"Jahrestage"

Februar

22.2.1977 - Standortbenennung Gorlebens

22.02.1977

Auf Grundlage der Kabinettsvorlage vom 2. Februar trifft die Landesregierung nach einem Austausch mit dem Bund zur Thematik der Grenznähe zur DDR am 22. Februar die Entscheidung zur Benennung eines einzigen Standortes: Gorleben.

Die Akten als Auszug aus dem Protokoll enthalten nur zwei Sätze: "Minister Küpker referiert über den bisherigen Stand der Beratungen. Nach eingehender Erörterung beschließt das Kabinett, Gorleben als vorläufigen Standort eines möglichen Entsorgungszentrums für ausgebrannte Brennelemente zu benennen."

Trotz der Bitte des Bundeskanzleramtes, „für den Fall, daß bei den Beratungen der niedersächsischen Landesregierung [...] der Standort Gorleben in den Vordergrund treten oder gar als einziger übrigbleiben sollte, dies unter gar keinen Umständen der Presse mitzuteilen oder sonstwie verlauten zu lassen", gab der Ministerpräsident Dr. Ernst Albrecht auf einer an die Kabinettssitzung anschließenden Pressekonferenz die Standortentscheidung bekannt.

In Gorleben sollte ein "Nukleares Entsorgungszentrum" (NEZ) entstehen: Auf einem Areal von 12 Quadratkilometern ist eine Wiederaufarbeitsanlage (WAA), eine Brennelementefabrik und verschiedene Pufferlager für hoch-, mittel- und schwachradioaktive Abfälle geplant. Für die Endlagerung ist der Salzstock Gorleben-Rambow vorgesehen. Legendär ist das Foto, auf dem Albrecht auf einer Landkarte auf Gorleben zeigt.

Ministerpräsident Albrecht im Interview zur Standortbennung:


März

02.03.1977

Am 2. März gründet sich die "Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg" als eingetragener Verein. (Registereintrag am 4. März)

Juli

10.07.1978

Am 10. Juli gibt u.a. Andreas Graf von Bernstorff, dem mit rund 50% die größte Fläche über dem Salzstock Gorleben gehört, während einer Pressekonferenz in Gartow bekannt, dass er das Angebot der Atomwirtschaft von über 26 Millionen Mark ablehnen wird. Stattdessen wird ein Rechtshilfefonds für die zu erwartenden Prozesse gegründet.

September

"Tanz auf dem Vulkan"

04.09.1982

Am 4. September folgen 10.000 Menschen dem Aufruf zum Musikfestival "Tanz auf dem Vulkan" als Reaktion auf den Baubeginn der Zwischenlagerhallen in Gorleben. Bundesweit protestieren 40.000 Menschen an den potentiellen Standorten für Wiederaufarbeitungsanlagen und demonstrieren "dezentrale Gemeinsamkeit". In Gorleben kommt es nach der Kundgebung der Bürgerinitiative zu teilweise militanten Auseinandersetzungen mit der Polizei. Atomkraftgegner:innen erleiden Prellungen und Knochenbrüche. Durch den Einsatz neuer Hochdruckwasserwerfer werden mehrere Menschen schwer verletzt. Klagen gegen den Einsatz gehen später bis vor das Bundesverfassungsgericht.

Die BI Umweltschutz distanziert sich in einer Erklärung von den "Gewalttätern", meint dabei aber nicht die Polizei. Berliner AKW-Gegner:innen antworten in einem Offenen Brief: "Seit der Dorfbesetzung 1004 haben wir den Eindruck, dass sich euer Widerstand in schleichende Resignation verliert (...). Um niemanden zu verschrecken, verliert ihr euch in unendlichen Kompromissen."

Mai

Schwerer Unfall im Schacht 1 in Gorleben

12.05.1987

Am Morgen des 12. Mai sprengt starker Druck des umliegenden Gesteins den Stahlring Nummer 20 bei Tiefenmeter 234 im Schacht 1 des Gorlebener Bergwerks. 34 der je 30 Zentimeter starken Stahlringe waren eingezogen worden, weil der Außendruck zunahm, obwohl die Ingenieure mit Hilfe von tiefreichenden Kühlrohren das umgebende Gestein auf minus 26 Grad Celsius eingefroren hatten. Bei dem Unfall löst sich der anderthalb Tonnen schwere Stahlring aus dem Verbund und stürzt auf die an der Schachtwand arbeitenden Bergleute. Zwei Bergleute werden schwer verletzt, ein dritter stirbt. Die Schachtsohle - Durchmesser: 11 Meter - ist einsturzgefährdet und wird später 14 Meter hoch mit Beton aufgefüllt.

"Pfusch und falsche Bewertung von Meßdaten haben dazu geführt, daß es im Bergwerk für das geplante Atommüll-Endlager im Gorlebener Salzstock zu einem tödlichen Unfall kam", schreibt der SPIEGEL am 17.08.1987.


Ursache für den Unfall, so erklärt Hans-Werner Tonscheydt, Abteilungsleiter der am Bau beteiligten Firma Thyssen Schachtbau, sei ein plötzlich auftretender hoher Druck des umgebenden Gebirges gewesen. Das habe "niemand voraussehen können", behauptet Tonscheydt kurz nach dem Unfall vor einem Landtagsausschuß. Doch schon vor Beginn der Arbeiten hatte der Kieler Geologe Professor Klaus Duphorn auf die Gefahren des "schwer beherrschbaren" Deck-Gebirges über dem Gorlebener Salzstock hingewiesen und die Erkundung anderer Standorte empfohlen.

Seit dem Unfall ruhen die Arbeiten und die Gorlebener Bergleute sind auf Kurzarbeit gesetzt. Durch eine Strafanzeige der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg und der daraus resultierenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen kommt es zum Baustopp für eineinhalb Jahre.

"Der Bergunfall bei den Schachtarbeiten zum nuklearen Endlager im niedersächsischen Gorleben hat in der letzten Woche noch einmal schlagartig deutlich gemacht, was nach dem atomaren Desaster von Tschernobyl und der darauf erneut einsetzenden Diskussion über einen Ausstieg aus der Kernenergie in den Hintergrund gerückt ist: Die Entsorgung deutscher Kernkraftwerke ist noch immer nicht gesichert", schreibt "Die Welt" am 29. Mai 1987.

Juli

22.07.1987

Im Landkreis Lüchow-Dannenber schließen sich ältere AKW-Gegner*innen zur "Initiative 60" zusammen. Am 22. Juli demonstriert die "Ini 60" im Umweltministerium in Hannover für einen Stopp der Bauarbeiten in Bergwerk Gorleben.

Februar

Castor-Alarm im Wendland

26.02.1989

"Zwischen Hamburg Hauptbahnhof und Dannenberg-Ost wird ein neues Kapitel Bahngeschichte geschrieben": Am 26. Februar kommen 200 Demonstrant:innen aus Hamburg mit einem "Anti-Castor-Sonderzug" nach Dannenberg. Mehrmals werden Notbremsen gezogen. Wendländische AKW-Gegner:innen betreiten einen spektakulären Empfang. In Bussen fahren die Aktivist:innen in Strahlenschutzanzügen weiter nach Gorleben. Mit dem "Eilzug Wildsau" wird mit Transparenten gegen die zu erwartenden Atommülltransporte auf der Strecke bis nach Dannenberg demonstriert.


Protest-Hütten im PKA-Wald

01.02.1990

Am 1. Februar besetzen am frühen Morgen mehrere 100 Gorleben-Gegner:innen den Wald, auf dem die PKA gebaut werden soll und beginnen Hütten zu bauen. Es entstehen "Prachtbauten" mit Kaminen und Innenhöfen.
"Ein Hauch der Freien Republik Wendland wehte durch den Gorlebener Tann...".

In der Nacht kommt es zu Rangeleien mit der Polizei.

Juni

Blockade von MOL-Fässern

14.06.1991

Die Anlieferung von drei Containern mit schachaktivem Atommüll in das Zwischenlager Gorleben aus der belgischen Atomanlage Mol wird am 14. Juni vom niedersächsischen Umweltministerium gestoppt. Hintergrund ist der "Mol-Skandal", in Fässern war falsch deklarierter Inhalt gefunden worden.

Nicht im Zwischenlager in Gorleben, sondern in der Polizeikaserne in Lüchow endet vorerst der Transport von drei Containern mit schwachradioaktiven Abfällen. Einer dieser Behälter, der aus dem niederländischen Mol, enthält Reste des Skandalmaterials der aufgelösten Hanauer Transportfirma Transnuklear. Das niedersächsische Umweltministerium stoppt den Transport und beschlagnahmt den Mol-Container, weil die Herkunft und Zusammensetzung nicht geklärt ist. Die beiden anderen Container kommen aus Jülich.

Das Material sei bereits in Mol sortiert, zum Teil verbrannt gewesen, bevor der TÜV zur Kontrolle dazugekommen sei, heißt es aus dem Ministerium. Den Kontrolleuren sei lediglich versichert worden, es handele sich um Müll, wie er typisch sei für deutsche Atomkraftwerke. Genauer sei die Herkunft nicht angegeben worden. GNS und BLG hatten behauptet, daß es schwachradioaktiver Abfall aus Krümmel und Neckarwestheim sei.

Ab 6 Uhr blockieren Aktivist:innen am Zwischenlager in Gorleben mit Fahrzeugen die Zufahrt, da war der Transport aber schon in Lüchow angekommen. Ab Schulanfang blockieren daraufhin zeitweilig knapp hundert Schüler:innen die Zufahrt zur Polizeiunterkunft an der Saaßer Chaussee in Lüchow.


Gewaltsame Räumung für Mol-Container

18.06.1991

Bei schweren Auseinandersetzungen zwischen etwa 420 Polizisten und rund 250 Atomkraftgegner:innen kommt es am Vormittag vor dem Zwischenlager in Gorleben zu "schlimmen Szenen", als die Beamte die Einfahrt zum PKA-Gelände freiräumen. Der Weg wird freigemacht für drei Container mit schwachradioaktivem Inhalt, unter anderem auch für den Behälter mit dem umstrittenen Inhalt aus Mol.

Um 9.13 Uhr erscheinen vier Hundertschaften in Gorleben – ohne Helm, ohne Schutzschilde. Das Bemühen die Situation so "sanft" wie möglich zu bereinigen, ist durchaus zu spüren.

Gegen 9.45 Uhr ist die Auffahrt zum PKA-Gelände freigeräumt, die über Rondel und Meetschow angerollten Container hätten aufs Gelände gebracht werden können. Die Polizei hatte die weniger verbarrikadierte PKA-Auffahrt gegenüber der Zwischenlager-Einfahrt favorisiert.

Gegen 10.00 Uhr strömen Atomkraftgegner:innen durch den Wald zu dem Konvoi und setzen sich zwischen die Fahrzeuge auf die Straße. Der Bremsschlauch des ersten Fahrzeuges wird durchtrennt. Die Polizei setzt Diensthunde ein, es kommt immer wieder zu neue Sitzblockaden, Räumungen, Aggressionen, Tritte.

Erst um 11.30 Uhr rollt der erste Container auf das PKA-Gelände. Erneut kommt es zu Blockaden der zwei weiteren LKW. Der Notarztwagen fährt mehrmals.

Um 12.25 Uhr gelangen die beiden letzten Transporter auf das PKA-Gelände, von dort aus weiter ins Zwischenlager.

Mehrere Menschen werden verletzt. Eine Atomkraftgegnerin musste nach einem Tritt in den Rücken per Hubschrauber abtransportiert werden, eine andere Blockiererin habe einen Tritt ins Gesicht bekommen. BI-Sprecher Wolfgang Ehmke sieht, wie Blockierer "getreten und gewürgt" werden. Ehmke äußert den Verdacht, daß das Einsatzkommando das Innenministerium gar blamieren wollte. Dennoch habe man sich auf Seiten des Widerstands gefreut, daß der Konvoi vor Ort noch einmal gestoppt wurde.

Polizei-Einsatzleiter Horst Heitmann spricht von einer "schlimmen Situation", bei der die Beamten mit Faustschlägen traktiert worden seien.

"Für das, was hier heute passiert ist, trägt Töpfer die Verantwortung", so Grünen-MdL Hannes Kempmann.

Vor Journalisten erklärt Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder am Nachmittag, der Einsatz sei der "real existierenden Kumpanei zwischen der Bundesregierung und der Atomlobby" zu verdanken. Die Weisung Töpfers sei eine merkwürdige und unseriöse Weise, den Skandal um die ehemalige Hanauer Transportfirma Trans- nuklear aufzuarbeiten, indem er Niedersachsen zum Atomklo mache.

Juli

13.07.1991

260.000 Einwendungen gegen ein Atommülllager Schacht Konrad übergeben Bürgerinitiativen dem niedersächsischen Umweltministerium. Mehr als fünfzig Trecker und hunderte anderer Fahrzeuge sind zuvor in einem imposanten, zwei Kilometer langen Konvoi von Salzgitter nach Hannover gerollt.

Januar

Anfang Januar

Im Wendland formiert sich im Januar die "Initiative 60". Die Frauen und Männer im besten Alter heizen der Atomlobby in den folgenden Monaten mit Blockaden und vielen spektakulären Aktionen kräftig ein.

August

09.08.1994

Am 9. August gibt das niedersächsische Umweltministerium bekannt, dass es bei der Beladung des Castor-Behälters im Atomkraftwerk Philippsburg-2 zu einer "Pannenserie" gekommen sei.

Gleich zu Beginn der Beladung entdeckten Techniker etwa 180 Gramm Nickelspäne im Behälterschacht, die von der Nachbearbeitung der Nickel-Innenbeschichtung beim Hersteller stammt und nicht abgesaugt wurde.

