Gorleben-Chronik - 2001

X-tausendmal quer & Widersetzen

Zwei Atommülltransporte rollen nach Gorleben, einer im März, ein zweiter im November. X-tausend Menschen stellen sich quer und WiderSetzen sich. Der Betonblock von Süschendorf zwingt den Castor zum Rückwärtsgang. Der Widerstand bekommt ein Archiv, die Bundestagsabgeordneten ein Denkmal, die "Gewissensruhe".

Januar

Anfang Januar

Im Januar legt Salinas-Anwalt Nikolaus Piontek Widerspruch gegen die Verlängerung des Rahmenbetriebsplans zur Salzstockerkundung ein. Die Rechtsstreitigkeiten um die Salinas-Pachtgenehmigung und die Bohrgenehmigungen liegen weiter auf Eis.

01.01.2001

Regelmäßig finden Sonntags das "Katz-und-Maus-Spiel" auf der CASTOR-Strecke zwischen Lüneburg und Dannenberg statt: Dabei werden am 1. Januar 20 Atomkraftgegner:innen auf einem Bahnübergang bei Pisselberg/Dannenberg bei Eisregen von der Polizei eingekesselt und acht von ihnen zur Personalienfeststellung nach Lüchow in die Polizeikaserne abtransportiert.

Erst Ahaus, dann Gorleben

07.01.2001

Innerhalb von vier Wochen sollen zwei Castortransporte durch Deutschland rollen, heisst es am 3. Januar aus den Innenministerien der Länder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen:

* In der ersten Märzhälfte sollen abgebrannte Brennelemente aus den Atomkraftwerken Biblis, Neckarwestheim und Philippsburg in das Brennelemente-Zwischenlager Ahaus (BZA) rollen.
* Im Zeitraum Ende März bis zur ersten Aprilwoche soll deutscher Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in das atomare Zwischenlager Gorleben transportiert.

Beide Transporte hatte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter vor Jahresfrist genehmigt. "Wir denken nicht daran, Anträge zurückzuziehen", so Dr. Arnd Knauer, Geschäftsführer der Bahn-Tochter Nuclear Cargo +Service GmbH (NCS). Es sei geregelt, "dass die Polizei da mitspielt".

"Die Devise beim nächsten Tag X heißt 50 plus 20: nicht nur im Landkreis Lüchow-Dannenberg wird es politische Unruhe geben, denn zu den 20 Straßenkilometern kommen diesmal noch 50 auf der Schiene hinzu", erklärt Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz am 7. Januar.

07.01.2001

Am 7. Januar beteiligen sich etwa 50 Atomkraftgegner:innen am Spaziergang vom Bahnhof Hitzacker in Richtung Leitstade mit Ziel Baustelle der Eisenbahnbrücke bei Seerau. Die Jeetzel-Querung muss erneuert werden, damit weitere Atommüll-Transporte nach Gorleben durchgeführt werden können. Jede dieser Aktionen ist auch immer eine Auseinandersetzung mit Beamten des Bundesgrenzschutz.

10.01.2001

Der Physiker Wolfgang Neumann erstellt im Auftrag von BI und BUND die Studie "Entsorgungsfiasko". Diese belege, dass der Atomkonsens "das Endlagerproblem weiter verschärfe", so BUND-Landesvorsitzende Renate Backhaus auf einer Pressekonferenz am 10. Januar in Hannover. Die bisher in Deutschland angefallene Atommüllmenge werde sich durch die vereinbarten Laufzeiten verdoppeln.

"Wir rechnen mit großem Zulauf zu unseren Aktionen und wollen die Kosten des Transportes damit so weit wie möglich in die Höhe schrauben", so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

11.01.2001

In der Nacht 11./12. Januar wird ein 200 Tonnen schweres Gewicht vom Gelände der Atomanlagen in Gorleben zum Verladekran Breese/Marsch transportiert. Es dient dem Test des neuen, auf Schienen entlang des Bahn-Liefergleises fahrbaren Krans auf der Castor-Verladestation. Expert:innen des TÜV Hannover haben die gut 14 Meter hohe Hebekonstruktion überprüft. Derzeit wird das Dach der Kran-Behausung und der neue Zaun, der die Verladestation umgibt, fertiggestellt.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

13.01.2001

Am 13. Januar findet ein Ratschlag in die Trebeler "Bauernstuben" statt. Weit mehr als 100 Menschen tauschen Aktionsideen aus. Das "ehrgeizige Ziel" sei es, den Zeitplan des Atommülltransports durcheinander zu bringen, kündigen die Teilnehmer:innen an.

14.01.2001

Erstmals befährt am Abend des 14. Januar ein Personenzug die neue Eisenbahnbrücke bei Seerau. AtomkraftgegnerInnen bringen die Bahn am morgen des 15. Januar mithilfe der Notbremse direkt auf der Brücke zum Stillstand. Auf dem Bahnhofsgelände in Hitzacker kommt es gegen 6.30 Uhr zu kleinen Rangeleien zwischen herbei geeilten Beamten der Bereitschaftspolizei aus Lüneburg und einigen der dort ausgestiegenen Atomkraftgegnern, als die Beamten versuchten, die Personalien der Protestler festzustellen.

"Dem für Ende März angekündigten Castor-Transport auf der Schiene bis nach Dannenberg steht von Seiten der Bahn nun nichts mehr im Wege," so Bahn-Sprecher Norbert Giersdorff.
Quelle: dpa / Elbe-Jeetzel Zeitung

17.01.2001

Am 17. Januar ist der "Quickborner Kessel" vom 4. März 1997 Gegenstand einer Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht in Lüneburg. Drei Frauen klagen gegen die Rechtmäßigkeit dieser Massnahme, bei der sie mit eingekesselt, festgenommen und erkennungsdienstlich behandelt worden waren. Das Verwaltungsgericht verweist an das Amtgericht Dannenberg.

20.01.2001

Auf der Mitgliederversammlung der Bürgerinitiative Umweltschutz am 20. Januar in den Trebeler Bauernstuben wird ein neuer, 14-köpfiger Vorstand gewählt.

Die beiden neuen Vorsitzenden sind die Edelgard Gräfer und Rosi Schoppe, unterstützt werden sie bei ihrer Arbeit von Mathias Edler und Wolfgang Ehmke (Pressesprecher), Regina Kümmel und Wolfram Taubitz (Kasse), Lucia Wente (Schriftführerin), Holger Schulz (Gruppendelegierter) und von den Beisitzern Peter Bauhaus, Birgit Schiemann, Stefan Dahlmann, Birgit Huneke, Heiko Jäger und Heinrich Messerschmidt.

Die neue Vorsitzende Edelgard Gräfer kündigt gegen den Castor-Transport Ende März nach Gorleben einen "lustvollen Widerstand" mit Kraft und Kreativität an.

21.01.2001

Zur "Belastungsprobe" der neuen Jeetzel-Brücke fahren am 21. Januar etwa 200 Atomkraftgegner:innen mit der Bahn von Hitzacker Richtung Dannenberg und passieren gegen 14.20 Uhr die neue Bahnbrücke bei Seerau. Zahlreiche Beamte des Bundesgrenzschutzes bewachen im Innern der Waggons die Notbremsen-Hebel, die Zug-Toiletten sind verriegelt.

Grüne: Nicht an Castor-Protesten teilnehmen

22.01.2001

In einem Beschluss des Parteirates von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN vom 22. Januar heisst es:

"Wir stehen zu dem vereinbarten Ausstieg aus der Atomenergie. Wir stehen auch zu unserer internationalen und moralischen Verpflichtung: Deutschland muss den Atommüll aus Frankreich und Großbritannien zurücknehmen. Das erwarten auch die französischen Grünen und die Anti-Atomkraftbewegung in Frankreich von Bündnis 90/Die Grünen. Nach der Vereinbarung von Restlaufzeiten, nach dem Moratorium bei der Erkundung des Endlagers Gorleben, nach der Abarbeitung der Auflagen zur Transportsicherheit sehen wir die Voraussetzungen zur Wiederaufnahme der Rücktransporte deutschen Atommülls als gegeben an. Wir stehen zur Verantwortung des Bundesrepublik für die Entsorgung bundesdeutschen Atommülls eine innerdeutsche Lösung zu finden." (...)


