FUNDSTÜCK DES MONATS

3./4.2.1990, PKA-Besetzung. Bild: G. Zint

Februar 1990: „Ein Hauch von Republik Freies Wendland“ – Das Baugelände der Pilotkonditionierungsanlage (PKA) wird besetzt

Über die Routiniertheit der Besetzer und Besetzerinnen staunt auch die Polizei. Kaum haben am 1. Februar 1990 mehrere hundert Demonstranten das Gelände der geplanten Pilotkonditionierungsanlage (PKA) besetzt, stehen auch schon die ersten Hütten. Einen Tag später ist das Widerstandsdorf auf 60 Hütten angewachsen. „Ein Hauch von Republik Freies Wendland“ weht durch den Gorlebener Tann“, heisst es im Buch „Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv“ (LAIKA-Verlag).

Zwischen dem sogenannten ‚Erkundungsbergwerk‘ und dem Zwischen-Lager soll eine industrieelle Anlage entstehen, in der der hochradioaktive Inhalt der Castor-Behälter vor dem Einbringen in den Salzstock ‚endlagerfähig‘ gemacht werden soll. Baukosten: 400 Mio €. Was ‚endlagerfähig‘ heißt, weiß man noch nicht. Deshalb also ‚Pilot‘. Learning by doing.

Nach der Besetzung geht es Schlag auf Schlag: Am 2. Februar erheben fünf BRD- und vier DDR-Bürger:innen vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg Klage gegen den Bau. Einen Tag später findet die erste gemeinsame Demonstration von Atomkraftgegner:innen aus Ost- und Westdeutschland statt. Ca. 10.000 Menschen ziehen von Gorleben zum Baugelände und fordern den Stopp der PKA-Pläne. Das Hüttendorf bekommt weiteren Zulauf.

Am 6. Februar aber rückt eine Übermacht von 2.000 Polizisten an und droht mit Räumung. Aus der Traum von einer neuen ‚Freien Republik‘?!

Unter den Besetzer:innen entbrennt eine heftige Diskussion: Wie kann der Widerstand seine Stärke am besten zeigen? Durchhalten und den Preis weiter in die Höhe treiben und dabei Blessuren und Festnahmen riskieren? Oder ist die öffentliche Wirkung der bis dahin so erfolgreichen Aktion gar nicht zu steigern, und es ist besser, die Kräfte zu schonen? Am Ende steht eine taktische und für viele der Beteiligten souveräne Entscheidung: der Großteil der Besetzer:innen zieht freiwillig ab – übrig bleiben nur die charmant ergrauten Mitglieder der Initiative 60. Der riesige Polizeiapparat läuft ins Leere…

Am nächsten Tag beginnen die Bauarbeiten, das Gelände wird planiert und ein Metallgitterzaun errichtet.

Am 8. Februar übergeben Mitglieder des „Neuen Forums“ (DDR) dem niedersächsischen Umweltministerium 1.423 Einwendungen gegen den Bau der PKA von DDR-Bürger:innen aus Gemeinden, die an den Landkreis Lüchow-Dannenberg angrenzen.

Am 19. Februar kommt es erneut zu Protesten: ca. 200 Menschen blockieren unter dem Motto „Widerstands-Frühstück“ ab 5.30 Uhr die Zufahrten zum Zwischenlager und der PKA-Baustelle. Am Nachmittag räumt die Polizei die Blockierer unter Einsatz von Schlagstöcken von der Straße. Am Abend wird in Lüchow die Polizeikaserne blockiert und in Lüchow für ein Verkehrschaos gesorgt. Hunderte Schüler:innen schließen sich den Protesten an.

Inzwischen wissen wir: die 400 Mio € Baukosten für die PKA wurden sprichwörtlich in den Sand gesetzt. Am 06.09.2019 verkündete der niedersächsische Umweltminister Lies den geplanten Abriss der PKA. Der aber lässt seitdem auf sich warten. Knackpunkt: die PKA verfügt über eine heiße Zelle, und die wird für die Reparatur eventuell undichter Castor-Behälter gebraucht. Jährliche Betriebskosten der Rest-PKA: 6,3 Mio €.

(Fotos: Günter Zint)

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