Nachdem die Techniker den 120 Tonnen schweren Behälter im Brennelementebecken mit seiner heißen Fracht bestückt hatten, wollten sie den inneren der beiden Deckel aufsetzen. Doch dieser „Primärdeckel“, der bei richtigem Sitz ein Stück in den Schacht hineinragt, verkantete sich. Das Personal hob ihn wieder ab und entdeckte eine kaputte Elastomerdichtung. Die Wasserverdrängung des gut fünf Tonnen schweren Primärdeckels hatte eine so große Strömung erzeugt, daß die Dichtung herausgeschwemmt wurde. Man hätte zwar den Deckel nach der Herstellung acht- oder neunmal ausprobiert; doch immer im Trocknen, so Klaus Janberg, einem der Geschäftsführer sowohl der Gessellschaft für Nuklearservice als auch der für den Bau des Castor verantwortlichen Gesellschaft für Nuklearbehälter. Denn im Werk fehle ein Becken, um zehn Meter unter Wasser zu üben.

Nach dem Ersetzen der kaputten Dichtung unternahm das Bedienungspersonal den zweiten Versuch. Doch wieder verkantete der Deckel, diesmal so stark, daß er sich nicht mehr abheben ließ. Die Techniker hievten den beladenen Behälter daraufhin aus dem Becken und richteten den Deckel mit hydraulischen Werkzeugen aus. Da die Führungsbolzen aus Edelstahl verkratzt waren, tauschten sie sie gegen bronzene aus. Anschließend ging der Castor wieder zu Wasser. Jetzt gelang es, den Deckel zu lüpfen. Die Mannschaft zog die Brennstäbe wieder aus dem Behälter heraus, den sie daraufhin erneut aus dem Becken holte. Diesmal war nicht nur die Elastomerdichtung beschädigt. Deckel und Behälterkörper wiesen Reibspuren auf - allerdings nur an Stellen, die für die Dichtheit des Castor unerheblich sind. Um eine glatte Oberfläche wiederherzustellen, wurden die Kratzer einem Feinschliff unterzogen.

Erst mithilfe einer Hilfskonstruktion gelang es, den Primärdeckel im Brennelementebecken vorsichtig aufzusetzen. Als dann der Innenraum des Castor getrocknet werden sollte, fielen die Geräte zur Feuchte- und Druckmessung aus. Da Instrumente von gleichem Typ nicht zur Hand waren, benutzte die Mannschaft andere. Nachdem auch der zweite Feuchtemesser kaputtging, griff sie auf ein drittes Modell zurück. Die teilweise geringere Meßgenauigkeit der Ersatzgeräte spielte keine Rolle, da der Innenraum zuletzt erheblich trockener war als vorgeschrieben. Die Trocknung hatte allerdings viel länger gedauert als geplant: Die Bohrung im Deckel, durch die dem Inneren die Feuchte zu entziehen ist, erwies sich als zu klein.

"Sicherheitstechnische Defizite oder Lücken bestehen nicht", resümierte der TÜV Südwest, der die Beladung zusammen mit dem TÜV Hannover/Sachsen-Anhalt und der Berliner Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung überwacht hat.

September

"Castor-HalleLuja"

10.09.1994

Beim "Castor-HalleLuja" feiern wendländische AKW-Gegner:innen zwischen dem 10. und 12. September mit Blockaden, Filmnacht, Disco und Ausstiegsdebatten auf der Straße vor dem Zwischenlager zehn Jahre erfolgreiche Behinderungspolitik.

August

21.08.1995

Mit Schweißbrennern werden in der Nacht vom 21. auf den 22. August drei der vier Träger der Castor-Verladekrans in Dannenberg durchtrennt. Der Kran kippt allerdings nicht um. Parallel findet ein Anschlag auf das Zwischenlager Gorleben statt: Die Stromzufuhr wird durch Herbeiführung eines Kurzschlusses unterbrochen und die Halle mit Leuchtraketen beschossen. Außerdem werden Fensterscheiben mit Parolen besprüht und auf mehreren Straßen Strohballen angezündet. Die Betreiber sprechen von 300.000 DM Sachschaden und setzen eine Belohnung zur Ergreifung der TäterInnen aus.


Stay rude-Stay rebel - Festival

26.08.1995

"Stay rude - Stay rebel", Rock gegen Atomkraft ist das Motto des zweitägigen Benefitz-Open-Air-Festivals zugunsten des wendländischen Widerstands am 26./27. August in Grabow (zwischen Dannenberg und Lüchow). Insgesamt kommen - trotz Regen - mehr als 5.000 Menschen auf den Blottnitzschen Acker. Es spielen fast 48 Stunden non-stop und ohne Gage 24 Bands, darunter namhafte wie No Sports, Wolf Mahn, Ulla Meinecke, Fettes Brot, Inga Rumpf, The Bates und als "Special Guest" Die Toten Hosen.
Das Festival ist, wie so vieles im Wendland, selbstgemacht: Hunderte freiwillige Helfer organisieren eine fast perfekte Großveranstaltung.

September

24.09.1995

Auf das "Benefiz" folgt am 24. September das "Malefitz": Rund um das geplante Endlagerbergwerk und die angrenzende Salzhalde demonstrieren 1.000 Menschen mit "Spass, Spiel und Spannung". Es kommt zu Rangeleien mit der Polizei, Schlagstock- und Wasserwerfereinsatz.

Mai

Wir stellen uns quer!

04.05.1996

Am 4. Mai demonstrieren in Dannenberg 10.000 Menschen gegen den bevorstehenden Castortransport aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins Zwischenlager Gorleben. 150 Traktoren rollen in der Demo mit. Nach der Kundgebung wird auf der Umgehungsstraße von Tausenden ein Menschenbild mit dem Schriftzug "Wir stellen uns quer" gebildet.

Demonstraten blockieren mit Baumstämmen die Gleise, Polizisten räumen die Sperren.

Bei Karwitz kesselt die Polizei am Abend ca. 150 Aktivist:innen ein, die sich auf der Bahnstrecke Uelzen-Dannenberg niedergelassen hatten. Um diese "Gefangenen" abtransportieren zu können, räumt die Polizei mit massiver Gewalt (Schlagstock und Wasserwerfer) die Zufahrtsstraße, auf der sich mehrere hundert Menschen aus Protest gegen den Kessel versammelt hatten.


Tag X2 - 8. Mai 1996

08.05.1996

Um Mitternacht erreicht der Transport Windheim an der Weser. In der ganzen Nacht gehen Bombendrohungen ein. Ein Unbekannter droht, eine Bombe auf dem Flughafen Hannover explodieren zu lassen. Bei Oldenburg wird wegen einer Bombendrohung eine Bahnstrecke gesperrt. Im Hildesheimer Bahnhof brennen vier Bahnschwellen. In Bielefeld werden sechs AktivistInnen beim Verbarrikadieren einer Bahnstrecke festgenommen. Da bei Göttingen die Gleise besetzt sind, wird ein Umweg über Nienburg, Verden und Soltau genommen.

Um 2.51 Uhr wird Uelzen erreicht, nach 42 Minuten Aufenthalt rollte der Transport über die eingleisige Güterstrecke Richtung Dannenberg weiter. Um 5.56 Uhr, 50 Minuten später als vorgesehen, steht der Transporter unter dem Verladekran am Bahnhof Dannenberg.

Der Transportzug setzte sich wie folgt zusammen: 1x Diesellok - 3x Personenwaggon, türkis-beige mit BGS-Beamten - 1x Castorbehälter auf einem grüngestrichenen Güterauflieger - 1x Personenwaggon - 1x Diesellok. Bis nach Uelzen fuhr vor dem Castortransport ein Vorauszug, der sich aus 1x Diesellok - 3x Personenwaggon - 1x gelber Streckenwagen zur Schienenkontrolle zusammensetzte.

August

"Wir prügeln den Castor nach Bonn"

28.08.1996

400 Atomkraftgegner*innen reisen per Sonderzug am 28./29. August von Dannenberg nach Bonn zum "Ersten Atommülltransport nach Bonn". Im Gepäck dieses Polit-Happenings haben sie einem Theaterstück mit Bullizei, Wasserwerfer und einen Pappmache-Castor. Was für die Beteiligten ein riesen Spass ist, sorgt unter der Bevölkerung Bonns für Irritationen.

September

14.09.1996

Am 14. September gründet sich in den Trebeler Bauernstuben die "Salinas Salzgut Gorleben GmbH". Die Salinas will vom Grafen Bernstoff Land pachten und Salz abbauen. Der Hintergedanke: Wirtschaftliche Nutzung, also die "Förderung und Vertrieb von Gorleben Salz", macht laut Berggesetz die Enteignung schwieriger. Das Grundkapital kommt über den bundesweiten Verkauf von Gesellschaftsanteilen, außerdem einiges Geld für die Prozesse des Grafen gegen die Atomanlagen zusammen.

Oktober

22.10.1996

Undine von Blottnitz, Mitbegründerin der Bäuerlichen Notgemeinschaft und der BI, wird vom Bundespräsidenten Roman Herzog für "die Vermittlung politischer Grundwerte" mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Wegen ihrer Aufrufe zu Widerstandsaktionen in Gorleben protestieren CDU/CSU- und FDP-Politiker gegen ihre Auszeichnung. Nachdem Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) die Castor-Blockierer als "unappetitliches Pack" bezeichnet hatte, äußert von Blottnitz bei ihrer Ordensverleihung: "Nett, dass der Bundespräsident nun eine Frau aus dem Pack ausgezeichnet hat."

Januar

12.01.1997

Am 12. Januar demonstrieren auf der zugefrorenen Elbe bei Hitzacker 300 Atomkraftgegner*innen mit einer Menschenkette von Ufer zu Ufer. Buchstabentafeln, von einigen Protestierenden hochgehalten, ergaben die Ankündigung: "Wir stellen uns quer."

Februar

20 Jahre Widerstand

19.02.1997

Rund um den 20. Jahrestag der Standortbenennung Gorlebens zum "Entsorgungszentrum" werden nach dem Motto "Unser Lachen wird sie besiegen" vom 19. bis 23. Februar "20 Jahre Widerstand" gefeiert. Es finden ein Frühschoppen der Bäuerlichen Notgemeinschaft, ein Kinderfest, ein Gala-Abend, Theater, ein Seminar über "Bürger:innenrechte in Gorleben" und ein internationales Frauenforum statt. Zudem werden Filme und Fotos aus zwei Jahrzehnten gezeigt. Natürlich gehören auch Aktionen an den Atomanlagen zum Programm. Der Widerstand im Wendland gibt sich "geschichts- und selbstbewusst".

Das Finanzamt Lüchow-Dannenberg hat sich ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk ausgedacht: Der BI Lüchow-Dannenberg soll die Gemeinnützigkeit aberkannt werden.


Demokratische Grundrechte außer Kraft gesetzt

24.02.1997

Die Bezirksregierung Lüneburg entzieht am 24. Februar dem Kreistag Lüchow-Dannenberg mit dem Verweis auf "Gefahr im Verzug" die Zuständigkeit für die Sicherung des Castor-Transports und erlässt ein Demonstrationsverbot entlang der Transportstrecke. Der Kreistag hatte dies verweigert. Die Bezirksregierung Lüneburg beschlagnahmt fünf Sport- und Mehrzweckhallen für die Unterbringung von Polizeibeamten. Die Allgemeinverfügung gilt jeweils 50m links und rechts der Transportstrecke und vom 3. bis zum 7. März.

Niedersachsens Innenminister Glogowski (SPD) betont dabei: "Wir brauchen die Damen und Herren im Kreis Lüchow-Dannenberg nicht zur Lösung unserer Probleme."

März

05.03.1997, 05:30 Uhr

FotosFilm
Gegen 5.30 Uhr sind vor dem Verladekran Dannenberg vier Wasserwerfer im Einsatz, die stetig den Wasserdruck erhöhen. Trotzdem bleiben die meisten Menschen sitzen, lassen sich naßregnen und wegräumen. Aktuelle Schätzungen belaufen sich auf 9.000 Atomkraftgegner*innen.

Ab 6.30 Uhr richtet die Polizei den Strahl der Wasserwerfer direkt auf die Menschen auf der Straße, es wird jetzt auch geknüppelt, vereinzelt wird gezielt in die Gesichter der Menschen geschlagen.

Ab 7.15 Uhr sind Einheiten der Magdeburger Polizei eingesetzt, die besonders brutal vorgehen. Zwischen Bäumen haben drei Aktivist*innen ein Seil gespannt und befinden sich über der Transportstrecke. Auch bei einer Sitzblockade von ca. 500 Personen bei Quickborn setzt die Polizei Wasserwerfer ein und drängt die Menschen in den Wald.


05.03.1997, 11:50 Uhr

Zeitgleich mit der Abfahrt der Castoren landen bei Splietau auf einer Koppel Truppentransporthubschrauber des BGS. Einsatzkräfte der Landespolizei Niedersachsen durchschnitten Zäune und begannen überfallartig und ohne Vorwarnung 60 Reifen der in Splietau abgestellten Trecker zu zerstören.
"Die Polizisten stachen dabei in der Regel mit Messern und Schraubenziehern sofort in die Reifen. Die Behauptung der Polizei, man habe nur zugestochen, wenn es nicht möglich gewesen sei, Luft abzulassen, ist eine Lüge. Offensichtlich kam es der Polizei darauf an, die Traktoren auf Dauer fahrunfähig zu machen und nachhaltige Schäden zu verursachen, insgesamt ca. 60.000 DM." (Bäuerliche Notgemeinschaft)

Juni

BLG-Infohaus in Gorleben besetzt

05.06.1998

Etwa 70 Mitglieder der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg und der Bäuerlichen Notgemeinschaft besetzen am 5. Juni für 26 Stunden das Informationszentrum der Brennelementelagergesellschaft (BLG). Seit 15.15 Uhr blockieren Traktoren den Eingang des Gebäudes und die Straße davor, Transparente weisen auf die unbefristete Aktion der Umweltschützer hin: Sie wollen Prof. Wilhelm Collin vom Bundesamt für Strahlenschutz sprechen, der seit 1985 von verstrahlten Atommülltransporten wisse.