Dieser Tenor, der Parteimitglieder und Ortsvereine der Grünen dazu auffordert, sich nicht an Castorblockaden zu beteiligen, empört die Bürgerinitiative Umweltschutz:

"Für die Umweltverbände und Bürgeriniativen gibt es keine Friedenspflicht, sondern unsere Rolle ist und bleibt die eines politischen Korrektivs", so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. "Wir finden es erschreckend, dass die Regierungsgrünen jetzt sogar dieses Funktionselement der Demokratie in Frage stellen und sich von den Errungenschaften der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung distanzierten". Aktionen zivilen Ungehorsams wie Sitzblockaden gehörten zum unverzichtbaren Instrument der radikaldemokratischen Basisbewegungen.

23.01.2001

Am 23. Januar stoppt Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) den geplanten Atommüll-Transport vom Atomkraftwerk Neckarwestheim in das Zwischenlager Ahaus per Weisung an das Land Baden-Württemberg. Trittin habe Landesumweltminister Ulrich Müller (CDU) angewiesen, bei der Entscheidung über die Lagerung abgebrannter Brennstäbe die Rechtsauffassung des Bundes zu Grunde zu legen. Danach dürfen die Brennstäbe in den freien Plätzen der Abklingbecken gelagert werden, auch wenn gleichzeitig beladene Castor-Behälter auf dem Kraftwerksgelände stehen.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

24.01.2001

"Ich stehe ungebrochen zu meinem Wort, solche Protestdemonstrationen - so wie ich das auch in früheren Jahren gemacht habe - zu unterstützen", so die niedersächsische Vorsitzende der Grünen, Rebecca Harms in einem Offenen Brief. Sie hatte gegen den Parteiratsbeschluss gestimmt.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

25.01.2001

Die Lüchow-Dannenberger Bündnisgrünen machen sich am 25. Januar für weitere Proteste gegen Atomtransporte stark und kontern der Empfehlung ihres Parteirates auf Bundesebene, sich nicht an Castor-Blockaden zu beteiligen. Eine Erklärung des Kreisverbandes wird neben dem Vorstand unter anderem auch von der ehemaligen Europaabgeordneten Undine von Blottnitz und der Landtagsabgeordneten Rebecca Harms getragen.

"Die Empörung über den Maulkorb, den die Parteispitze den atomkritischen Landesverbänden und Parteimitgliedern verpassen will, ist spürbar groß", so die BI-Vorsitzende Edelgard Gräfer. Der Parteiratsbeschluss gehe "nach hinten los", das hätten "nicht zuletzt zahlreiche Anrufe im Lüchow BI-Büro gezeigt, wo die Fäden für die Mobilisierung gegen den nächsten Gorleben-Transport zusammenlaufen".

Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

26.01.2001

Einen Einblick in die Stimmung im Landkreis Lüchow-Dannenberg vor dem Castor-Transport gibt die Elbe-Jeetzel-Zeitung am 26. Januar:

Mehrere Leute stoppten am gestrigen Donnerstag in Meuchefitz einen auf Streife befindlichen Gruppenwagen der Polizei. Man machte sich an den Scheibenwischem zu schaffen, öffnete die Türen, einer mopste sogar den Zündschlüssel und lief weg. Als der polizeibekannte Dieb gestellt wurde, bedrohte er die Polizeibeamten mit einer Dachlatte, bevor er sich in einem Haus versteckte. Auf der Straße wurde unterdessen über den Sinn und Zweck der Polizeistreife diskutiert. Nach telefonischen Vermittlungsgesprächen sind die Autoschlüssel wieder herausgegeben worden. Die Polizei leitet nun ein Ermittlungsverfahren ein: wegen Nötigung und Bedrohung.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

26.01.2001

Am 26. Januar erklärt die Fachgruppe Radioaktivität der Bürgerinitiative Umwelschutz auf einer Veranstaltung in Breselenz, sie habe bei ihren Radioaktivitätsmessungen in der Umgebung der Gorlebener Anlagen "keine Auswirkungen der Atomanlagen festgestellt". Die Fachgruppe betreibt seit einem Jahr drei Messgeräte in Gorleben, Trebel und Gedelitz. Ein viertes Gerät soll am östlichen Elbeufer aufgebaut werden.

Unterdessen haben schon mehr als 4.000 Menschen per Unterschrift ihre Bereitschaft zum Widerstand gegen den Atommüll-Transport im März bekundet.

28.01.2001

Zu einer erneuten Protestaktion gegen den angekündigten Atommülltransport in das Zwischenlager Gorleben kommt es am 28. Januar: Bei einem der regelmäßigen sonntäglichen "Schienenspaziergänge" besetzen gegen 14.00 Uhr rund 150 Atomkraftgegner:innen die Gleise am Dahlenburger Bahnhof. 150 Polizist:innen drängten die Menschen ab, nachdem sie sich deren Aufforderungen widersetzt hatten. Direkt neben dem Gleisbett durfte der Spaziergang dann Richtung Bahnhof Bavendorf fortgesetzt werden. Auf der Bundesstraße wurden sie von Treckern aus den Kreisen Uelzen und Lüneburg unterstützt.

Die Beamten hatten Schwierigkeiten, den sich über mehrere hundert Meter langziehenden Demonstrationszug so zu bewachen, dass keine Personen die Gleise betraten. Einige Aktivist:innen nutzen vorhandene Lücken, um die Schienen doch zu begehen. Dabei wurden einige Personalien festgestellt.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

30.01.2001

Am 30. Januar legt eine Internationale Expertengruppe (IEG), die von den Energieversorgungsunternehmen (EVU) einberufen wurde, nachdem die Bundesregierung einen Katalog an Zweifeln an der Eignung des Salzstockes Gorleben veröffentlicht hatte und die Erkundungsarbeiten dort einstellte, in Hannover ihren Schlussbericht vor. Sie fordert in puncto Endlager, den "Standort Gorleben zusammen mit weiteren Vorschlägen für ein Endlager zu betrachten" und hat "keinerlei Zweifel an der Eignung des Salzstocks Gorleben", keiner der von der Bundesregierung vorgebrachten Zweifel "würden den Abbruch der Erkundung rechtfertigen".

Die Bürgerinitiative Umweltschutz spricht von einem "Gefälligkeitsgutachten", den "Türöffner" für solche Gutachten habe allerdings Rot-Grün gespielt, weil im Atomkonsenspapier von der Eignungshöffigkeit des Salzstockes die Rede gewesen sei.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung / BI

31.01.2001

Im Streit um Entschädigungen für zerstörte Treckerreifen während des Castor-Transports am 5. März 1997 in Splietau kündigt die Richterin des Landgericht Lüneburg am 31. Januar statt eines erwarteten Urteils eine erneute Beweisaufnahme an: Die 2. Zivilkammer will durch zwei Zeugen klären lassen, ob die Polizisten tatsächlich neue Reifen an einem der die Straßen blockierenden Trecker zerstörten. Der klagende Landwirt hat einen Schaden von 11.500 DM geltend gemacht.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

31.01.2001

Am 31. Januar besiegeln die deutsche Firma Siemens und der französische Konzern Framatome die Zusammenlegung ihres Nukleargeschäfts zur Framatome ANP. Siemens ist an diesem "Weltmarktführer im Bereich Kernkraftwerke" mit 34 Prozent beteiligt.

Februar

Anfang Februar

In einem Schreiben an das Oberverwaltungsgericht Lüneburg beantragt Rechtsanwalt Nikolaus Piontek Anfang Februar die Einstellung des Verfahrens "Nicole": Das Kind, das in unmittelbarer Nähe der Castor-Verladestation in Breese/Marsch wohnt und in dessen Namen gegen die 1997 erteilten Beförderungsgenehmigungen sowohl für bestrahlte Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken als auch für Glaskokillen aus Frankreich ins Zwischenlager Gorleben geklagt wurde. Das Kind sei in Haus und Garten nahe der Verladestation "einem unzulässig erhöhten Strahlenrisiko ausgesetzt". In der Begründung zur Einstellung heisst es: Durch die "mittlerweile entstandene Ummantelung der Castor-Verladestation in Breese mit masssiven Betonplatten" werde die Strahlenbelastung deutlich reduziert, sie "betrage nur noch ein Zehntel der ursprünglichen Belastung". Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) stimmt der Erledigung der Klage zu. Damit ist der Rechtsstreit beendet.

