu einem amtlich anmutenden Plastikausweis. Mit ihm wurde allen „Singern und Latschern“ ausdrücklich erlaubt, an Castor-Demonstrationen teilzunehmen. Anfangs genügte zum Befestigen eine Sicherheitsnadel, später erhielt die Karte einen professionellen Clip.

Democard – Rückseite
Die Democard stieß auf eine so große Resonanz, dass bald von allen Seiten Vorschläge für weitere „Berechtigte“ kamen. Michael Seelig erinnert sich, dass ihn sogar Polizisten hinter vorgehaltener Hand um eine Variante für ihre Ehefrauen baten: die Democard für die „Besorgte Polizisten-Frau“.
Mit jeder Neuauflage wurde der Personenkreis erweitert, sodass es am Ende geschätzte 150 Ausweis-Varianten gab, die heute als begehrte Sammlerobjekte gelten. Zum Preis von jeweils 5 Euro ausgegeben, trugen die Ausweise im Laufe der Jahre nicht unerheblich zur Finanzierung des Widerstandes bei. Nach Michael Seeligs Schätzung kamen so insgesamt etwa 20.000 Euro zusammen. Er selbst bekam als Anerkennung irgendwann eine Demo-Card mit der Bezeichnung „Kreativer Geldbeschaffer“ verliehen. Chapeau!