"Die Tatsachen über die verstrahlten Castor-Behälter beweisen, daß sich unsere immer wieder geäußerten Befürchtungen bewahrheitet haben", heißt es in einer Erklärung der BI zur Besetzung, in der "die lückenlose Aufklärung durch unabhängige Gremien und die strafrechtliehe Verfolgung der wahren Täter aus Politik und Wirtschaft" gefordert wird.


Ursprünglich wollen die Aktivist:innen "unbegrenzt" im Infohaus bleiben, verlassen es aber am nächsten Tag (6. Juni) gegen 17 Uhr freiwillig. Die Polizei hält sich zurück, weil sie durch eine Räumung eine Eskalation befürchtet. Die BLG beziffert den entstandenen Sachschaden auf 100.000 DM (EJZ), andere Medien nennen 250.000 DM. Ein Videorecorder und ein Videoprojektionsgerät seien verschwunden, nahezu sämtliche ausgestellten Modelle beschädigt, Castor-Modelle entwendet, Schränke und Wände beschmiert, Schautafeln mit TagX-Plakaten beklebt. Aus durchwühlten Schränke wurden "wertvolle Unterlagen" entwendet. Weil einem Mitarbeiter Schlüssel geraubt wurden, werde eine neue Schließanlage benötigt, so BLG-Pressesprecher Jürgen Auer. (EJZ)

September

Keine Enteignung des Grafens


Anfang September

Vor rund 300 Atomkraftgegner*innen berichtet Asta von Oppen von der Rechtshilfe Gorleben während einer Demonstration gegen die Atomanlagen vor der Castor-Verladestation in Breese/Marsch, dass das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Anträge auf Enteignung der Salzrechte von Andreas Graf von Bernstorff und der Kapellengemeinde Gartow-Meetschow-Gorleben bereits vor ein paar Monaten zurückgezogen hat. Ralf Schmidt, Sprecher des BfS in Gartow, bestätigt diese Informationen: Die Bundesbehörde habe die Enteignungsanträge zurückgezogen, weil der südöstliche Teil des Salzstockes, wo sich die Grundstücke der Kirche und des Grafen befinden, vermutlich für ein atomares Endlager nicht gebraucht werden. Sollte sich jedoch herausstellen, daß der nordöstliche Bereich des Salzstockes, der derzeit erkundet wird, ungeeignet sei, werde das Enteignungsverfahren erneut in Gang gesetzt.

Januar

04.01.2000

Die niedersächsische Landesregierung wird noch in diesem Jahr das Endlager Schacht Konrad und die Pilotkonditionierungsanlage in Gorleben genehmigen. Dies kündigt Landes-Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD) am 4. Januar an. Er sei zwar gegen die PKA, käme damit aber einem schon über zwei Jahre alten Versprechen nach. Seine Vorgängerin Monika Griefahn (SPD) hatte der Gesellschaft für Nuklearservice (GNS) zugesagt, künftig alle anhängigen Genehmigungs- und Aufsichtsverfahren "einfach, zweckmäßig, zügig und in kooperativer Weise" abzuwickeln.

September

Atomausstieg? Alles Lüge!

23.09.2000

Dem Motto "Atomausstieg - alles Lüge" folgen am 23. September etwa 5.000 Menschen zur Demonstration von Gedelitz bis vor die Atomanlagen von Gorleben:

"Statt einen Ausstieg einzuleiten, hat die rotgrüne Bundesregierung der Atomwirtschaft einen umfassenden Bestandsschutz für ihre Anlagen garantiert. Und mit Konsens hat das Ganze nicht die Bohne zu tun", heißt es im Aufruf zu der Demonstration.


Auf einem Acker bei Gedelitz wird ab 12.00 Uhr ein riesiges X mit mehr als 2.000 Menschen gebildet, als "Zeichen des ungebrochenen Widerstandes", "weil wir uns kein U wie Umfallen für ein X vormachen lassen. Der nächste Tag X kommt bestimmt", so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. Etwa 25 Traktoren begleiten dann den Demo-Zug mit Transparenten und Aufbauten: Ein Castor-Imitat ist ebenso zu sehen wie eine dampfende Mini-PKA und eine riesige goldene Hakenkralle.

Ab 14.00 Uhr findet vor dem Zwischenlager eine Kundgebung statt, auf der u.a. der Stifter des alternativen Nobel-Preises, Jakob von Uexküll und die Musikbands "Aufbruch" und "Hoerstuatz" auf der Bühne stehen. Uexküll spricht davon, dass der Atomkonsens "ein Verbrechen an der Demokratie" sei.

"Sauer und enttäuscht" sei man von der rot-grünen Politik, die sich von der Atomindustrie über den Tisch habe ziehen lassen. Nun werde man auf der Straße eine neue Runde einleiten, um "dem Ausstieg Beine zu machen", so Jutta von der Bussche, Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz.

Die Aktion findet bundesweite Unterstützung von zahlreichen AntiAtom-Initiativen und den großen Naturschutzverbänden wie den BUND.

"Wir haben die Nagelprobe bestanden", resümiert BI-Sprecher Wolfgang Ehmke mit Blick auf die Teilnehmerzahl. Die Demo habe gezeigt, dass sich die Leute eben nicht für dumm verkaufen ließen.

März

1996/1997: BI "systematisch ausspioniert"


Anfang März

Anfang März wird durch die Einsicht in Ermittlungsakten öffentlich, dass Polizei und Verfassungsschutz vor dem Castor-Transport nach Gorleben im März 1997 Atomkraftgegner:innen "systematisch ausspioniert" haben:

Zwischen Oktober 1996 und März 1997 seien über 4200 Telefonate aufgezeichnet und 438 Seiten Fax abgefangen worden. Ein Auto der Atomkraftgegner:innen sei mit einem Peilsender ausgerüstet, mit einer Wanze abgehört und von einem mobilen Einsatzkommando der Polizei verfolgt worden. Beamte hätten den Hof observiert, auf dem BI-Mitglieder lebten.

Das niedersächsische Innenministerium weist die Vorwürfe zurück: Die Polizei handele nach Recht und Gesetz. Die Aktionen seien "völlig illegal" gewesen, meint BI-Anwalt Dieter Magsam.


"Eine Nacht im Gleisbett"

03.03.2001

Auf Einladung von "x-tausendmal quer" nehmen am 3. März etwa 300 Atomkraftgegner:innen in Pisselberg an der Gleisaktion "Eine Nacht im Gleisbett" teil. Gegen 18.30 Uhr gelingt es einer Gruppe von 70 bis 80 Demonstrant:innen, das Castor-Gleis zum ersten Mal zu vereinnahmen. Der erste Räumungseinsatz von Polizei und BGS erfolgt prompt. Trotz Eiseskälte finden bis zum frühen Morgen auf Straße und Schiene weitere Widerstandsaktionen statt. 36 Personen werden im Laufe der Nacht in polizeilichen Gewahrsam genommen.

"Wenn es schon mit dieser überschaubaren Anzahl von Menschen trotz deutlicher Übermacht der Polizei möglich ist, auf die Schienen zu gelangen, dann bin ich sehr zuversichtlich für den Tag X Ende März", so Jochen Stay, Sprecher von "x-tausendmal quer". "Dann werden x-Tausende auf die Gleise gehen, um den Castor mit einer gewaltfreien Sitzblockade aufzuhalten."


19.03.2001

Am 19. März befüllen 150 Atomkraftgegner:innen auf dem Hof von August Harms in Splietau 10.000 Sandsäcke, darunter Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Niedersächsischen Landtag. Diese sollen zu einem "symbolischen Strahlenschutzwall gegen die Atommüllfuhre" gestapelt werden.

"Wir wollen in der Phase, wo die Atommüllcontainer von der Schiene auf die Straße umgeladen werden, in Dannenberg auf dem Marktplatz demonstrieren und anschließend unseren Protest gegen die wachsenden Atommüllberge unter Rot-Grün sichtbar zum Ausdruck bringen", so Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz. Dazu solle ein "symbolischer Strahlenschutzwall gegen die Atommüllfuhre" aus den vielen Säcken errichtet werden.


Stunkparade

25.03.2001

Am 25. März wird "Stunk gemacht": Die Bäuerliche Notgemeinschaft hat den bunten Umzug von Gorleben bis nach Seerau bei Hitzacker angemeldet. Um 16.00 Uhr findet dort die Abschlusskundgebung unter dem Motto "Die Saat geht auf" statt.

"Überall im Landkreis konnte man auf Treckerkolonnen treffen, die auf dem Wege zur STUNKPARADE waren", schreibt der "TagX-Ticker".


Fast 400 Trecker fahren auf, von denen viele karnevalistisch dekorierte Anhänger ziehen, mit fröhlich winkenden Menschen darauf und mit originellen Spruchplakaten und vielen Widerstand symbolisierenden X-Kreuzen versehen. Der bunte, fast 10km lange Protestzug führt von den Gorlebener Atomanlagen über Gedelitz, Dünsche, Siemen, Gusborn, Dannenberg bis Seerau/Hitzacker. In Splietau wird, weil dort die Atommülltransportstrecke befahren wird, der Treck von ein massiven Phalanx von Räumfahrzeugen, Wasserwerfern und Mannschaftswagen der Polizei "eskortiert". Eine Demonstration führt von Hitzacker nach Seerau. Die ganze Unternehmung wurde von einem großen Polizeiaufgebot begleitet. Parallel gelangen bei Eichhof / Nahrendorf etwa 250 Menschen auf das CASTOR-Gleis.

"Von Abbröckeln, Einverständnis mit dem Atomkonsens oder anderen Versuchen, das politische Anliegen kleinzureden, keine Spur", betont die Bürgerinitiative Umweltschutz.


27./28. März: Der Betonblock von Süschendorf

27.03.2001, 22:00 Uhr

Vier Atomkraftgegner:innen - drei Wendländer:innen und ein Aktivist von Robin Wood - gelingt es gegen 22.00 Uhr, bei Süschendorf die Schiene zu blockieren: Jeweils ein Arm steckt angekettet in einem Rohr, das unter den Schienen in einen Betonklotz führt. Daneben hat sich ein Aktivist mit einem Rohr an die Gleise gekettet. Gegen 22.30 Uhr erreicht der Castor die Blockade. Stundenlang werden weder Journalisten noch Ärzte zu der Aktion durchgelassen.

Juni

Atomkonsens = Mogelpackung

11.06.2001

Am 11. Juni unterzeichnen Vertreter von Bundesregierung und Atomwirtschaft die Novelle des Atomgesetzes, das unter Federführung von Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) erarbeitete "Gesetz zur geordneten Beendigung der Kernenergienutzung zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität". Der Kompromiss über den Ausstieg zwischen AKW-Betreibern und der rot-grünen Regierung sieht vor, dass bei einer Regellaufzeit von 32 Jahren nach einem komplizierten Rechensystem von Gesamtlaufzeiten und Reststrommengenverteilung auf die 19 noch arbeitenden Atomkraftwerke der letzte Meiler in ungefähr 20 Jahren abgeschaltet wird. Die CDU/CSU kündigt an, sie werde im Falle eines Wahlsiegs die Vereinbarung rückgängig machen.

"Überlange Laufzeiten bei gleichzeitiger Übertragbarkeit von Atomstromkontingenten und die Fortsetzung der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente sind die Kerne des Atomkonsenses. Deshalb sagen wir, der Atomkonsens ist eine Mogelpackung: versprochen wird der Atomausstieg, in Wirklichkeit reiben sich die Manager die Hände und freuen sich über den Deal", so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

Juli

Gorleben Archiv e.V. wird gegründet

09.07.2001

Am 9. Juli wird der Verein "Gorleben Archiv e.V." gegründet.

Mathias Edler gehört zusammen mit Stefan Dahlmann, Asta von Oppen und Michael Seelig zum vierköpfigen Gründungsvorstand des Vereins "Gorleben-Archiv", der von verschiedenen Gruppen aus dem Anti-Atom-Widerstand - von BI bis Bauern, von Salinas bis Juristen - gegründet und ins Vereinsregister eingetragen wurde. Zu den Gründer*innen gehören außerdem Marianne Fritzen, Lucia Wente, Ingrid und Werner Lowin, Rosi Schoppe, Birgit Huneke, Thomas Hauswaldt, Ulrike Donat und Kathrin Grasnick.

Ziel des Vereins ist laut Satzung die "Sicherung und Sammlung des vorhandenen und inzwischen historisch bedeutenden Materials über den Protest gegen die Umweltgefahren im Landkreis Lüchow-Dannenberg".

Wir machen Geschichte! Der Gorleben-Konflikt ist nicht „reif für´s Museum"! Wir sind mittendrin!

Hannover-Treck, Hüttendorf „Republik Freies Wendland", Blockaden der Fasstransporte, Castortransporte – 25 Jahre Auseinandersetzungen um den Atomstandort Gorleben haben ihre Spuren hinterlassen: In den Biographien der beteiligten Menschen, aber auch niedergeschlagen in Dokumenten, Fotos, Filmen, etc. An keinem anderen Ort in der Bundesrepublik kämpft eine soziale Bewegung quer durch alle Bevölkerungsschichten über einen so langen Zeitraum für ihre Rechte. Nicht alles konnte verhindert werden, was uns die Hohepriester der Atomgemeinde mit ihren Energievisionen bescheren wollten. Doch: Der gesellschaftliche Konflikt lässt sich bis heute nicht „managen". Seine politische Sprengkraft, gerade in Sachen Demokratie und Bürgerrechte, erweist sich als aktueller denn je.

Nur wer sich seiner Vergangenheit bewusst ist, kann … die Zukunft gestalten!