01.02.2001

Am 1. Februar treffen sich Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Frankreichs Premierminister Lionel Jospin in Straßburg und verständigen sich auf eine Wiederaufnahme der Transporte von nuklearen Abfällen. Ein erster Transport zur Rücknahme von Abfällen deutscher Atomkraftwerke aus der Wiederaufarbeitung findet Ende März/Anfang April statt, schreibt das Bundesministerium für Umwelt. Damit könnten auch die Transporte abgebrannter Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken nach Frankreich wiederaufgenommen werden.
Quelle: BMU

"Wir bringen den Transport ins Zwischenlager"

02.02.2001

Am 2. Februar trifft sich der niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel mit drei Vertreter:innen der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. "Wir bringen den Transport ins Zwischenlager" konstatiert der Regierungschef. Nach wie vor, so hob Gabriel hervor, halte die Landesregierung Gorleben nicht als Endlager-Standort geeignet. Doch er befürchte, "dass es jedoch in dieser Sache bundesweit zu einer Einigung kommt, die letztlich zu Lasten Niedersachsens gehen werde". Gabriel: "Niedersachsen will nicht das Atomklo der Republik werden". Er habe Verständnis für die "nahezu unerträgliche Belastung der hiesigen Bevölkerung durch den Gorleben-Konflikt".

"Wenn wir jetzt unterscheiden zwischen guten und schlechten Transporten, dann wären 20 Jahre umsonst gewesen", so Mathias Edler, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz. Ein jeder Atommüll-Behälter zementiere den Standort Gorleben, so Edler auf der Pressekonferenz.


Gegen die "artgerechte Menschenhaltung" protestiert dabei die Bäuerliche Notgemeinschaft. Die Polizei hatte angekündigt, für Masseningewahrsamnahmen beim Castor-Transport in der Mehrzweckhalle der Kaserne Lüchow "Demo-Käfige" aufzustellen.

Das sei ein "unnötiges Übel", mit dem Ingewahrsamnahme von Castor-Demonstranten angedroht werde. Bereits im Vorwege des angekündigten Castor-Tranportes nach Gorleben würden "bewusst Bilder von guten und bösen, friedfertigen und gewaltbereiten Demonstranten hervorgerufen", kritisiert die Notgemeinschaft.

"Ich will hier raus", brüllte Adi Lambke, prominenter Senior des Anti-Atomkraft-Widerstandes quer über den Dannenberger Marktplatz, als Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel seiner Limousine entsteigt. Adi hockt in einem engen Käfig, den die Bäuerliche Notgemeinschaft herangekarrt hat. Adi war an die Gitterstäbe gekettet, hatte zu seiner linken einen schäbigen Klo-Trichter, zur Rechten einen grimmig den Gummiknüppel schwingenden "Polizisten".

Das Wort oder die Vorstellung von einem "Käfig" sei "nicht dazu geeignet, Emotionen abzubauen", so Gabriel und kündigt an, Gespräche mit der Einsatzleitung der Polizei über die Notwendigkeit der Verwendung der Käfige zu führen.

Die Bäuerliche Notgemeinschaft bietet der Bezirksregierung Kooperationsbereitschaft an: Entlang der Schienen- und Straßentransportstrecke sollten von der Einsatzpolizei die "Mehrzweckzellen" verteilt werden, incl. Telefon, Toiletten, Ruhemöglichkeit und Decken. Die Notgemeinschaft sorgt mit Siloplane für einen Wetter- und mit Strohballen für Wärmeschutz. Zur Stärkung der erschöpften Demonstrationsteilnehmer:innen wird "White Wendish", eine einheimische Schafsmilchspezialität, von BI-Vorständlern gereicht. Unter einer Decke können Polizei und Widerstand dann den weiteren Einsatz und ein gemeinsames Vorgehen bei X-vier deeskalierend klären. (PM Bäuerliche Notgemeinschaft, 2.2.2001)
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung / PE BI und Bauern

03.02.2001

"Die jetzt angekündigte Wiederaufnahme der Transporte macht alles nur noch schlimmer", so Jochen Stay, Sprecher der Kampagne "X-tausendmal quer" am 3. Februar. So könnten die Atomreaktoren weiterhin Müll produzieren, und die gefährlichen Atomzüge rollten wieder durch dicht besiedelte Gebiete. In Gorleben würden sich die Castoren häufen, obwohl niemand wisse, was nach der Zwischenlagerung angesichts eines fehlenden Endlagers werden solle. "Durch die deutsch-französische Vereinbarung ist deutlich geworden, dass da nicht nur ein um 180 Grad gewendeter Minister Trittin für Transporte eintritt, sondern dass Atompolitik Chefsache für Schröder ist", so Stay.
Quelle: dpa

03.02.2001

Am 3. Februar erklären sich 34 Pastorinnen und Pastoren der Kirchenkreise Lüchow und Dannenberg in einer Zeitungsanzeige solidarisch mit den Anti-Castor-Protesten im Wendland:

* "Wir haben die bisherigen Castor-Transporte abgelehnt. Auch dem jetzt angekündigten Transport stimmen wir nicht zu. Unsere Bedenken sind nicht ausgeräumt.
* Wir befürchten, dass mit diesem Transport Gorleben als Endlagerstandort zementiert wird.
* Dieser Transport ist unvereinbar mit den geltenden Beschlüssen der evangelischen Kirche: (...)"
Quelle: "Erinnerung", EJZ vom 3.2.2001

05.02.2001

Die deutschen Standortgemeinden kerntechnischer Anlagen fordern am 5. Februar von der Bundesregierung, den Erkundungsstopp für das Endlager-Projekt Gorleben wieder aufzuheben. Der Arbeitskreis der Standort-Bürgermeister befürchtet, "dass die atomaren Zwischenlager zu Endlagern werden könnten".
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

05.02.2001

In einem Brief an Niedersachsens Umweltminister Wofgang Jüttner und Bundesumweltminister Jürgen Trittin fordern am 5. Februar der Samtgemeinde Gartow SG-Bürgermeister Ulrich Flöter sowie der Bürgermeister der Gemeinde Gorleben, Herbert Kruges, einen Besuch der Politiker: Man würde "es begrüßen, wenn die Bundesregierung und ihre nachgeordneten Behörden, hauptsächlich das Bundesamt für Strahlenschutz, in unserer Region eine aktive Informationsarbeit zu den Fragen der Sicherheit und der Notwendigkeit von Castor-Transporten vor der Abwicklung den anstehenden Transporte durchführt".
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

06.02.2001

Mehrere Stunden lang durchsuchen Polizei und Beamte der Bundesanwaltschaft am 6. Februar ein Haus in Großwitzeetze. Eine dort lebende Frau wird verdächtigt, 1997 Gleise in der Nähe des Atomkraftwerkes Krümmel zersägt zu haben. Die Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) bezeichnet die Polizeiaktion als "billigste Stimmungsmache gegen Atomkraftgegner":

"Dass die Vorwürfe vor Gerichten nicht standhalten oder es zu gar keinen Prozessen kommt, interessiert ja hinterher keinen mehr. Hauptsache erstmal vorverurteilen", so BI-Sprecher Mathias Edler.

Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

06.02.2001

In einer neuen Broschüre "Radioaktive Frachten unterwegs" zum Thema Atomtransporte und Sicherheit informiert das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), dass von Castortransporten "keine Gefahr für die Betroffenen" ausgehe: "Es muss uns nachgewiesen werden und ist nachgewiesen, dass es kein Gesundheitsrisiko gibt", so Wolfram König, Präsident des BfS am 6. Februar.

"Der Schönfärberei von Behörden und Betreibern werden wir unverdrossen mit Sachargumenten entgegentreten", antwortet die Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) am 8. Februar.

07.02.2001

Am 7. Februar kündigt die Initiative "X-tausendmal quer" eine Sitzblockade auf der Schiene kurz hinter Lüneburg bei Wendisch Evern an.

"So wird es für den Castor-Zug nicht einfacher in den Landkreis zu rollen: Wir kommen ihm entgegen", so Jochen Stay von der Initiative "x-tausendmal quer".

09.02.2001

Auch ein Krisengespräch zwischen dem Grünen-Bundesvorsitzenden Fritz Kuhn und der Vorsitzenden der niedersächsischen Grünen-Landtagsfraktion, Rebecca Harms, führt am 9. Febuar zu keinem Konsens in der Frage, ob sich Grüne an den Castor-Protesten beteiligen sollten oder nicht.