Die Geschichte des Gorleben-Widerstandes gehört in unsere Hände, gerade weil die politischen und juristischen Prozesse keineswegs abgeschlossen sind. Wir wollen ein Archiv, daß über die Konservierung der Materialien hinaus vor allem jungen Menschen Anstöße zum politischen Handeln, zur Einmischung auch außerhalb von Parlamenten, gibt. Ausstellungen, Seminare und sozialwissenschaftliche Forschungsarbeiten dokumentieren einzigartige Geschichte(n) vom Widerstand und machen gleichzeitig Demokratie erlebbar.

August

"Gewissensruhe"

18.08.2001

Am 18. August wird die Installation "Gewissensruhe", ein "Ehrenfriedhof für Bundestagsabgeordnete nach Supergau" des Künstlers Franz Hartmann enthüllt. Dieser hat direkt an der Castor-Transportstrecke von Dannenberg nach Gorleben auf einem Acker bei Klein Gusborn 738 Grabkreuze aufgestellt, die die Namen und das Geburtsdatum aller derzeitigen Bundestags- bzw. Bundesratsmitglieder tragen. Die Kreuze sind zudem in der Sitzordnung des Bundestages angeordnet.

Im Projekt "Gewissensruhe" wurde zu Ehren der allzu großen Bemühungen des Deutschen Bundestages einen möglichen Supergau zu verhindern, für den Fall des Scheiterns in Klein Gusborn bei Gorleben bereits jetzt ein Ehrenfriedhof für Bundestagsabgeordnete errichtet, um so im gegebenem Fall den Abgeordneten eine würdevolle Ruhestätte bieten zu können. Es wurde ein Denkmal für die eventuelle Zukunft geschaffen, das fortan als Mahnmal dienen soll.

Über die Auktion auf dieser Internetseite ist es möglich symbolisch Patenschaften für das Grab eines Lieblingspolitikers zu übernehmen.

September

"Kreuzweg" von Lüneburg nach Gorleben

30.09.2001

Ein achttägiger "Kreuzweg für die Schöpfung" mit einem 6 Meter langen Kreuz beginnt am 30. September im Lüneburger Clamartpark und führt bis zu den Atomanlagen Gorleben. Zur Eröffnung überreicht die Mitgründerin und ehemalige Vorsitzende der BI Umweltschutz, Marianne Fritzen, den TeilnehmerInnen eine Franziskusstandarte, die bereits 1988 den 2. Kreuzweg von Wackersdorf nach Gorleben begleitet.

Ein neues Kreuz soll im Wald nahe beim Erkundungsbergwerk Gorleben aufgerichtet werden, nachdem das 1985 von Krümmel nach Gorleben getragene Kreuz verwittert ist. Es geht uns aber nicht allein um das Ersetzen eines morschen Holzes, sondern darum, bei einem Fußmarsch entlang der Castorstrecke von Lüneburg nach Gorleben den Protest für unsere Grundrechte und für Gottes Schöpfung zum Ausdruck zu bringen. Dabei wollen wir auch der Ereignisse beim letzten Castor-Transport im März 2001 gedenken und Stätten der Erinnerung aufsuchen, wie z.b. Wendisch-Evern (Ort der X1000mal quer Blockade), Süschendorf (Robin-Wood-Aktion), Seerau (Greenpeace-Brückenbesetzung), Govelin (Räumung des Camps) und Kirchengemeinden, die während des Transportes für Demonstranten geöffnet waren.

Oktober

20.10.2001

Auf einer Tagung am 20. Oktober in Wolfenbüttel erklären die Betreiber des Atommülllagers Asse-II, daß das Endlager "in absehbarer Zeit voll Salzlauge laufen werde, sich Teile des Salzstocks auflösen und der Austritt von Radionukliden in die Biosphäre nicht mehr ausgeschlossen werden könne".


Brandanschlag auf Brücke in Seerau

24.10.2001

Auf die Eisenbahnbrücke bei Seerau / Hitzacker wird in der Nacht zum Mittwoch (24. Oktober) ein Brandanschlag verübt. Zwei landwirtschaftliche Anhänger mit Stroh und Gummireifen und einem Fass mit rund 200 Litern Diesel als Brandbeschleuniger wurden unter die Eisenbahnbrücke gefahren und angezündet. Beamte des BGS entdeckten gegen 21 Uhr das Feuer. In der Nähe der Brandstelle stellten Beamte einen Traktor sicher, der nach Polizeiangaben vor einigen Tagen von seinem Besitzer als gestohlen gemeldet wurde.

Nach ersten Untersuchungen von Sachverständigen erklärte die Deutsche Bahn AG am Mittwoch, die Strecke bleibe vorerst gesperrt. Etwa 20 Bahnschwellen und 15 Meter Schienen auf einer Brücke bei Hitzacker müssten ausgetauscht werden. Ob Beschädigungen an der Stahlkonstruktion die Statik der Brücke insgesamt gefährdeten, müsse eine gesonderte Untersuchung erst klären.


Widersetzen

25.10.2001

Unter dem Motto "WiderSetzen" wird eine große Bürgerinnen- und Bürgerblockade gegen den in drei Wochen erwarteten Castor-Transport nach Gorleben angekündigt. Ziel der Blockade ist es, möglichst viele, auch ganz "normale" BürgerInnen,in das Aktionskonzept einzubinden. Die Straßentransportstrecke bei Dannenberg soll möglichst dauerhaft besetzt werden. Die Idee zur großen "Bürgerinnen- und Bürgerblockade" sei wesentlich inspiriert worden durch die Aussage von Hans Reime, dem Gesamteinsatzleiter der Polizei, bei den Castor-Transporten: "Wenn Tausende von wendländischen Bürgern die Straße blockieren, dann haben wir ein Problem."

"Wir glauben, daß der Sonntag ein guter Zeitpunkt ist, weil wir an diesem Tag mit vielen Menschen gemeinsam auf die Castor-Strecke gelangen können", meint Jochen Stay von der Kampagen X-tausendmal quer, "natürlich werden nicht alle dann die ganze Zeit dabeibleiben können, aber wenn wir erstmal sitzen, sind wir nicht mehr so leicht dort wegzubringen."


Das sogenannte "Streckenkonzept" der Anti-Atom-Initiativen beinhaltet einerseits große Demonstrationen und Kundgebungen, andererseits Aktionen direkt an der Transportroute. Insgesamt soll das Aktionsfeld im Vergleich zum Castor-Transport im März ausgeweitet werden: Auch auf den Hauptstrecken der Bahn sind Blockaden geplant, heisst es am 25. Oktober.

Dezember

Bundestag beschließt Atomausstieg

14.12.2001

Der Bundestag beschließt am 14. Dezember mit den Stimmen der rot-grünen Koalition das "Gesetz zur geordneten Beendigung der Kernenergie". Aufgrund der nunmehr gesetzlich verankerten Restlaufzeiten für die deutschen Reaktoren wird das erste Atomkraftwerk voraussichtlich 2003 und das letzte 2021 vom Netz gehen.

Rot-Grün hat nicht den Ausstieg aus der Atomkraftnutzung beschlossen, "sondern ihre Bestandssicherung für eine relativ lange Frist - die zudem durch eine einfache Gesetzesänderung jederzeit verlängert werden kann. Darüber hinaus hilft der neue Rechtsanspruch auf standortnahe und unbefristete Zwischenlager der Nuklearindustrie aus einem sonst unvermeidlichen Entsorgungsnotstand." (tageszeitung, 14.12.)

Februar

25 Jahre Standortbenennung und Widerstand

22.02.2002

Ein Vierteljahrhundert Widerstand gegen die atomare Bedrohung und den Ausbau Gorlebens als "nukleares Entsorgungszentrum": Grund zum Feiern -oder ist eher ein stilles, besinnliches Gedenken angemessen?

"Das Gesicht Lüchow-Dannenbergs hat sich gewandelt nach der Standortwahl. Sie hat Spuren hinterlassen in Politik, Kultur und Gesellschaft. Seit 25 Jahren polarisieren die Gorleben-Anlagen wie kein anderes Thema zwischen Elbe und Swinmark - ein Konflikt bisher ohne Ende", schreibt die Elbe-Jeetzel-Zeitung.


Mit einem Veranstaltungswochenende begeht der Widerstand dieses Jubiläum. Unter dem Motto "Die Seele brennt noch immer" findet am Freitag am Erkundungsbergwerk Gorleben eine Aktion der Bäuerlichen Notgemeinschaft statt, um 20 Uhr werden Mahnfeuer entzündet.

Am Samstag nachmittag diskutieren ab 16 Uhr die Geologen Jürgen Kreusch, Prof. Klaus Duphorn und der Anwalt Nikolaus Piontek im Café Grenzbereiche in Platenlaase. "Endlagersuche - quo vadis?", fragt BI-Sprecher Wolfgang Ehmke als Moderator.

Am Samstag wird im Gasthof Lühr, Breselenz gefeiert: "25 Jahre und (k)ein bißchen leiser?". Im Feuerwehrhaus gibt es eine Ausstellung, im Gasthaus eine Tombola, Samba und Disco. Eckart Spoo, ehemaligen Korrespondenten der Frankfurter Rundschau (FR) und heutiger Herausgebers des Politmagazins Ossietzky, hält eine Festrede:

"Ich freue mich, daß ich den bisherigen 25jährigen Weg des Widerstands in Lüchow-Dannenberg auf manchen Strecken begleiten konnte. Unter diesen klugen, selbstbewußten, fantasievollen Menschen habe ich mich immer wohlgefühlt. Und ich bin dankbar, daß ich heute Abend mitfeiern darf", so Eckart Spoo am 23. Februar in Breselenz.


Am Sonntag (24. Februar) findet in den Trebeler Bauernstuben  ein "Frühstück mit Zukunftsvisionen" statt: Ist das Thema Atomausstieg out, abgehakt? Ist die Luft beim Widerstand raus? Unter der Regie von Heinz Laing (Greenpeace) kommen der erste Vorsitzende der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, Lothar Hahn, der Berliner Energieexperte Dr. Lutz Metz, die Journalisten Jürgen Voges (tageszeitung) und Thomas Maron (FR) zu Wort.

Mai

Urteil im Süschendorf-Prozess

22.05.2002

Am 22. Mai wird vor dem Amtsgericht Lüneburg das Urteil im Prozess gegen vier der fünf AktivistInnen von Süschendorf gesprochen: Die Staatsanwaltschaft fordert Haftstrafen von sechs und neun Monaten auf Bewährung, die Verteidigung plädiert auf Freispruch. Das Gericht lässt den Vorwurf der Nötigung fallen, verurteilt jedoch wegen § 316b Strafgesetzbuch: Störung öffentlicher Betriebe. Das Urteil lautet auf jeweils 35 Tagessätze zu 15 Euro, also 525 Euro Geldstrafe für die vier Angeklagten.

Im Laufe der nun seit 5 Wochen andauernden Hauptverhandlung hat eine intensive Auseinandersetzung über juristische Feinheiten stattgefunden, darüber, ob die uns vorgeworfenen Straftatbestände erfüllt waren oder nicht.Unser zentrales Anliegen, dem wir uns am ersten Verhandlungstag in unseren Prozesserklärungen gewidmet haben, ist dabei zunehmend in den Hintergrund geraten. Nämlich hervorzuheben, dass die Nutzung der Atomenergie weltweit mit unkalkulierbaren Risiken, Vernichtung von Lebensgrundlagen, grenzenlosem Unrecht und unbeschreiblichem Elend verbunden ist. (...) (Gemeinsame Abschlusserklärung der Angeklagten im "Beton-Prozess")

Damit ist der Richter zwar nicht den Forderungen aus der Politik nach möglichst harten Strafen gefolgt, hat aber andererseits auch nicht den Mut besessen, einen nach dem Prozessverlauf möglichen Freispruch zu verkünden, kommentiert Robin Wood.


Beide Seiten gehen in Berufung, der Prozess muss vor dem Landgericht Lüneburg erneut aufgerollt werden.

Oktober

18.10.2002

Am 18./19. Oktober stellt der Arbeitskreis Endlager (AK End) erste Arbeitsergebnisse für seinen Abschlussbericht vor:

Bis zum Jahr 2010 soll demnach Klarheit über die Standorte bestehen, die alternativ zu Gorleben als nukleares Endlager erkundet werden sollen. Eine Vorentscheidung müsse allerdings ab 2004 fallen. Damit bis 2010 keine vollendeten Tatsachen geschaffen würden, müsste bis zu jenem Jahr das Moratorium in Gorleben aufrechterhalten werden, und die Gerichtsverfahren gegen das zweite nukleare Endlager, den Schacht Konrad bei Salzgitter für schwach- und mittelaktive Abfälle müssten sich ebenfalls noch acht Jahre hinziehen, lässt sich aus dem Bericht folgern.

Es werden zudem "rechtlich gesicherte Formen von Bürgerbeteiligung" empfohlen. Die genaue Festlegung der potenziellen Endlagerstandorte innerhalb der Standortregionen solle "in einem Abwägungsprozess" geschehen und vor allem "die Minimierung von etwaigen Konflikten zum Ziel" haben.

Es wird ein einziges Endlager für alle Atommüll-Arten favorisiert, Atommüllexporte hingegen werden kategorisch ausgeschlossen. Neu an dem Endlagerkonzept ist, dass mehrheitlich von einer Isolierzeit von einer Million Jahren ausgegangen wird. (EJZ)

"Die Arbeit des AK End war für die Katz", kommentiert die Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) Lüchow-Dannenberg. In den Koalitionsvereinbarungen zwischen SPD und Grünen werde die weitere Endlagersuche unter finanziellen Vorbehalt gestellt. Angesichts leerer Kassen öffentlicher Haushalte sei die weitere Endlagersuche davon abhängig, ob die Stromkonzerne diese finanzieren. Das ist "ein schlechter Witz", so die BI.

"Es ist auch ein Affront gegenüber allen, die mit Rot-Grün die Hoffnung verbunden haben, dass die Endlagersuche endlich ergebnisoffen und transparent gehändelt wird, denn mit der Koalitionsvereinbarung wird klar, dass an Gorleben alles kleben bleibt. In der Öffentlichkeit hingegen soll aber der Eindruck erweckt werden, dass die Endlagersuche neu gestartet wurde", so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke.

September

Salzstock besetzt

03.09.2003

Am 3. September protestieren 13 Atomkraftgegner:innen als Teilnehmer:innen einer Besichtigungsfahrt unter Tage im Salzstock Gorleben für ein Ende des Endlagerprojekts. Gegen Mittag erklären sie in 840 Metern Tiefe, dass der Schacht "besetzt" sei. Ihre Forderung: Bundesumweltminister Trittin oder Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), sollen kommen und erklären, dass Gorleben als Endlager nicht in Frage kommt. Vor dem Erkundungsbergwerk stehen am Nachmittag rund 100 Gorleben-Gegner:innen. Das Medieninteresse ist enorm.

Vier der Gorleben-Gegner:innen verlassen gegen 20 Uhr den Salzstock freiwillig, die neun verbleibenen setzten sich danach in einer Tiefe von 840 Metern in Bewegung - auf der Suche nach Wasser. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) als Hausherr will das aus Sicherheitsgründen nicht mehr tolerieren und lässt rund 20 Polizist:innen in den Salzstock einfahren und die Aktion beenden.

"Wenn wir nicht selbst gehen würden, werde es eben weh tun", habe die Polizei angekündigt, sagt Jochen Stay, der ebenfalls im Salzstock war. Vier der Besetzer wurden daraufhin weggetragen; die fünf restlichen gingen selbstständig.

"Wir waren darauf eingestellt, länger zu bleiben und haben einen weiteren Aufenthalt rein spontan von Stunde zu Stunde entschieden", so Dieter Metk, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz (BI).


Trash People - "Stille Tage in Gorleben"

24.09.2004

Vom 24. September bis zum 2. Oktober stellt der Künstler HA Schult 800 "Trash People", Figuren aus Müll, in der Ortschaft Gedelitz oberirdisch auf, weitere 200 Müllmenschen befinden sich unterirdisch im Salzstock Gorleben. Sie sollen "den Finger auf die Wunde im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit" legen, so der Künstler. Mit dieser Aktion werde deutlich, dass sich kein anderer "Müll" im sogenannten "Endlager" befindet und die Castor-Behälter oberirdisch zwischengelagert werden.

"Eine internationale Kunstaktion kommt jetzt ins Wendland. Die "Trash People" des HA Schult - zuvor schon in Gizeh, auf der Chinesischen Mauer, vor dem Matterhorn und auf dem Roten Platz - fahren nun ins Endlager-Bergwerk ein.

Schweigend, in Reih und Glied, doppelgesichtig und geschlechtsneutral stehen Müllgestalten in Menschenform still im heraufziehenden Morgen. Erste Sonnenstrahlen brechen sich funkelnd auf den Metallteilen der Hundertschaften, geformt aus Abfall. Weit sind sie gereist, um nun hier zu stehen, in Gorleben. Die Armee des HA Schult, kampfunfähig aber nicht unbedeutend, erstarrte Geschichte menschlichen Schaffens - wartend auf die, die kommen werden, sie zu sehen." (Zero)


Lüchow-Dannenbergs BI und auch die Bäuerliche Notgemeinschaft freuen sich, dass HA Schult durch seine spezielle Installation die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu einem brisanten Thema wecke. "Endlich einmal ein willkommener Ausnahmezustand in Gorleben", werten beide Protest-Initiativen. Kaum ein Ort eigne sich mehr dafür, die Unberrschbarkeit der Atommüll-Problematik aufzuzeigen.

Aktionskünstler Schult will sich nicht instrumentalisieren lassen und macht deutlich: "Das ist meine Aktion." Er gestaltet sie zusammen mit Helfern, sie sei jedoch keine Demonstration gegen das Endlager und keine Propaganda für die Atomindustrie. Und auch auf deren PR-Interessen nehme er keine Rücksicht.

Frank-Holger Koch, Betriebsleiter der DBE in Gorleben, begrüßt, dass sich die Fronten zwischen Bergleuten und Widerstand "ein bisschen entschärft haben". Man rede miteinander, das sei eine gute Sache. So vielen Atomgegnern wie in jener Woche habe er noch nie den Salzstock gezeigt. Durch die Kunst haben sich viele ein Bild machen können und "diskutieren jetzt anders als vorher". Die Nervosität, dass der Aufbau der 200 Trash People im Bergwerk zu einer Protest- oder gar Sabotageaktion genutzt werden könnte, sei nach und nach durch den "guten Umgang" miteinander bei der Arbeit gewichen.

November

Trittin: Gorleben ist ein "Schwarzbau"

03.11.2004

Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) verteidigt am 3. November den Begriff "Schwarzbau", den er im Zusammenhang mit dem Erkundungsbergwerk für ein Atomendlager in Gorleben gebraucht hatte. Dort sei nämlich nicht nur erkundet, sondern mit Wissen und Zustimmung der Betreiber ein Endlager ausgebaut worden, so Trittin. Keine Verwunderung sollte deshalb auslösen, dass in einer parlamentarischem Debatte der Begriff "Schwarzbau" verwendet werde, "wenn etwas anderes gebaut wurde als verlautbart".


Schwerer Unfall in Frankreich

07.11.2004, 15:21 Uhr

Am Nachmittag nimmt das Geschehen um den siebten Castor-Transport nach Gorleben eine dramatische Wendung. Bei einem schweren Unfall in Frankreich wird ein junger Aktivist von dem Zug erfasst und stirbt an den Folgen seiner schweren Verletzungen.

In einer ersten Meldung heisst es: "+++ Castorzug steht wieder +++ Seit 15:10 Uhr steht der Transport erneut bei Avricourt/Frankreich aufgrund einer Ankettaktion" (Tag-X-Ticker, 15:21 Uhr)

15:54 Uhr: Wie aus Frankreich berichtet wurde, wurde bei der Aktion bei Avricourt ein Aktivist schwer verletzt. Nähere Informationen gibt es derzeit noch nicht. (presse-sw)

"Nancy (dpa) - Trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen ist es am Sonntag beim Atommülltransport aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Deutschland zu einem schweren Unfall gekommen. Bei Avricourt in Lothringen überfuhr der Atomzug mit den zwölf Castor-Behältern einen Demonstranten, der sich an die Gleise gekettet hatte. Dem 23-Jährigen seien beide Beine abgefahren worden, teilte die Feuerwehr in Nancy mit. Man bemühe sich um seine Wiederbelebung." (dpa)

"Der Mann aus dem nahe gelegenen La Meuse hat nach Angaben der französischen Bahngesellschaft SNCF gemeinsam mit anderen Demonstranten auf den Gleisen bei Igney-Avricourt gesessen. Der Führer der ersten Lokomotive habe die kleine Gruppe Demonstranten zu spät gesehen und die Notbremse gezogen. Die meisten der Demonstranten seien aufgestanden, einer blieb jedoch auf den Gleisen und wurde vom Zug überrollt. Das Unglück habe sich in einer Kurve ereignet." (spiegel.de, 07.11.2004 15:53 Uhr)

Mai

25 Jahre "Republik Freies Wendland" & Kulturelle Landpartie

03.05.2005

Am 3. Mai 1980, vor 25 Jahren, entstand die „Republik Freies Wendland“ nach Besetzung des Tiefbohrplatzes 1004. Innerhalb weniger Tage entsteht auf einem trostlosen, weil zuvor abgebrannten Waldstück ein Dorf aus über 100 Hütten...

Am 4. Mai startet die 16. "Kulturelle Landpartie". 97 Ausstellungspunkte verteilen sich auf 79 Dörfer, 500 Künstlerinnen und Künstler aus der Region und dem Rest der Republik wirken mit. Vom Reisebegleiter sind diesmal 16000 Exemplare gedruckt worden.

Zwischen dem 5. und dem 16. Mai wird im Gasthaus Wiese in Gedelitz eine Fotoausstellung "Lasst 1004 Türme blühen“ mit Fotos von Hinrich Schulze Prüfungsarbeit zum Hüttendorf von 1985, gezeigt.

Im Evangelischen Forum in Gartow wird der Film "Der Traum von einer Sache" gezeigt, Gespräche mit Zeitzeugen werden geführt.

Unter dem Motto "ohne Mampf kein Kampf" lädt die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow Dannenberg (BI) am 7. Mai Gäste der Kulturellen Landpartie zu einem "Widerstandsfrühstück" im Gasthof in Meuchefitz ein. In einem gemütlichen Rahmen werden Fragen gestellt, "und sich über Rezepte und Argumente des Widerstands auszutauschen".

Juni

Trittin legt Gesetzesentwurf für Endlagersuche vor

23.06.2005

Am 23. Juni präsentiert Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) einen Gesetzentwurf für ein Atommüll-Endlager und spricht von einer "weißen Deutschlandkarte", auf der die Suche neu beginnen solle. In dem Gesetzesentwurf des "Verbands- und Standortauswahlgesetz (VStG)" werden die Kriterien für das Suchverfahren und den Standort festgelegt.

Drei Säulen tragen nach Ansicht seiner Verfasser den Entwurf zu einem Endlager-Suchgesetz: der Vorrang für Sicherheit, das Verursacherprinzip und das Ziel eines transparenten und fairen Verfahrens. Es lassen sich aber auch drei handfestere Neuerungen ausmachen: die Privatisierung der Endlager-Suche und deren Finanzierung, die gesetzliche Vorgabe von Verfahrensschritten und Prüfungskriterien, außerdem die Aufnahme einer Enteignungsregelung in das Atomgesetz.

Wenn eine geologische Formation auf andere Art und Weise nicht oder nicht ausreichend geprüft werden könnte, dann wäre eine Enteignung gerechtfertigt.
Bis zum Jahr 2030 wird ein einziges Endlager für alle Arten von radioaktiven Abfällen errichtet.

Die Kosten für die Erkundung und den späteren Betrieb will Trittin den Atom-Konzernen aufbürden. "Wer radioaktive Abfälle erzeugt, muss auch ihre sichere Entsorgung bezahlen", beschreibt das Umweltministerium das "Verursacherprinzip".
Für Suche, Bau und Betrieb soll ein "Endlagerverband" gegründet werden, in dem die AKW-Betreiber Zwangsmitglieder werden müssen.

Der Entwurf sieht gemäß den Vorschlägen des AkEnd fünf Schritte bis zu einem Endlager für radioaktive Abfälle. In mehreren genau definierten Etappen sollen ungeeignete Standorte ausgeschlossen, geeignete ausgesiebt werden. Wissenschaftlich-technische Kriterien reichten dabei nicht aus, gesellschaftspolitische müssten hinzukommen.

Eine Verordnung, die das Gesetz begleiten würde, legt die Kriterien fest, unter denen die geologischen Formationen bewertet werden. Sie reichen von Ausschlusskriterien für völlig ungeeignete Standorte bis zu Kriterien für besondere Eignung.

Die Kosten für die Suche beziffert das Bundesumweltministerium auf 500 bis 700 Millionen Euro.

Über den endgültigen Standort soll dann der Bundestag per Gesetz entscheiden.
Der Salzstock Gorleben werde "höchstens in eine vergleichende Suche eingeschlossen - nur zusammen mit anderen Konkurrenten".

Am Ende der Untersuchung stünde die Entscheidung für einen Standort, der ebenfalls in einem Gesetz festgelegt würde. Ziel sei es, den "bestmöglichen Standort" zu finden.

"Der Entwurf des Endlager-Suchgesetzes ist die bündnisgrüne Antwort auf diesen Pro-Atomkurs", so Bundestagsabgeordnete Marianne Tritz (Bündnisgrüne). Würde der Entwurf Gesetz werden, würde damit die vor fast 30 Jahren getroffene Vorentscheidung für Gorleben revidiert. Der Salzstock Gorleben würde einem Vergleich mit anderen Standorten unterzogen.

Es darf keine Vorfestlegung auf Gorleben als Atomendlager geben. Es muss nach dem Prinzip der "weißen Deutschlandkarte" nach dem bestmöglichen Standort gesucht werden, so die SPD/Bundestagsabgeordnete Hedi Wegener. "Das Ziel ist, einen Endlager-Standort nicht gegen den Willen der Betroffenen, sondern mit ihnen zu finden."

Der Entwurf sei nicht mehr als eine „Luftnummer", so Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP). Man habe schließlich den Schacht Konrad bei Salzgitter, der vor drei Jahren als Endlager für schwach strahlenden Atommüll genehmigt worden sei. Und in Gorleben könne man auf 30 Jahre Erfahrung bei der Erkundung zurückgreifen.

September

BMU verabschiedet sich von Mehrbarrierensystem


Anfang September

Für eine Überraschung sorgt Anfang September eine Antwort des Bundesumweltministeriums (BMU) auf Fragen der GLW und der Bündnisgrünen im Zusammenhang mit der Veränderungssperre für den Salzstock Gorleben. In der Erklärung des BMU vom 7. Juli, die erst jetzt an die Öffentlichkeit kam, ist nicht mehr von einer "Barrierefunktion des dichten Deckgebirges" die Rede. Dort heisst es, "die bisherigen Erkenntnisse über ein dichtes Gebirge und damit die Barrierenfunktion des Salzes wurden positiv bestätigt". (...) "Die bisherigen Erkundungsarbeiten des Salzstockes weisen große ungestörte Salzpartien aus, welche die geforderte Barrierefunktion übernehmen könnten. Das Deckgebirge weist in der Tat eine geringe Barrierenwirkung aus." Generell stellt das BMU fest: "Es gibt bisher keine Erkenntnisse, die Salz als Wirtsgestein für die Endlagerung radioaktiver Abfälle ungeeignet erscheinen lassen. Dieser Einschätzung liegen vorlaufende Untersuchungen von mehr als 30 Jahren sowohl in Gorleben, der Asse als auch im USA-Endlager WIPP (Waste Isolation Pilot Plant) zugrunde."