11.02.2001

Zu einem gemeinsam von "X-1000mal-Quer" und dem AktionsBündnisCastor (ABC) aus Lüneburg organisierten "Bahnspaziergang" von Lüneburg nach Wendisch Evern treffen sich Atomkraftgegner:innen am 11. Februar. Etwa 300 nehmen teil und werden von etwa 120 teilweise "übermotivierten" Polizeibeamt:innen begleitet.

12.02.2001

Am 12. Februar lehnen die Bürgerinititiative Umweltschutz (BI) und andere Umweltverbände eine Einladung zu einem Gespräch mit Bundesumweltminister Trittin am 20. Februar in Gorleben ab. Dieser wollte dort seine Position erläutern. Die Atommülltransporte stünden bereits fest, es gebe keinen Verhandlungsspielraum mehr, so die Verbände in einer gemeinsamen Erklärung. Daher mache ein solches Gespräch keinen Sinn. Gegen die kommenden Atommülltransporte "könnten nur noch Proteste helfen, um den Ausstieg aus der Atomkraft zu beschleunigen".

Hinter dem Transport stehe die Absicht, die Entscheidung für einen ungeeigneten Salzstock und Gorleben als Endlager zu zementieren, so Peter Bauhaus, Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg.

Quelle: AP / BI

12.02.2001

Unweit des Bahnhofs Hitzacker entdecken Beamte des Bundesgrenzschutz am 12. Februar einen etwa 1 Zentimeter tiefen Schnitt im Gleis.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

12.02.2001

Am 12. Februar findet im Lüchower Gemeindehaus eine Podiumsdiskussion zur Strahlenschutzverordnung statt. Moderiert wird der Abend von Knut Schwarting. Zu Gast ist Dr. Sebastian Pflugbeil, Vorsitzender der Gesellschaft für Strahlenschutz.

Mit "heutigen Erkenntnissen" habe die Strahlenschutzverordnung nichts zu tun, weil sie, wie auch alle Vorgänger, immer Jahre den Empfehlungen der Internationalen Strahlenschutzkommission hinterherhinke - und die sei, so Pflugbeil, "eine Atommafiosi-Vereinigung". Unterm Strich werde "ein immer höheres Risiko akzeptiert".

Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

13.02.2001

Ein "Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit" der rot-grünen Koalition in einer Aktuellen Stunde des Bundestags fordert der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU, Hans-Peter Repnik, am 13. Februar. Die Grünen-Fraktionschefin Kerstin Müller bietet unterdessen der Polizei einen "vermittelnden Einsatz von Grünen-Politikern" an: Diese sollen "zwischen Polizei und Demonstranten vermitteln, wenn das von beiden Seiten gewünscht wird". CSU-Landesgruppenchef Michael Glos fordert die Bundesregierung auf, die Atomtransporte nach Gorleben auf den Zeitpunkt vor den nächsten Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz vorzuziehen, was "ein Stück Ehrlichkeit gegenüber den Wählern" wäre. Bundesumweltmnister Trittin könnte "in die Lokomotive" des Atommülltransports, so Glos.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

14.02.2001

"Auf Castor-Transporte verzichten" fordert am 14. Februar der DGB-Kreis Nord-Ost-Niedersachsen. Die Castorbehälter aus Frankreich sollten zur Aufbewahrung "in bestehenden Zwischenlagern an Kernkraftwerken standortnah an der Grenze nach Frankreich" gebracht werden. Die enormen Kosten für diese umstrittenen Castor-Transporte seien "nicht mehr zu verantworten, ganz zu schweigen vom fehlenden gesellschaftlichen Konsens".
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

Mitte Februar

In einer "dimap"-Umfrage für die "Bild"-Zeitung und den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) haben 74 Prozent der 1.100 Befragten nichts gegen friedliche Demonstrationen gegen den Atommüll-Transport einzuwenden.

18.02.2001

In der Nacht zum 18. Februar sägen Unbekannte in der Nähe von Bavendorf zwei ca. 2,5 m Schienenstücke aus dem Gleis und legen es über Kreuz zu einem "X" in das Gleisbett. Ein Zugführer bemerkt die abgesperrte, beschädigte Schiene und bremst rechtzeitig. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) kritisiert die Aktion scharf: Gefährliche Eingriffe in den Bahnverkehr seien schwere Straftaten "und müssen mit der gebotenen Härte von Polizei und Staatsanwaltschaft verfolgt werden". "Die Täter müssten Profis mit guten Schweißkenntnissen gewesen sein", so das Resümee eines Polizeisprechers zu den Schneidarbeiten am Castor-Gleis.

18.02.2001

Im westfälischen Ahaus, wo sich ebenfalls ein Atommüll-Zwischenlager befindet, findet am 18. Februar zum Auftakt der Proteste eine Anti-Atom-Demo statt.

Polizei schickt 130 "Konflikt-Manager"

23.02.2001

"Wir können auch anders" ist auf einem Anstecker der Polizist:innen zu lesen. Diese Aufklärungskampagne haben Polizei und BGS vor dem nächsten Castor-Transport organisiert und wollen so "mit Bürgern ins Gespräch kommen, deeskalieren, raus aus der Anonymität". Die Polizei entsendet zum Castor-Transport 130 sogenannte "Konflikt-Manager", die mit Demonstrante:innen vor und während des Transportes ins Gespräch kommen sollen. Ziel des Ganzen: Deeskalation und Absage an Gewalt.

Das "Konflikt-Management" der Polizei sei "nur ein PR-Mittel", so die "Kurve" Wustrow, Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion am 23. Februar. Das Konzept der Polizei entspreche in keiner Weise den Ansprüchen konstruktiver Konfliktbearbeitung. Es solle im Vorfeld nur sicherstellen, dass ein "durch hässliche Gewaltszenen angeschlagenes Bild der Polizei in der Öffentlichkeit in ein gesellschaftliche akzeptables Licht gerückt werde".

Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

"Mummenschanz und Schienentanz"

24.02.2001

Unter dem Motto "Mummenschanz und Schienentanz " findet auf Einladung der Castor-Gruppe Dahlenburg am 24. Februar eine großen Kundgebung mit anschließendem Demonstrationsumzug zum Bahnhof Dahlenburg statt. Rund 1.200 Menschen nehmen teil und besetzen in Höhe der Ortschaft Seedorf etwa 20 Minuten lang die Bahngleise. Eine weitere Gleisbesetzung in Höhe der Ortschaft Dumsdorf wird verhindert. Bundesgrenzschutz und Polizei sind mit rund 750 Beamte, erstmals auch mit "Konfliktmanagern", im Einsatz. Schon auf den Zufahrtsstraßen werden Demonstrant:innen gestoppt, Personalien festgestellt und Gepäck kontrolliert. Einigen AktivistInnen wird die Teilnahme an der Aktion verwehrt.

"Unser Ziel ist es, alle CastorTransporte zu stoppen und einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie herbeizuführen", macht Klaus-Bernd Meyer von der Bäuerlichen Notgemeinschaft unmissverständlich deutlich. Der 1,90 m große Hüne hat sich als Teufel verkleidet, auf den Schultern trägt er ein gelbes Atomfass - Mummenschanz eben.

Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

24.02.2001

In Bahnhof von Kehl, nahe der deutsch-französischen Grenze, setzen sich am 24. Februar aus Protest gegen den angekündigten Atommüll-Transport etwa 25 Atomkraftgegner:innen auf die Gleise und verhindern damit die Weiterfahrt eines Eurocity für 20 Minuten. Die Polizei greift nicht ein.

26.02.2001

Am 26. Februar besucht Niedersachsens Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD) im "Haus des Gastes" eine öffentliche Sitzung des Gorleben-Forums und steht Rede und Antwort zur "Sicherheit von Castor-Transporten". "Wir können über den Atomkonsens streiten - aber nicht über die Rücknahme der Kokillen", so Jüttner unmissverständlich. Von den Castoren gehe keine Gesundheitsgefährdung aus.

"Salopp und irreführend" seien Jüttners Argumente, kontert die Bürgerinitiative Umweltschutz. Die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente sei keine "Drecksarbeit", die die Franzosen für uns erledigen, wie Jüttner es beschrieben hatte.

"Die Plutoniumschmiede schädigt Mensch und Natur und sie ist kein Entsorgungsbeitrag", so die BI-Vorsitzende Edelgard Gräfer. Jüttner rede die Atommülltransporte "schön".

28.02.2001

Am 28. Februar findet in der Universität Lüneburg eine Podiumsdiskussion zur Polizeistrategie beim angekündigten Castor-Transport statt: "Flexibles Konflikt-Management der Polizei - eine Chance zum Vertrauensaufbau?" Geplant war die Veranstaltung nur mit "handverlesenen Gästen", doch die Bürgerinitiative Umweltschutz sagte die Teilnahme ab und forderte einen öffentlichen Rahmen. Die Bezirksregierung Lüneburg kommt dieser Forderung nach.

Das Polizeikonzept sei "schon im Ansatz für verfehlt", so die BI. Denn die Polizei sei beim Castor-Transport Konfliktpartei und könne deswegen nicht gleichzeitig das Konflikt-Management besorgen.

"Bei einer Abwägung von Rechtsgütern hätte der Polizei auffallen müssen, dass Grundrechte wie körperliche Unversehrtheit bei der Durchsetzung des Transports oder die Einschränkung der Versammlungsfreiheit einen höheren Wert und Schutz geniessen als die Atommüllabfuhr", so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. "Die Polizei kann diesen gesellschaftlichen Konflikt um die Atompolitik nicht lösen".

März

1996/1997: BI "systematisch ausspioniert"


Anfang März

Anfang März wird durch die Einsicht in Ermittlungsakten öffentlich, dass Polizei und Verfassungsschutz vor dem Castor-Transport nach Gorleben im März 1997 Atomkraftgegner:innen "systematisch ausspioniert" haben:

Zwischen Oktober 1996 und März 1997 seien über 4200 Telefonate aufgezeichnet und 438 Seiten Fax abgefangen worden. Ein Auto der Atomkraftgegner:innen sei mit einem Peilsender ausgerüstet, mit einer Wanze abgehört und von einem mobilen Einsatzkommando der Polizei verfolgt worden. Beamte hätten den Hof observiert, auf dem BI-Mitglieder lebten.

Das niedersächsische Innenministerium weist die Vorwürfe zurück: Die Polizei handele nach Recht und Gesetz. Die Aktionen seien "völlig illegal" gewesen, meint BI-Anwalt Dieter Magsam.

Anfang März

Mit Sofortvollzug genehmigt das Bundesamt für Strahlenschutz Anfang März die Änderung der bisherigen Aufbewahrungsgenehmigung für das Transportbehälter-Lager Gorleben und ermöglicht damit die Einlagerung weiterer Behältertypen mit hochradioaktivem Atommüll. In den nun zugelassenen Castoren sind die Brennelemente "kompakter gebündelt", die Genehmigung gilt für den Castor V/52 (Platz für 52 Brennelemente), den Castor V/19 (19 Brennelemente) sowie drei Varianten des Behältertyps TN 900/1-21 (18 bis 21 Brennelemente). Darin befinden dürfen sich auch Mischoxid-Brennelemente, doch deren Einlagerung ist in Gorleben gar nicht geplant. Bei einer nötigen Reparatur eines solchen Behälters in der Pilot-Konditionierungsanlage erlaubt die Genehmigung allerdings, dass der Castor dann in Gorleben bleiben kann und nicht an den Ort seiner Herkunft zurücktransportiert werden muss. Beantragt hatte die Zwischenlager-Betreiberin BLG die Änderung im Dezember 1997.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

01.03.2001

Der Polizeieinsatz gegen die blockierenden Trecker in Splietau im Zusammenhang mit dem Castortransport 1997 war "unverhältnismäßig" und daher rechtswidrig. Für die zerstochenen Reifen muss die Landeskasse drei Landwirten aus Lüchow-Dannenberg Schadensersatz leisten. Die Schadenssumme bezifferte die 2. Zivilkammer des Landgerichts Lüneburg am 1. März auf 14.000 Mark.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

01.03.2001

Ein riesiges "X" formen zahlreiche Angestellte von Greenpeace am 1. März auf einem Acker bei Breese/Marsch: Rund hundert Mitarbeiter:innen rollen 3.000 Quadratmeter gelbe Folie aus und bilden vor dem Riesen-X eine Menschenkette, die die Worte "Stop Castor" ergeben.

"Die gefährliche Verschieberei von Atommüll von einem unsicheren Ort zum anderen hat nur den Zweck, den Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke zu ermöglichen", so Brigitte Behrens, Geschäftsführerin von Greenpeace. "Wer nationale Verantwortung wirklich ernst meint, muss den Export von Atommüll sofort verbieten."

"Eine Nacht im Gleisbett"

03.03.2001

Auf Einladung von "x-tausendmal quer" nehmen am 3. März etwa 300 Atomkraftgegner:innen in Pisselberg an der Gleisaktion "Eine Nacht im Gleisbett" teil. Gegen 18.30 Uhr gelingt es einer Gruppe von 70 bis 80 Demonstrant:innen, das Castor-Gleis zum ersten Mal zu vereinnahmen. Der erste Räumungseinsatz von Polizei und BGS erfolgt prompt. Trotz Eiseskälte finden bis zum frühen Morgen auf Straße und Schiene weitere Widerstandsaktionen statt. 36 Personen werden im Laufe der Nacht in polizeilichen Gewahrsam genommen.

"Wenn es schon mit dieser überschaubaren Anzahl von Menschen trotz deutlicher Übermacht der Polizei möglich ist, auf die Schienen zu gelangen, dann bin ich sehr zuversichtlich für den Tag X Ende März", so Jochen Stay, Sprecher von "x-tausendmal quer". "Dann werden x-Tausende auf die Gleise gehen, um den Castor mit einer gewaltfreien Sitzblockade aufzuhalten."

03.03.2001

Am 3. März stirbt Undine von Blottnitz, eine prägende Persönlichkeit des Gorleben-Protestes, kämpferische Atomkraftgegnerin, ehem. Mitglied des Europäischen Parlamentes, Mitbegründerin der Partei DIE GRÜNEN.

"Undine hat nie aufgegeben. Mit eisernem Willen wollte sie auch diesmal wieder den anstehenden Castortransport blockieren ..." heisst es in der Todesanzeige.

05.03.2001

Nach wochenlangem internem Streit schwächt die Grünen-Führung ihre harte Haltung zu Demonstrationen von Parteimitgliedern gegen Atommülltransporte nach Gorleben am 5. März ab: Die Verteidigung der Demonstrationsfreiheit schließe "auch Mittel des zivilen Ungehorsams und damit gewaltfreie Blockaden" ein.

08.03.2001

Am 8. März besetzen Greenpeace-Aktivist:innen den Verladekran in Dannenberg. Mit einer Hubarbeitsbühne gelangen sie am frühen Morgen auf das Dach der Verladestation für die Atommüllbehälter und pinseln ein großes "X" an die Wand. Andere erklimmen einen Funkturm der Polizei, vor der Verladestation wird ein weißer Protest-Container auf die Bahnschienen gestellt. Die rund sechzig Aktivist:innen entrollen mehrere große Transparente mit der Aufschrift: "Stop Castor". Vier Stunden lang dauert die Protestaktion, mithilfe der Feuerwehr werden die Aktivist:innen geräumt und anschließend von der Polizei in Gewahrsam genommen.

"Der Gorleben-Transport ist das Schlüsselmoment, mit dem sich eine ganze Flut neuer Atomtransporte in Gang setzt. Ihm werden schon bald zahlreiche Atomtransporte mit hunderten Tonnen hochradioaktivem Müll in die Wiederaufarbeitungsanlage nach Frankreich folgen", so Greenpeace-Energieexperte Veit Bürger.

Quelle: Greenpeace

09.03.2001

Am 9. März findet vor dem Verladekran eine Pressekonferenz von Greenpeace, BUND, Nabu, BBU und Deutschem Naturschutzring statt. Sie alle rufen zu "friedlichem und gewaltfreiem Protest" gegen den Atommülltransport auf. Parallel demonstrieren in Lüchow 400 Schüler:innen, auf den Transparenten ist u.a. "Mein letzter Wille: Keine Kokille" zu lesen.

09.03.2001

Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling (SPD) sieht keinen Anlass dafür, dass Polizist:innen beim Castor-Einsatz per Namensschilder oder Nummern identifizierbar sein sollten. Das sagt der SPD-Politiker am 9. März in der Lüchower Polizeiunterkunft.