Das BMU habe sich - was bisher immer verschleiert worden sei - vom geologisches Mehrbarrierensystem verabschiedet und dieses Kriterium für Gorleben fallengelassen, so Udo Jentzsch (GLW), Vorsitzender des Kreisatomausschusses.

Das Ministerium bestätigt die Ergebnisse von Bohrkernuntersuchungen aus dem Jahre 1983, die bereits auf dem Endlagerhearing Niedersachsens von 2003 bei allen Wissenschaftlern unstrittig waren: Die Struktur des Deckgebirges kann keine Barrierefunktion erfüllen, erinnert die BI.  "Die sinnlose Geldverschwendung namens "Erkundung" des Salzstocks Gorleben, die bisher bereits 1,5 Milliarden Euro verschlungen hat, muss sofort und endgültig abgebrochen werden", fordert ein Sprecher der BI Umweltschutz Lüchow- Dannenberg. Seit Jahrzehnten ist wissenschaftlich belegt, dass Gorleben nicht geeignet ist, das hochstrahlende Erbe vor Mensch und Umwelt abzuschotten. "Wir werden es nicht hinnehmen, dass der brisante Strahlenmüll nach dem Motto "aus den Augen - aus dem Sinn" einfach im Salz verscharrt werden soll."


Zwischenlager blockiert

10.09.2005

"Seit heute Vormittag haben Anti-Atom-Aktivist:innen das Gelände des atomaren Zwischenlagers im niedersächsischen Gorleben besetzt. Ein Ende der Aktion ist nicht absehrbar", heisst es in einer Mitteilung der "Republik Freies Wendland".

Etwa 300 Atomkraftgegner:innen blockieren am 10. September den Haupteingang des Atommüll-Zwischenlagers in Gorleben. Die Polizei erwartet die Aktivist:innen schon: "Die müssen gewusst haben, was wir vorhaben", so X-tausendmal-quer Sprecher Jochen Stay. Das eigentliche Ziel das Zwischenlager zu besetzen, erreichen die Demonstranten nicht. Mitgebrachte Leitern stellt die Polizei innerhalb weniger Minuten sicher. Rund 50 Aktivist:innen gelingt es dennoch, bis zum Tor des Zwischenlagergeländes vorzudringen und sich dort zu einer Sitzblockade niederzulassen. Vier Aktivist:innen der Umweltschutzorganisation Robin Wood klettern im Eingangsbereich auf Laternenmasten vor und hinter dem Zwischenlagertor. Gegen 15.00 Uhr wird die Aktion friedlich beendet.


Woltersdorf: Brandanschlag auf Polizei-Container

29.09.2005

Am 29. September gehen fünf leerstehende Container-Blöcke nahe Woltersdorf auf dem Gelände "Üfest" (Übersee-Funk-Empfangs-Station) in Flammen auf. Nach Angaben der Behörden handelt es sich zweifelsfrei um einen Anschlag. "Wir gehen von Brandstiftung aus, weil das Feuer in fünf getrennt stehenden Komplexen ausbrach", so Polizeisprecher Torsten Oestmann. Der Brand wurde kurz vor sieben Uhr morgens entdeckt. Noch fünf Stunden später hatten die 200 Feuerwehrleute nicht alle Brände gelöscht.

Durch die Brandstiftung entsteht ein Schaden von rund drei Millionen Euro, so die Polizei. Es seien alle Container, die für die Unterbringung von ca. 1.000 Polizisten für den kommenden Castortransport vorgesehen waren, nicht mehr bewohnbar. Sollte es sich bei den Tätern um Castor-Gegner handeln, dann hätte dieser Anschlag "eine neue Qualität", heißt es aus dem Niedersächsischen Innenministerium (NMI). Das wäre dann nämlich im Castor-Konflikt der erste Brandanschlag auf eine Polizeianlage, so NMI-Sprecher Michael Knaps.

November

6.000 bei Auftaktdemo in Gorleben

11.11.2006, 15:00 Uhr

FotosFilm
Über 6.000 Menschen - und damit deutlich mehr als erwartet - protestieren am 11. November in Gorleben gegen den erwarteten Atommülltransport aus Frankreich. Ein kilometerlanger Demozug, unterstützt vom ca. 200 Treckern, führt die Teilnehmer von Gorleben zu den Atomanlagen, wo eine Kundgebung stattfindet. Dort sprechen Ursula Schönberger von der AG Schacht Konrad zur Entsorgungsmisere, der Schweizer Bio-Landwirt Martin Ott, unter dessen Grund in Benken ein Endlager gebuddelt werden soll, der neue Landrat Jürgen Schulz überbringt ein "anti-atomares Grußwort". Am Ende kommt es zu kleineren Feuern vor dem Zwischenlager, der Versuch sie zu löschen führt zu Rangeleien mit der Polizei.

Februar

24.02.2007

Mit einem ausführlichen und bunten Programm feiern Atomkraftgegner:innen am 24. und 25. Februar 30 Jahre Widerstand gegen die Gorlebener Atomanlagen. Mit einer großen Torte aus Beton, gespickt mit Feuerwerksraketen in der Einfahrt zum oberirdischen Gorlebener Zwischenlager beginnt am 24. Februar die Feier zum Widerstands-Jubiläum.

September

"Gorleben brennt uns unter den Nägeln"

01.09.2007

FotosFilm
"Gorleben brennt uns unter den Nägeln" ist das Motto eines Protestwochenendes mit einer Demonstration am 1. September von Gedelitz zu den Atomanlagen. 1.200 Menschen nehmen teil und feiern u.a. eine "Stromwechselparty". Beim "Generation Move" wird ein Staffelstab von Marianne Fritzen (83 Jahre) an Bettina Drengemannn (16 Jahre) übergeben.

"Die einen kommen ohne mindestens einen Gehstock oder auch den Rollator nicht mehr voran, die anderen sind froh, dass sie endlich offiziell Trecker fahren dürfen. Bürgerinitiativ-Gründerin Marianne Fritzen gehört dieser auf Gehhilfen angewiesenen Großeltern-Generation des Gorleben-Widerstandes an, Bettina Drengemann aus Klein Gaddau der Enkel-Generation, die erstmals am Steuer von Opas Trecker in Richtung Gorleben fuhr. Gemeinsam trugen die 83-Jährige und die 16-Jährige am Sonnabend einen langen Staffelstab vom Zwischenlager in Richtung Salinas-Gelände: Symbol dafür, dass auch nach 30 Jahren dem wendländischen Widerstand gegen Atomanlagen der Atem und der Nachwuchs nicht ausgeht." (EJZ)

"Hört endlich auf, Atommüll zu produzieren, ihr könnt mit dem vorhandenen schon nicht umgehen", adressiert Kerstin Rudek, Vorsitzende der BI, den Protest an die Atomindustrie.

November

11.11.2007

Zur Feier ihres über 20-jährigen Bestehens gibt die "Initiative 60" am 11. November einen kabarettistischen Rückblick im Café Grenzbereiche in Platenlaase. Man erhebt das Glas - auch auf den ehemaligen Ministerpräsidenten Albrecht, denn "ohne ihn hätte ich euch nie kennengelernt", wie Gisela Cremer feststellt.

Dezember

Kinderkrebsstudie (KIKK)

10.12.2007

Am 10. Dezember legt das Deutsche Kinderkrebsregister eine im Auftrag des Bundesamt für Strahlenschutz erarbeitet Studie "Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken" (KiKK-Studie) vor. In der Fall-Kontrollstudie wurde bei unter 5jährigen und in den Jahren 1980-2003 an Krebs erkrankten Kindern untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Abstand der Wohnung zum nächstgelegenen Atomkraftwerk und dem Risiko zur Krebserkrankung gibt. Das Deutsche Kinderkrebsregister sieht zwar einen Zusammenhang zwischen der Nähe der Wohnung zum nächstgelegenen Atomkraftwerk, die von AKW ausgehende Strahlung sei aber so gering, dass sie nicht als Ursache angesehen werden könne.

Das BfS und ein von ihm beauftragtes Expertengremium schließen aber auch nicht aus, dass nukleare Strahlen zu den erhöhten Erkrankungen von Kleinkindern beigetragen haben. Kritiker*innen sehen sich bestätigt: Kleinkinder, die im Umkreis von 5 km von AKWs leben, haben ein erhöhtes Leukämie-Risiko.

Juni

Endlager Asse-2 säuft ab


Anfang Juni

Im Juni wird bekannt, dass in dem als Forschungsanlage für schwach- und mittelradioaktiven Müll deklarierten Endlager Asse II täglich 12 Kubikmeter Wasser eindringt. In dem maroden Lager haben sich große Mengen radioaktiv verseuchte Lauge angesammelt, die seit Jahren ohne Genehmigung in benachbarte Hohlräume gepumpt werden. Außerdem liegen in der Asse - verteilt auf 126.000 Atommüllfässer - mindestens 29 Kilo hochgiftiges Plutonium: drei Mal mehr, als der langjährige Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München, ursprünglich angegeben hatte. Niemand weiß, was damit geschehen soll. Nur scheibchenweise kommt das ganze Ausmaß des Desasters ans Licht. Und es sind dieselben politischen Entscheidungsträger und Gutachter, die sowohl für den Asse-Skandal als auch für den Standort Gorleben verantwortlich sind.

August

Endlager: Sicherheit für 1 Millionen Jahre

12.08.2008

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) veröffentlicht am 12. August einen Entwurf für strengere Sicherheitsanforderungen an die Endlagerung von hochradioaktiven Abfällen. Demnach solle der zuverlässige Einschluß der radioaktiven Abfälle für eine Million Jahre sichergestellt sein, die Abfallbehälter so stabil sein, daß die Abfälle für mindestens 500 Jahre darin verbleiben können. Eine Rückholung der Abfälle aus dem stillgelegten und verschlossenen Endlager durch künftige Generationen dürfe "nicht unnötig erschwert werden". Die geltenden Sicherheitskriterien von 1983 entsprächen nicht mehr dem heutigen Stand von Wissenschaft und Technik.

Januar

Anfang Januar

Die erste Ausgabe der Gorleben Rundschau, das Mitteilungsblatt der BI Lüchow-Dannenberg, erscheint.

Februar

52km Lichterkette - "Licht ins Dunkel bringen"

26.02.2009

In Salzgitter demonstrieren am 26. Februar auf der 52 Kilometer langen Strecke zwischen Asse II und Schacht Konrad 15.000 Atomkraftgegner*innen gegen die Atomlobby und ihre misslungenen Pläne: Es gibt Laugenzuflüsse und eine Kammer mit mittelradioaktivem Müll ist akut einsturzgefährdet.

"Die Ereignisse im vom Absaufen bedrohten Salzbergwerk Asse II haben viele Menschen wachgerüttelt, so darf mit Atommüll nicht umgegangen werden - weder in der Asse, noch in Morsleben, Gorleben oder Schacht KONRAD!"

Mai

"Erkundungslüge ist aufgeflogen!"

27.05.2009

Am 27. Mai berichten Medien über ein internes Schriftstück des BfS, das belegt, dass die "Erkundung" des Gorlebener Salzstocks bereits seit Mitte der 80er Jahre dazu diente, dort illegal den Ausbau zum Endlager voranzutreiben – ohne eine Aussage über die Eignung und ohne atomrechtliches Planfeststellungsverfahren. In dem Schriftstück heißt es wörtlich:

"In Gorleben lagen die bisherigen Erkundungskosten außerordentlich hoch, was jedoch darin begründet liegt, daß hier parallel zur Erkundung bereits der Ausbau zum Endlager begonnen wurde."


"Die Erkundungslüge ist aufgeflogen", kommentiert die Bürgerinitiative Umweltschutz. "Endlich kommt ans Licht, dass nach Abschluss der Tiefbohrungen Mitte der 80er Jahre der Bau des Endlagers begonnen wurde, und zwar unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Errichtung eines Endlagers ohne Eignungsaussage und ohne Planfeststellungsbeschluss ist rechtswidrig. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel steht unter Erklärungs- und Handlungsdruck. Gorleben ist in jeder Hinsicht verbrannt."


"Es ist Fünf vor zwölf!"

29.05.2009

1.000 Menschen kommen am 29. Mai mit Hacken, Schaufeln, Vorschlaghämmern, Radlader und 30 Treckern zum symbolischen Einebnen des Bergwerks nach Gorleben. Anlaß ist die Stellungnahme des Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), dass die hohen Kosten des "Erkundungsbergwerks" mit dem bereits vollzogenen "Ausbau zu einem Atommüll-Endlager" begründet. Der Präsident des BfS ist anwesend, alle Tore gehen auf, Salz wird zum Förderkorb gebracht, damit es zurück in den Berg kommt. Nach zwei Stunden friedlicher Inspektion wird das Bergwerksgelände wieder verlassen.

Juni

20 Jahre Gorlebener Gebet

20.06.2009

Mit einem Konzert von "Red Rooster", dem Chor der Evangelischen Studentengemeinde Oldenburg, beginnt in der Langendorfer Kirche ein Jubiläumswochenende anlässlich 20 Jahre Gorlebener Gebet. Nach dem eigentlichen Gebet am Sonntag wird die Feier am Nachmittag im Gasthaus Wiese in Gedelitz mit Beiträgen aus 20 Jahren Gorlebener Gebet und Ausblicken auf die Zukunft bei Kaffee und Kuchen fortgesetzt.