10.03.2001

Am 10. März wird in der Elbe-Jeetzel-Zeitung das Versammlungsverbot der Bezirksregierung Lüneburg veröffentlicht. Es wird mit einer umfassenden Gefahrenprognose begründet und gilt für den Zeitraum vom 24.03., 00.00 Uhr, bis zum 08.04.2001, 24.00 Uhr entlang der Schienen- und Straßentransportstrecke.

"Vor jedem Transport wird die Gefahrenprognose mit Unterstützung von zweifelhaften Vermutungen des Verfassungsschutzes und der Polizei künstlich so hoch geschraubt, dass die DemoVerbote überhaupt erlassen werden können. Diese Form der Kriminalisierung zielt direkt auf den massenhaften Bürgerprotest", kritisiert BI-Sprecher Mathias Edler und kündigt rechtliche Schritte gegen die Einschränkung des Grundrechts ein.

10.03.2001

Am 10. März blockieren etwa 35 Atomkraftgegner:innen für ca. 10 Minuten einen Eurocity nach Frankreich im Saarbruecker Hauptbahnhof: Genau diese Richtung werden die Atommülltransporte nehmen, die nach dem Transport nach Gorleben stattfinden, so die Aktivist:innen.

10.03.2001

Auf dem Parteitag der Grünen am 10./11. März bekräftigt die Partei, dass der der Salzstock in Gorleben "als nukleares Endlager ungeeignet" sei, die Teilnahme Grüner an den bevorstehenden Protesten im Wendland werde "gebilligt". Die Demonstrationen und Aufrufe dürften sich aber "nicht gegen den Atomkonsens wenden", heißt es in einem Beschluss.

"Castor stopp übersetzt man mit Atomkraft stopp, und zwar jetzt und nicht in 20 bis 30 Jahren", kontert Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz.

11.03.2001

Über 50 Frauen und Männer - so viele wie lange nicht mehr - kommen am 11. März zum Gorlebener Gebet an den Kreuzen zusammen. Die Kreuze, die einst auf "Kreuzwegen" aus Geesthacht und Wackersdorf zu den Atomanlagen in Gorleben gebracht wurden, sind morsch, heisst es im Anschluss beim Jahrestreffen der Initiative "Gorlebener Gebet" im "Haus der Begegnung" in Gorleben. Die Anwesenden verständigten sich darauf, in diesem Jahr erneut einen Kreuzweg zu organisieren: Dieser solle entlang der Castor-Strecke von Lüneburg nach Gorleben führen. Dort soll dann ein drittes Kreuz aufgerichtet werden.

12.03.2001

Als "Presse-Gag" bezeichnet der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, am 12. März das Konfikt-Management der Polizei für den anstehenden Castor-Transport. "Es überrascht mich völlig, dass nicht 130, sondern nur 12 Beamt:innen dafür im Einsatz sind", so der Gewerkschafter. Erst wenige Tage zuvor hatte er die Strategie der Polizei bei einem Lüneburg-Besuch noch gelobt.

13.03.2001

Laut Elbe-Jeetzel-Zeitung am 13. März ist für November ein zweiter Castor-Transport aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in das Zwischenlager Gorleben geplant. Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling (SPD) lehnt diesen ab: Wegen der hohen Belastung der Polizei sei er "nicht verkraftbar".

In den nächsten Jahren sollen insgesamt 163 Castoren nach Gorleben rollen: 124 aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague, 39 aus dem britischen Sellafield, berichtet der Lüneburger SPD-Landtagsabgeordnete Uwe Inselmann. Demnach werden zunächst die Atommüllbehälter aus Frankreich in Gorleben eingelagert, von 2004 an die englischen.
Quelle: dpa / Elbe-Jeetzel Zeitung

13.03.2001

Bis Ende 2002 werden nach Auskunft von Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) die Kriterien für den Standort eines Atommüll-Endlagers in Deutschland vorliegen. Dort solle der gesamte deutsche Atommüll - egal ob schwach-, mittel- oder starkradioaktiv ab 2030 gelagert werden, so Trittin am 13. März.
Quelle: dpa

13.03.2001

Am 13. März protestieren Aktivist:innen von Greenpeace am Grenzübergang Kehl-Straßburg gegen die geplanten Atomtransporte zwischen Deutschland und Frankreich: Auf dem Gehsteig entlang der Europabrücke errichten sie eine Wand aus 150 gelben Fässern mit schwarzen Atomzeichen.
Quelle: dpa

14.03.2001

Auch das Verwaltungsgericht Lüneburg urteilt: Die Reifenstecherei 1997 in Splietau war rechtswidrig. Die Polizei sei rechtmäßig vorgegangen, die Schlepper der Bäuerlichen Notgemeinschaft fhruntüchtig zu machen. Nicht mehr verhältnismäßig sei jedoch gewesen, die Reifen zu zerstechen. Die Reifenventile hätten auch mit Bolzenschneidern abgekniffen werden können. Das hätte "kaum mehr Zeit gekostet als ein Zerstechen der Reiten", befand das Gericht. Da die Polizei bereits einen Tag zuvor darüber nachgedacht hatte, die Traktoren lahm zu legen, hätten die Werkzeuge dafür durchaus beschafft werden können. Der wirtschaftliche Schaden an den Traktoren wäre dann weitaus geringer gewesen, auch hätte es genügt, "an jedem Trecker nur zwei Reifen unbrauchbar zu machen".
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

14.03.2001

"Protest ja - Gewalt nein" prangt es um den 14. März von Plakaten im Landkreis, die von der Polizei in Auftrag gegeben wurden. Einige müssen aber wieder entfernt werden, weil sie an Bäume und Buswartehäuschen getackert wurden.

Castor absagen wegen Seuchengefahr

14.03.2001

"Wir fordern: Der Castor-Transport muss wegen der MKS-Gefahr abgesagt werden", betont die Vorsitzende der Bäuerlichen Notgemeinschaft, Susanne Kamien, am 14. März gegenüber der Elbe Jeetzel Zeitung. Nur wenige Kilometer von jenem französischen Departements Mayenne, in dem die Maul- und Klauenseuche (MKS) ausgebrochen ist, verläuft die Transportstrecke, auf der schon bald Castor-Behälter nach Gorleben rollen sollen. Bei einer Podiumsdiskussion des Landvolk-Kreisverbandes zum Thema BSE im vollbesetzten Lüchower Gildehaus heisst es u.a.: "Am Liebsten wäre uns, wenn die Menschen beim Castor-Transport wegblieben" , so Genf Lindemann, Leiter der Veterinär-Abteilung im Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium. Landtagsabgeordnete Klaus Wojahn (CDU) spricht sich klar dafür aus, auf den Transport "in dieser Situation zu verzichten und ihn auszusetzen". Die Auswirkungen einer eingeschleppten Seuche könnten "katastrophal" sein. Die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL) erklärt: "Das Einschleppen des Virus ist nicht auszuschließen. Damit ist der Transport verantwortungslos." Der Landkreis Lüchow-Dannenberg teilt mit, es sei ihm "nicht möglich, durch vorbeugende Maßnahmen ein Verbreitungsrisiko auszuschließen".

"Es bleibt nur eine klare Forderung: der Transport muss gestoppt werden, um neben der Kontaminationsgefahr auch die Seuchengefahr zu minimieren", so Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz. Die BI sieht in der Seuche den klassischen Fall der "höheren Gewalt" erfüllt.

15.03.2001

Am 15. März wird der erste von sechs Castorbehältern für das Zwischenlager Gorleben von der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague mithilfe eines Straßentiefladers zur ca. 50km entfernten Verladestation auf Bahnwaggons in Valogne gebracht.

16.03.2001

Gegen 6.00 Uhr am Morgen des 16. März überwinden Greenpeace-Aktivist:innen mit Leitern den Zaun zum Zwischenlager in Gorleben und ketten sich an Lichtmasten fest. Während die Polizei sie mit Bolzenschneidern löst, klettern an anderer Stelle weitere Aktivist:innen über den Zwischenlager-Zaun und 19 von ihnen erklimmen den 35 Meter hohen Sendemast. In unterschiedlichen Höhen ketten sie sich an entrollten Anti-Castor-Plakate. Nach mehreren Stunden fällte die Polizei Bäume um einen Leiterwagen in Stellung zu bringen. Mit dessen Hilfe gelingt ihnen die Räumung. Die Polizei nimmt 19 Personen vorübergehend in Gewahrsam.