Juli

Infotour durch Deutschland

05.07.2009

Mit einem "Infobus" startet die Bürgerinitiative Umweltschutz am 5. Juli in Gorleben zu einer bis 3. August dauernden 4.000 km langen Rundtour zu atomaren Brennpunkten und befreundeten Initiativen in Deutschland, der Schweiz und Tschechien. Die "Münchhausen-Gesellschaft für Akzeptanzförderung (MgfA)" führt einen Bohrturm zur Suche nach geeigneten Endlagerstandorten mit sich.

"Irgendwann in diesem Juli, irgendein Marktplatz, irgendwo in Deutschland. Von Ferne kündet ein wummernder Diesel, dass hier gleich Großes geschehen wird. Und dann biegt er aus irgendeiner engen Gasse auf den historischen Platz ein – Stern voraus: der große Bus mit den Atomphysikern, Managern, Ingenieuren und Arbeitern, deren Aufgabe es ist, zu prüfen, ob dieser hübsche Platz nicht eignungshöffig ist. Ob hier, im Zentrum von Erfurt, München, Köln oder Münster, nicht eines der vielen notwendigen Atommüllendlager entstehen könnte. Denn in Gorleben, so sagen die aus dem Bus, da gehe es nicht, und in der Asse – na, man wisse ja!" (...) "Am Ende dieses Sommermorgens in Erfurt, München, Köln oder Münster gibt es keinen Zweifel mehr, dass ein neuer Standort für ein atomares Endlager gefunden ist. Die Atomphysiker, Manager, Ingenieure und Arbeiter feiern den Erfolg ihrer Bemühungen, der ihnen schon so häufig vergönnt war – irgendwann in diesem Juli, auf irgendeinem Marktplatz irgendwo in Deutschland."


Die Stationen:

- Sonntag, 5. Juli – Morsleben, ehemaliges Atommüllendlager
- Montag, 6. Juli – Erfurt
- Dienstag, 7. Juli – Wismut, ehemaliges Uranabbaugebiet
- Mittwoch, 8. Juli – Grafenrheinfeld, in Betrieb befindliches Atomkraftwerk
- Donnerstag, 9. Juli – Nürnberg / Erlangen
- Freitag, 10. Juli Wackersdorf / Schwandorf, geplanter Standort einer Wiederaufarbeitungsanlage
- Samstag, 11. Juli München
- Sonntag, 12. Juli Passau
- Montag, 13. Juli Temelin (Tschechien), in Betrieb befindliches Atomkraftwerk
- Dienstag, 14. Juli Linz (Österreich)
- Mittwoch, 15. Juli Ohu / Isar, in Betrieb befindliches Atomkraftwerk
- Donnerstag, 16. Juli Gundremmingen, in Betrieb befindliches Atomkraftwerk
- Freitag, 17. Juli Benken (Schweiz), geplantes Atommüllendlager
- Samstag, 18. Juli Schönau, Ökostrom-Vorzeigestadt
- Sonntag, 19. Juli Fessenheim (Frankreich), Wyhl, Weissweil, in Betrieb befindliches Atomkraftwerk, Wyhl: verhindertes AKW
- Montag, 20. Juli Emmendingen, Ludwigsburg, Aktionen in den Städten
- Dienstag, 21. Juli Neckarwestheim, Karlsruhe, in Betrieb befindliches Atomkraftwerk, Forschungszentrum, ehem. WAA
- Mittwoch, 22. Juli Biblis, Frankfurt, Rüsselsheim, in Betrieb befindliches Atomkraftwerk, Fr.-Kelsterbach: Widerstand gegen geplante Flughafenerweiterung
- Donnerstag, 23. Juli Hanau, Kahl, ehemals großer Standort der Atomindustrie: u.a. Brennelementefertigung, Plutoniumlager, heute Atommülllager; Kahl: ehem. Atomanlagen; geplatztes Kohlekraftwerk
- Freitag, 24. Juli Büchel, Atomwaffenstützpunkt
- Samstag, 25. Juli Köln, Anti-Atom-Treffen gegen Urantransporte
- Sonntag, 26. Juli Köln, Aktion beim Kölner Dom
- Montag, 27. Juli Jülich, Atom-Forschungszentrum mit Reaktoren und Atommülllager
- Dienstag, 28. Juli Ahaus, Brennelementezwischenlager
- Mittwoch, 29. Juli Münster, Aktion auf dem Markt in Münster
- Donnerstag, 30. Juli Gronau und Almelo (Niederlande), Urananreicherungsanlagen
- Samstag, 01. August Lingen, Esensham, Oldenburg, in Betrieb befindliche Atomkraftwerke (Emsland, Unterweser), Brennelementeherstellung

August

"Gorleben war nicht erste Wahl"

07.08.2009

Am 7. August enthüllt der Geologe Gerd Lüttig, der in den siebziger Jahren als Gutachter an der Suche nach einem Atommüll-Endlager beteiligt war, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ddp: Bei der Suche nach einem geeigneten Standort zur Endlagerung hoch radioaktiver Abfälle war der Salzstock in Gorleben keineswegs die erste Wahl. Lüttig zufolge waren ab 1972 etwa hundert Salzstöcke auf ihre Eignung als Endlager untersucht worden. Sie lagen allesamt in Norddeutschland. In die engere Wahl seien schließlich acht Salzstöcke gekommen, darunter auch der in Gorleben, der vor allem durch seine Größe beeindruckte. Bei der Anlegung noch strengerer Kriterien habe sich die Auswahl dann aber auf drei Salzstöcke verengt: Lichtenhorst/Ahlden bei Nienburg, Lutterloh/Fassberg bei Celle und Waten/Börger im Emsland. Gorleben sei nur noch bedingt als geeignet erschienen.

Auf die Frage, weshalb 1977 der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht mit Gorleben dennoch einen Salzstock der zweiten Kategorie auswählte, sagte Lüttig wörtlich:

"Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten. Wir wußten durch Gespräche, die wir über einen Ausschuß mit ostzonalen Kollegen führen konnten, daß Morsleben Defekte hatte. Daß der Schacht technisch nicht in Ordnung war, daß es Wasserzuflüsse gab. Wir befürchteten immer, und das hat Herrn Albrecht auf die Palme gebracht, daß Morsleben eines Tages absaufen würde und radioaktive Wässer in Richtung Helmstedt (in Niedersachsen) fließen und uns da die ganze Landschaft verderben könnten."


"A-Moll statt A-Müll"

08.08.2009

Für eine "musikalische Inspektion" steigen am 8. August ca. 60 Musiker*innen der Aktion "Lebenslaute" über den Zaun auf das Gelände des Endlagerbergwerks Gorleben. Unbemerkt von der Polizei steigen die Aktivist*innen über eine eigens für die Aktion angefertigte Holztreppe in das Gelände ein. Die Aktion war ursprünglich für Sonntag, den 9. August angekündigt gewesen. Als die Beamten und der Wachschutz eintreffen, sind Instrumente und Bestuhlung bereits aufgebaut, die ersten Töne des "Psalmlieds" von Heinrich Schütz klingen in den hellen, heißen Wendlandhimmel – für ein Einschreiten ist es zu spät.

"Wir leisten musikalischen Widerstand. Dazu werden wir das Gelände des Erkundungbergwerks für ein atomares Endlager musikalisch inspizieren. Mit dieser Aktion Zivilen Ungehorsams werden wir lebenslaut gegen eine lebensbedrohliche Technologie."

September

Anfang September

In seiner Expertise kommt der Diplomgeologe Ulrich Schneider im September zu dem Ergebnis, der Salzstock Gorleben-Rambow sei als Endlager für hochradioaktive Abfälle noch schlechter geeignet als das Salzbergwerk Asse II.

Oktober

"Bringt Bagger!"

05.10.2009

FotosFilm
Vier Aktivist*innen von Contratom besetzen am 5. Oktober sechs Stunden lang den Förderturm des geplanten Endlagers und befestigen ein Transparent mit der Aufforderung: "Bringt Bagger!".

Der Protest richtet sich nicht nur gegen eine Aufhebung des Moratoriums für das Erkundungsbergwerk in Gorleben, sondern auch gegen den Ausstieg vom (Atom-)Ausstieg und fordert eine sofortige Stilllegung aller Atomanlagen weltweit. Am selben Tag beginnen in Berlin die Koalitionsgespräche zwischen CDU und FDP.


Erster Sonntagsspaziergang um das Bergwerk

25.10.2009

Erster Sonntagsspaziergang um das Bergwerk Gorleben unter dem Motto "Schicht im Schacht – wir geben Acht!". Über 100 Menschen kommen. Mit einer dicken Kette wird das Tor verschlossen und symbolisch der Betrieb versperrt. Den Schlüssel werfen die Demonstranten in den Wald.

Es brodelt im Wendland: Der Beschluss der schwarz-gelben Koalitionäre, Gorleben "zügig" und "ergebnisoffen" weiter als Atommülldeponie weiter auszubauen, führt zu Protestaktionen im Wochentakt.

März

26.03.2010

Mit den Stimmen von SPD, Linken und Grünen beschließt der Bundestag am 26. März die Einsetzung eines 15-köpfigen Untersuchungsausschusses. Das Gremium soll bis Ende 2011 klären, ob die Auswahl des Salzstocks Gorleben als Standort für ein Endlager unter politischem Druck und aus sachfremden Erwägungen erfolgte.

Mai

25.05.2010

FotosFilm
Am Pfingstmontag, 25. Mai, überwinden ca. 100 Aktivist*innen erneut die Zäune des Erkundungsbergwerk Gorleben. Der Protest richtet sich auch gegen neue Sicherheitsmaßnahmen wie zusätzlicher Stacheldraht, die Antwort des niedersächsischen Umweltministeriums auf die angekündigten Proteste rund um dem 30. Jahrestag der Räumung des Hüttendorfes 1004.

Juni

04.06.2010

Am 4. Juni, dem 30. Jahrestag der Räumung der legendären "Republik Freies Wendland", wird "das Gestern aus Sicht der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) klein- und das Heute großgeschrieben". Man sei "mittendrin in der Gorleben-Auseinandersetzung", und man habe eine Chance: immer mehr Menschen werde deutlich, "dass Gorleben niemals Ergebnis eines wissenschaftlichen Auswahlverfahrens war, dass die Ergebnisse der Tiefbohrungen desaströs waren – also steht die Erinnerung am kommenden Wochenende nicht im Mittelpunkt unseres Aktionswochenendes, sondern der Startschuss für einen heißen Herbst in Gorleben", heißt es in einer Pressemitteilung der BI.


05.06.2010

800 Menschen fordern, begleitet von 1000 Polizisten, am 5. Juni, anlässlich des Jahrestages der Räumung von 1004, den Abbau des Schwarzbaus Gorleben. Dabei werden 12 Menschen durch die Polizei verletzt, als sie am Zaun rüttelten.

September

18.09.2010

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Am 18. September demonstrieren in Berlin mehr als 100.000 Menschen gegen Atomkraft und für den Ausbau erneuerbarer Energien. Die Demonstration startet und endet am Berliner Hauptbahnhof. Die Teilnehmer*innen umzingeln das Regierungsviertel und halten dort eine symbolische Sitzblockade ab. Zahlreiche "Atommüll-Dosen" werden über die Absperrungen in Richtung Reichstag geworfen.


29.09.2010

Am 29. September wird Marianne Fritzen als Mitgründerin der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) den mit 10.000 Euro dotierten Petra-Kelly-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung verliehen. Die Stiftung ehrt die langjährige Atomkraftgegnerin als eine Symbolfigur des Widerstands gegen die Castor-Transporte, die seit über 30 Jahren in der Anti-Atom-Bewegung aktiv sei.

Oktober

02.10.2010

FotosFilm
Am 2. Oktober antworten Aktivist*innen auf den Weiterbau im Gorlebener Salzstock mit einem "Unruhetag". An insgesamt zehn Orten werden wichtige Verkehrsadern im Wendland blockiert, Kaffeetafeln auf und an den Straßen organisiert. An den Protesten beteiligten sich etliche Bauern mit ihren Traktoren, Motorräder, LKWs ect. Die Erkundung des Bergwerks sei "lediglich ein Deckmantel für die Errichtung eines Atommüllendlagers", heißt es im Aufruf.

Der Ticker zum Unruhetag:

- 10:29 Uhr - 7 Trecker in Nebenstedt-Straße zu!
- 10:29 Uhr - 15 Trecker, 50 Leute in Pudripp
- 10:34 Uhr - B216 aus Lüneburg zu: 20 Fahrzeuge, 100 Leute in Göhrde
- 10:59 Uhr - Jameln: von einem Trecker soll ein Reifen fehlen
- 11:00 Uhr - Pudripp: Abseilaktion an Bahnbrücke gen Zernien, 20 Trecker, 100 Leute, Straße nach Uelzen ist zu!
- 11:02 Uhr - Wendlandblockade steht - 100derte machen den Landkreis zu.
- 11:12 Uhr - In Bergen machen 300 Leute und Radfahrer die Straße zu
- 11:12 Uhr - Bei der BI in Lübbow sind 300 Leute!
- 11:14 Uhr - Vokü hat in Pudripp aufgebaut, Stimmung super, Polizei macht nichts außer filem und Straße sperren
- 11:14 Uhr - Hitzacker: 30 Leute haben Fahrbahnverengung aufgebaut u. verteilen Flugis
- 11:46 Uhr - Zarenthin: die Straße blockiert mit Mensch + Traktoren
- 12:00 Uhr - Seit 2 Std ist der Landkreis Lüchow-Dannenberg von Atomkraftgegnern blockiert: Gorleben stoppen!
- 12:10 Uhr - Radionachrichten melden: erhebliche Verkehrsbehinderungen im ganzen LK Lüchow-Dannenberg
- 12:29 Uhr - Nebenstedt: Kaffeetafel u. immer mehr Menschen u. Trecker
- 12:20 Uhr - Bauernblockade in Hohenvolkfien haben heiße Getränke - aber keinen Grill
- 12:35 Uhr - Lübbow: Widersetzen blockiert seit 30min mit Sitzblockade die Straße. Gute Stimmung überall
- 12:48 Uhr - Zwischen Pudripp / Zernien weiterhin Blockade durch Kletteraktion + 20 Traktoren an Bahnbrücke
- 12:58 Uhr - Göhrde: Polizeiautoattrappe abgebrannt
- 13:29 Uhr - Auch in Metzingen war die B216 zeitweise blockiert
- 13:36 Uhr - In der Göhrde gibt es Stress mit der Polizei
- 13:48 Uhr - 15.00 Uhr großer Abschluss der erfolgreichen Wendlandblockade am Verladekran Dannenberg!
- 14:17 Uhr - Pudripp setzt sich in Bewegung: Treckerkonvoi gen Verladekran. Nebenstedt steht noch.
- 15:07 Uhr - Verkehrschaos in Dannenberg: Aus allen Richtungen kommen Atomkraftgegner
- 15:25 Uhr - Bundesstraße am Verladekran mit etlichen Treckern blockiert. Hunderte Menschen am Verladekran
- 16:09 Uhr - Abschlusskundgebung vor dem Verladekran - Aktionsorte berichten - erfolgreicher Tag!