16.03.2001

Nachdem Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling einen zweiten Castor-Transport in diesem Jahr abgelehnt hat, fordert die Initiative "X-l000mal quer", auch den bevorstehenden Transport abzusagen: Wenn zwei Transporte für die Polizei nicht zu verkraften seien, stelle sich dies Problem auch beim bevorstehenden Transport, so Jochen Stay, Sprecher der Initiative.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

16.03.2001

Am 16. März ruft Bundespräsident Johannes Rau die Atomkraftgegner:innen zu "Friedfertigkeit bei ihren Protesten" auf. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) kündigt an, dass die Polizei "Gewalt nicht hinnehmen werde". Zugleich lehnen der Bund und das Land Niedersachsen ein Verschieben des geplanten Transportes aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague wegen der Maul- und Klauenseuche ab.

19.03.2001

Am 19. März befüllen 150 Atomkraftgegner:innen auf dem Hof von August Harms in Splietau 10.000 Sandsäcke, darunter Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Niedersächsischen Landtag. Diese sollen zu einem "symbolischen Strahlenschutzwall gegen die Atommüllfuhre" gestapelt werden.

"Wir wollen in der Phase, wo die Atommüllcontainer von der Schiene auf die Straße umgeladen werden, in Dannenberg auf dem Marktplatz demonstrieren und anschließend unseren Protest gegen die wachsenden Atommüllberge unter Rot-Grün sichtbar zum Ausdruck bringen", so Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz. Dazu solle ein "symbolischer Strahlenschutzwall gegen die Atommüllfuhre" aus den vielen Säcken errichtet werden.

19.03.2001

In einem Verbots-Schreiben der Versammlungsbehörde an die AnmelderInnen von X-tausendmal quer, die mehrere hundert Meter außerhalb der 50-Meter-Zone um die Castor-Gleise vom 24. bis 28. März eine Dauermahnwache angekündigt hatten, heisst es: "Die örtliche Nähe zur Bahnstrecke, in der sich eine so hohe Zahl von Atomkraftgegnern aufhalten würde, kann auf keinen Fall hingenommen werden."

"Wenn die Behörden versuchen, angemeldete friedliche Proteste mit Schikanen, Drohungen und Verboten zu vereiteln, wenn sie die Versammlungsfreiheit mit Füßen treten und zu keiner Kooperation bereit sind, dann betreiben sie im Vorfeld des Castor-Transports das Geschäft der Eskalation. Wir werden uns davon aber nicht abschrecken lassen, werden unseren gewaltfreien Protest und Widerstand weiter vorbereiten. Einer gerichtlichen Klärung sehen wir optimistisch entgegen und mobilisieren deshalb weiter nach Wendisch Evern", so Jochen Stay, Sprecher von X-tausendmal quer am 19. März.

19.03.2001

Rund 3.500 so genannte "Democards" sind Mitte März im Umlauf und laden zu einer "Reise ans Ende der Demokratie" ein. Die Idee dazu hatte Michael Seelig aus Kukate. 1.500 Cards wurden verschickt, etwa 2.000 weitere sind in Lüchow-Dannenberg im Umlauf.

"Die Democard sichert die uneingeschränkte Berechtigung, sich an den Castor-Demonstrationen zu beteiligen und ermöglicht vor allem das Betreten von Schutzzonen", heisst es auf den Karten der "Republik Freies Wendland, die mit einer ordentlichen Portion Ironie Ratschläge zum Verhalten bei "Übergriffen gewaltbereiter Uniformierter" geben.

22.03.2001

Der sechste Castor-Behälter aus der WAA La Hague trifft am 22. März auf dem französischen Verladebahnhof Valogne ein.

22.03.2001

Die von der Bezirksregierung erlassenen Einschränkungen für die geplante "Stunkparade" am 25. März und für Demonstrationen an der Castor-Transportstrecke sind rechtmäßig, bestätigt das Verwaltungsgericht (VG) Lüneburg am 22. März. Die Bezirksregierung hatte verfügt, dass der Demozug nicht wie angemeldet über die Nordroute - über Grippel entlang der Landesstraße 256 - führen dürfe. Als Alternative wurde eine Südroute genehmigt: über Dünsche, Siemen und Gusborn. Das Verwaltungsgericht hat eine hohe Wahrscheinlichkeit ausgemacht, dass auf der Nordroute Straßen zerstört werden und Trecker blockieren könnten.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

23.03.2001

Am 23. März bestätigt das Verwaltungsgericht Lüneburg die Verbote der geplanten Camps von Castor-Gegner:innen in der Göhrde bei Govelin und Tollendorf sowie in Wendisch Evern südwestlich von Lüneburg und das in Lüneburg-Hagen. Die Bezirksregierung Lüneburg hatte zuvor den Bereich um die Camp-Orte erweitert, für den sie und nicht der Landkreis Lüchow-Dannenberg nach dem Gefahrenabwehrgesetz für Versammlungen zuständig ist. Die Initiative "X-tausendmal quer" und die Bezirksregierung einigen sich auf einen Alternativ-Standort zwischen Wendisch und Deutsch Evern, wo sich Castor-Gegner:innen zwar versammeln aber kein Camp errichten dürfen.
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

23.03.2001

Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg bestätigt am 23. März das erlassene Verbot für die "Stunkparade" die Castor-Nordroute zu nutzen. In der Begründung heisst es: "Die Prognose sei nicht von der Hand zu weisen, dass es auf der Strecke, auf der am Mittwoch auch der Castor rollen soll, zu Treckerblockaden und Straßenzerstörungen komme".
Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung

23.03.2001

Rund 50 Schülerinnen und Schüler besetzen am 23. März die Sporthalle des Landkreises in Dannenberg und fordern, dass diese als "Camp" für auswärtige Anti-Castor-Demonstranten zur Verfügung gestellt wird.

Bei kaltem Wetter versammeln sich in der Lüneburger Innenstadt etwa 350 Schüler:innen, um mit einem Demonstrationszug durch die Innenstadt zum Bahnhof ein deutliches Zeichen gegen die Castor-Transporte zu setzen. Am Sande, auf dem Marktplatz und schließlich am Bahnhof werden Reden gehalten, u.a. vom Schüler:innensprecher Philipp Mohr und von der Vorsitzenden des BUND Niedersachsen, Renate Backhaus. Eine Sprecherin der Aktion "X-tausendmal-quer" sprach den Schüler:innen ihre solidarische Verbundenheit aus. Der Demonstrationszug wurde von einem großen Polizeiaufgebot begleitet.

Auftaktdemonstration in Lüneburg

24.03.2001

Am 24. März findet in Lüneburg die Auftaktdemonstration zu den Castor-Protesten statt. Ein Sternmarsch führt von den Sülzwiesen und dem Bahnhof zum Clamartpark, wo sich 16.000 Menschen versammeln.

Trotz Kälte und feinem Nieselregen macht sich Volksfeststimmung breit, zumal die Kundgebung durch zwei Musikgruppen ("Die Schnitter" und "Meschpokemina") musikalisch aufgelockert wird. Der Unmut der Redner:innen richtet sich in erster Linie gegen die Grünen als Atom- und Kriegspartei. In die Kritik gerät auch das neu kreierte Konfliktmanagement der Polizei: Zwölf Konfliktbeamte in Relation zu den etwa 30.000 bewaffneten Einsatzkräften "können das Konzept vor der Öffentlichkeit nicht als glaubwürdig erscheinen lassen".

25.03.2001

Die repressive Strategie der Polizei zur Verhinderung von Camps und das Verbot von Demonstration und symbolischer Sandsackaktion der BI Umweltschutz, die für den kommenden Dienstag angemeldet war, wollen die Atomkraftgegner/innen nicht widerspruchslos hinnehmen: In den frühen Morgenstunden des 25. März legt die BI-Anwältin Karin Sehr Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht (BVG) in Karlruhe eingelegt.

"Während die Bezirksregierung mit ihren polizeilichen "Konfliktmanagern" offiziell von einer entspannten Situation spricht, wird hinter dem Rücken das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit in unserer Region faktisch aufgehoben", so BI-Sprecher Mathias Edler. Mit der Eilentscheidung beim Bundesverfassungsgericht soll "die demokratische Verfassung im Wendland wieder hergestellt werden".

Stunkparade

25.03.2001

Am 25. März wird "Stunk gemacht": Die Bäuerliche Notgemeinschaft hat den bunten Umzug von Gorleben bis nach Seerau bei Hitzacker angemeldet. Um 16.00 Uhr findet dort die Abschlusskundgebung unter dem Motto "Die Saat geht auf" statt.

"Überall im Landkreis konnte man auf Treckerkolonnen treffen, die auf dem Wege zur STUNKPARADE waren", schreibt der "TagX-Ticker".


Fast 400 Trecker fahren auf, von denen viele karnevalistisch dekorierte Anhänger ziehen, mit fröhlich winkenden Menschen darauf und mit originellen Spruchplakaten und vielen Widerstand symbolisierenden X-Kreuzen versehen. Der bunte, fast 10km lange Protestzug führt von den Gorlebener Atomanlagen über Gedelitz, Dünsche, Siemen, Gusborn, Dannenberg bis Seerau/Hitzacker. In Splietau wird, weil dort die Atommülltransportstrecke befahren wird, der Treck von ein massiven Phalanx von Räumfahrzeugen, Wasserwerfern und Mannschaftswagen der Polizei "eskortiert". Eine Demonstration führt von Hitzacker nach Seerau. Die ganze Unternehmung wurde von einem großen Polizeiaufgebot begleitet. Parallel gelangen bei Eichhof / Nahrendorf etwa 250 Menschen auf das CASTOR-Gleis.

"Von Abbröckeln, Einverständnis mit dem Atomkonsens oder anderen Versuchen, das politische Anliegen kleinzureden, keine Spur", betont die Bürgerinitiative Umweltschutz.

25.03.2001

Am Nachmittag des 25. März wird das Camp in Hitzacker von der Polizei umstellt, weil sich dort angeblich "Autonome" aus Richtung Lüneburg aufhalten sollen. Entlang der Castor-Schiene werden Autos durchsucht und Gewahrsamnahmen angedroht.

26.03.2001

Am 26. März um 6:45 Uhr verlässt der Atommüll-Zug mit sechs Castorbehältern, in denen sich 85 Tonnen hochradioaktiver verglaster Müll befindet, den französischen Verladebahnhof Valogne. Direkt bei der Abfahrt blockieren Greenpeace-Aktivist:innen den Zug kurzzeitig, einige Kilometer weiter in Cherbourgh wird der Zug nochmals etwas aufgehalten.

26.03.2001

"Ich appelliere an diejenigen, die friedlich demonstrieren wollen, sich an die Anordnungen der Behörden und Polizei zu halten", so Niedersachsens Innenminister Heiner Bartling (SPD) am 26. März. Dann werde es "weniger oder vielleicht gar keine Konflikte geben": "Ich werbe um Verständnis dafür, dass die Polizei zeitnah zum Transport die Transportwege frei halten muss."

Das Wendland vor dem Castortransport

26.03.2001

"Die Sonne scheint, Tausende Schlafplätze in privaten Häusern, Kirchen, Turnhallen und Schulen stehen den Demonstranten für die nächsten Tage noch zur Verfügung; viele Versorgungsstände entlang der Transportstrecke bieten warmes Essen und Getränke an", so BI-Sprecher Mathias Edler.


Die Situation an der Castortransportstrecke bleibt den ganzen Tag über angespannt:

Rund 1.000 Menschen gehen als Aktionsgruppe "x-tausendmal quer" trotz ständiger Polizeibewachung bei Wendisch-Evern auf die Schiene. Nach einer stundenlangen Blockade werden 400 Menschen in Schienenbussen nach Lüneburg transportiert und in "Verbringungsgewahrsam" genommen.

Jochen Stay, der Sprecher der Initiative "x-tausendmal quer", wird in Gewahrsam genommen, weil er zu Straftaten aufgerufen habe - so die richterliche Anordnung. Stay habe "verklausalisiert, aber doch verständlich zum Landfriedensbruch aufgerufen: einer Schienendemontage", so das Gericht.

Die Sprecher:innen rufen laut verschiedene Kennworte aus. Das ist das Zeichen für die einzelnen Gruppen, sich zu versammeln. Kurz werden Information gegeben. Dann marschieren auch schon fast tausend gutgelaunte und festentschlossene Leute zügig in Richtung Gleis los. Zunächst in zwei getrennten Zügen, um die Polizei zu irritieren. Man will deren zur Zeit noch dünne Präsenz unbedingt ausnutzen, um einen Durchbruch zum Gleis zu schaffen. Schließlich schwenken beide Züge in die gleiche Richtung. Mühsam gehts jetzt querfeldein über Äcker, Wiesen und durch Wald. Stacheldrahtzäune sind zu queren, und das alles schwerbepackt mit Materialien, die das Leben während einer langen Besetzung erleichtern sollen: Strohsäcke, Matten, Schlaf- und Rucksäcke. Immer wieder werden die Hastenden per Megaphon zu weiterer Eile aufgerufen, um der Polizei zuvorzukommen. Schließlich ist hohe Böschung erreicht. Unten liegt das Gleis. Jetzt noch einige zwanzig, dreißig Meter Kletter- oder Rutschpartie abwärts und das Ziel des Begehrens ist erreicht. Erleichterung! Nun richtet man es sich im Gleisbett ein, so bequem es irgend geht. Alle genießen diesen Teilerfolg und die Stimmung ist dementsprechend gut. Der ebenfalls herbeigeeilten aber zahlenmäßig unterlegenen Ordnungsmacht bleibt nichts anderes übrig, als dem munteren Treiben zunächst tatenlos zuzusehen.

Nach dreimaliger Aufforderung zum Verlassen des Gleises beginnt die Polizei mit dem Räumen. Die ersten Demonstrant:innen werden vom Gleis gezogen oder getragen. Nun gehts die hohe Böschung hinauf. Zu dritt, viert und sogar zu fünft bemühen sich die Polizist:innen, die passiven Widerstand leistenden Demonstrant:innen samt Gepäck die Böschung hochzutragen oder zu zerren und zu schleifen, wenn es gar nicht anders geht. Ein kleiner Bruchteil der BesetzerInnen gelangt auf diese Weise nach oben. Dann bricht der Einsatzleiter die Räumung ab und fordert aus Lüneburg einen Einsatzzug mit einer Eingreiftruppe aus Sachsen an.

Trotz Übergriffe lassen sich die Protestierenden heiter und guten Mutes in den Zug verfrachtet, der sie nach Lüneburg bringt, wo die Menschen mit Reisebussen an verschiedenen Orten, etwa 100 km voneinander entfernt gefahren werden. Die überwältigende Mehrheit erreichte noch in derselben Nacht wieder das Camp in Wendisch Evern. (Text: subkontur.de)


weitere Aktionen:

- Bei Nahrendorf machen sich rund 400 Menschen aus dem dortigen "Camp" zu einer angemeldeten Mahnwache auf den Weg. Die Polizei kesselt 150 CastorgegnerInnen ein und überführte sie nach Neu-Tramm in die Gefangenensammelstelle.

- In Hitzacker spielen Schülerinnen und Schüler der dortigen Freien Schule Skat auf den Gleisen und veranstalten ein Volleyballtournier am Bahnübergang.

- 300 Schüler:innen demonstrieren am frühen Nachmittag von Dannenberg nach Pisselberg.

- 400 Fahrradfahrer:innen und Skater:innen machen sich um 16 Uhr auf den Weg vom Castorverladekran in Dannenberg nach Gorleben.

- Aus Splietau holen einige hundert Castorgegner:innen die dort lagernden Sandsäcke ab und lassen sie auf dem Weg nach Dannenberg auf der Castor-Transportstrecke plumpsen. Stundenlang blockieren Bauern mit 6 Traktoren den Ortsausgang Splietau. 500 bis 600 Menschen laden dort zusätzlich Anhänger mit Sandsäcken ab und schichteten sie zu einem "Schutzwall" auf. Die Polizei drängt die Menschen schließlich nach vier Stunden Besetzung von der Straße und entfernt die Säcke mit schwerem Räumgerät.

- Am Abend muss nach einem Anschlag auf die Hochspannungsleitungen ein ICE in Uelzen pausieren.

"Trotz der massiven Polizeipräsens gelingt es immer wieder, mit phantasievollen Aktionen den Widerstandswillen zum Ausdruck zu bringen", resümiert die Bürgerinitiative Umweltschutz.

Quelle: u.a. subkontur.de