"An den Blockadeorten war fröhliches Treiben zu beobachten wie bei einem Familienausflug, der es in vielen Fällen auch war. An den Blockaden hatten sich viele Landwirte mit ihren Traktoren beteiligt, die quer gestellt Straßen oder Kreuzungen für Fahrzeuge unpassierbar machten (z.B. in Dannenberg und Pudripp). In Pudripp seilten sich Mitglieder von contrAtom von einer Eisenbahnbrücke über der B191 ab und entfalteten in luftiger Höhe ihre Transparente. In Göhrde blockierten neben Traktoren auch Baumstämme auf der Fahrbahn ein Durchkommen. Eine sehr ansprechende Aktion gab es in Jameln: Dort hatten AtomkraftgegnerInnen an der Straße eine Mahnwache aufgebaut und produzierten in Teamarbeit fleißig hunderte von großen und kleinen gelben Widerstandskreuzen (X). Die Sägeabfälle landeten dann flugs auf der Straße und mehrere AtomkraftgegnerInnen machten sich mit Besen daran, die Abfälle von einer Straßenseite auf die andere und wieder zurück zu fegen, wobei sich in der Folge natürlich der Verkehr staute..." (Subkontur)

Februar

Protest gegen "Röttgen-Dialog"

14.02.2011

FotosFilm
Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) besucht am 14. Februar zum zweiten Mal das Wendland und stellt sich im Rahmen einer Sitzung des Kreistags Lüchow-Dannenberg im Verdo Hitzacker Fragen der Öffentlichkeit und bietet erneut den "Gorleben-Dialog" an. Die Mehrheit des Kreistags, in der "Gruppe X" zusammengeschlossen, lehnt das Angebot in einer Grundsatzerklärung ab. Gerügt wurde vor allem, dass Röttgen sowohl die Laufzeit der Atomkraftwerke und damit den Entsorgungsdruck erhöht habe und zugleich die Aufhebung des Gorleben-Moratoriums verfügt hatte. Damit sei ihm jede Redlichkeit abzusprechen, wenn er jetzt von einer nationalen Verantwortung bei der Lösung des Atommüllproblems rede.

Der Widerstand bereitet dem Minister einen unfreundlichen Empfang vor und im Sitzungssaal der öffentlichen Kreistagssitzung. Im Hafen von Hitzacker ankert das Greenpeace-Schiff "Beluga 2".

April

27.04.2012

3.000 Menschen und 150 Trecker demonstrieren am 27. April anlässlich des Tschernobyljahrestages in Gorleben unter dem Motto "Der Fleck muss weg" gegen die Beibehaltung Gorlebens als potentielles Endlager im neuen Endlagersuchgesetz. Anschließend wird das Tor von Aktivist*innen der Kampagne "gorleben365" mehrere Tage durchgängig blockiert.

November

Baustopp im Bergwerk


Anfang November

Im November werden die Erkundungsarbeiten im Gorlebener Salzstock auf Anweisung der niedersächsischen Umweltministeriums vorläufig gestoppt. Begründet wird der Stopp mit den Klagen der Familie von Bernstorff mit Unterstützung von Greenpeace und Salinas, die "aufschiebende Wirkung" haben könnten. Vor dem Hintergrund parteiübergreifender Konsensgespräche über ein neues Endlagersuchgesetz werden aber eher politische Gründe vermutet.

Mai

Ein Mahnmal gegen verfehlte Endlagerpolitik

13.05.2013

Die "Beluga" , ein ausgemusterte Greenpeace-Schiff, wird am 13. Mai nach Gorleben transportiert. Für ihre letzte Reise wurde das rund 24 Meter lange und über 30 Tonnen schwere Schiff zerlegt und mit einem LKW-Konvoi ins Wendland transportiert, wo die Teile derzeit wieder zusammen gesetzt werden. Seitdem steht es als Mahnmal für die verfehlte Endlager- und Atommüllpolitik der Bundesregierung vor dem Bergwerk.

"Gorleben darf keine zweite Asse werden", sagt Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler. "Nur auf einem breiten gesellschaftlichen Fundament kann ein langwieriges Suchverfahren zu einem von den Bürgern akzeptierten Ergebnis gelangen", so Edler zum neuen Endlagersuchprozess.


Die CDU protestiert, weil es für das Beluga-Mahnmal keine Baugenehmigung gibt. Landrat Schulz erteilt später eine Genehmigung.

August

Widerstandsmarathon

24.08.2013

Beim Widerstandsmarathon umrunden am 24. und 25. August mehrere hundert sportliche Widerständler:innen per pedes, per MTB, per Pferd und sonstwie 24 Stunden lang die Baustelle des Erkundungsbauwerks in Gorleben.

Dezember

5.000 Unterschriften gegen die PKA

10.12.2013

Am 10. Dezember übergibt die BI Lüchow-Dannenberg mehr als 5.000 Unterschriften an Niedersachsens Umwelminister Stefan Wenzel für die Schließung der "vergessenen Atomanlage" in Gorleben, die Pilot-Konditionierungsanlage.

September

04.09.2014

Am 4. September besucht die neue Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks (SPD) das Wendland. Sie führt Gespräche mit dem Betriebsrat der Bergleute in Gorleben und den Fraktionsspitzen des Kreistages und dem Landrat. Auf einer öffentlichen Veranstaltung im Gildehaus Lüchow wird ihr von der BI eine gelbe Castor-Attrappe mit über 7000 Unterschriften für einen Stopp der Atommülltransporte nach Gorleben überreicht. Die BI hatte die Unterzeichner*innen zwischen Mai und August gesammelt.


"Schicht im Schacht"

29.09.2014

Ab 29. September ist "Schicht im Schacht" – zumindest fast. Ab sofort gibt es im Erkundungsbergwerk Gorleben nur noch einen sogenannten "Unterhaltungsbetrieb".

Mai

Kulturelles Widerstandsfest

22.05.2015

Im Rahmen der Kulturellen Landpartie feiern am 22. Mai 8.000 Menschen ein "kulturelles Widerstandsfest" rund um das Erkundungsbergwerk. Zwischen dem Areal des atomaren Zwischenlagers und der Endlagerfestung drängen sich Tausende zwischen Info- und Verkaufsständen, auf drei Bühnen spielen Bands zur Unterstützung des Gorleben-Widerstands oder laden zu Theatervorstellungen ein. Rund 50 Traktoren der Bäuerlichen Notgemeinschaft fahren auf und umrunden als Shuttle-Service das Bergwerksgelände mit unzähligen Informationshungrigen auf dem Anhänger.

"Niemand glaubt, dass in der Endlagerkommission des Deutschen Bundestages die Weichen auf ein Ende des Gorleben-Kapitels gestellt werden", sagte BI-Sprecher Wolfgang Ehmke auf einer der Kundgebungen: "Das treibt die Menschen auf die Straße."


Am Nachmittag überwinden einige hundert Besucher*innen den äußeren Begrenzungszaun des Endlagerbergwerks und fordern auf Transparenten den Rückbau der Anlage. Die Besetzungsaktion dauert bis in die frühen Morgenstunden an. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius spricht von einer "Gewaltorgie", "puren Polizeihass" und "blinde Zerstörungswut".

Januar

"Alles falsch gemacht!"

23.01.2016

FotosFilm
Am 23. Januar findet im Kraftwerk Lüchow eine ganztägige Tagung "Alles falsch gemacht!" der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. (BI) statt. Im Fokus: Die Umstände, wie es zu dieser Benennung – nicht Wahl – des Standorts kam.

"Die Rückschau ist aus vielen Gründen notwendig", erläuterte BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. "Immer noch wird behauptet, dass es ein Auswahlverfahren nach dem damaligen Stand von Wissenschaft und Technik gab. Die Trickserei bei der Durchsetzung des Endlagerprojekts, das Verschweigen geologischer Bedenken ist die politisch-moralische Hypothek, die jedes Vertrauen in einen fairen Umgang mit Gorleben zerstört hat. Die Tatsache, dass Gorleben bisher als einziger möglicher Endlagerstandort benannt wurde, treibt uns um."


Detailliert werden die Fehler von den Referent_innen herausgearbeitet. In interaktiven Phasen – mittlerweile wuchs die Zahl der Teilnehmer auf über 100 – wurden durch Kleingruppen und Plenumsbeiträge Forderungen für einen fairen gesellschaftlichen Umgang benannt.

Karl-Friedrich Kassel, Journalist: 1977 wurde der Standort Gorleben nach anderen Kriterien bestimmt, als den für die Langzeitsicherheit eines Endlagers für hochaktiven Atommüll wesentlichen Kriterien. Die Auswahl wurde politisch gesteuert, wichtig war die Fortsetzung der Atomenergie und wirtschaftspolitische Entscheidungen. Die Mängel des Auswahlverfahrens wurden über 30 Jahre geheim gehalten und vertuscht.

Ulrich Schneider, Dipl.- Geologe: Es gibt mehrere geologische Befunde, die für sich genommen und alle gemeinsam Ausschlusskriterien sind. Die geologischen Bedenken wurden nicht ernst genommen, sondern verharmlost, vertuscht und weggerechnet.

Dieter Schaarschmidt, Geschäftsführer Wendland-Wind GmbH: Von Anfang an wurden Gasvorkommen unter dem Salzstock Gorleben verschwiegen, der Salzstock nur bis zur damaligen Zonengrenze betrachtet. Geologische Befunde wurden uminterpretiert, verschwiegen oder gefälscht. Die Bundesanstalt für Geowissenschaft und Rohstoffe hat sich in das politische Ränkespiel verwickeln lassen statt mit geologischen Befunden transparent umzugehen. Das daraus folgende Misstrauen gegen das Verfahren und den Standort Gorleben sind unüberwindbar.

Wolfgang Ehmke, BI-Pressesprecher: Der Planfeststellungsantrag 1977 markiert den Start für eine systematische Umgehung der Öffentlichkeitsbeteiligung.Über 37 Jahre wurde formal ein Planfeststellungsverfahren ohne inhaltliche Substanz wie geologische Kenntnisse und Lagerkonzepte aufrecht erhalten, um Transparenz und Öffentlichkeitsbeteiligung zu umgehen. Lug und Trug sind die Basis von Gorleben – diese Hypothek ist unüberwindbar.

Nikolaus Piontek, Rechtsanwalt: Die Flucht vom Atomrecht ins Bergrecht verfolgte die Vermeidung von Transparenz, Öffentlichkeitsbeteiligung und einer fundierten gesellschaftlichen Diskussion. Rechtsschutzmöglichkeiten sollten ausgehebelt werden. Diese Hypothek vergiftet das Verfahren nachhaltig und verhindert auch künftig Vertrauen in einen fairen Suchprozess, wenn Gorleben im Spiel bleibt.

Gabi Haas, Journalistin und Rechtshilfe Gorleben e.V.: Die Vorläufige Sicherheitsanalyse Gorleben ist als verdeckte Eignungsprognose angelegt. Gorleben soll als Standort weiterhin durchgesetzt werden und einen Vorsprung vor anderen möglichen Standorten behalten. Vorgeblich geht es um allgemeine Eignungskriterien, tatsächlich zielt die VSG auf einen Sicherheitsnachweis für Gorleben, um eine breit angelegte Alternativsuche zu unterlaufen.

Karl-Friedrich Kassel, Journalist: In seinem zweiten Vortrag unterstrich Kassel, dass Gorleben-Gelder zur Akzeptanzbeschaffung ausgegeben wurden. Es gab weder Vergabekriterien noch eine ausreichende Ausgabenkontrolle. Diese Ausgaben sind näher an Politikerbestechung zur Fixierung des Standortes als an gesellschaftlich orientierten Ausgleichszahlungen für besondere Belastungen künftiger Generationen. Sie können kein Argument für die Durchsetzung von Gorleben sein.

Dieter Magsam und Martin Lemke, Rechtsanwälte: Die Atomtransporte wurden gegen starken gesellschaftlichen Widerstand durchgesetzt, um den Standort Gorleben zu fixieren. Mit Sonderrechtszonen wurden Bürger- und Freiheitsrechte ausgehebelt, Widerstand sollte gebrochen werden. Flankierend wurde die Bevölkerung bespitzelt und kriminalisiert. Der politische Konflikt wurde verpolizeilicht – und blieb damit ungelöst. Die gesellschaftliche Debatte um Atomenergienutzung sollte verhindert werden. Für den künftigen Umgang mit dem strahlenden Müll ist eine breit getragene gesellschaftliche und demokratische Debatte unverzichtbar. Das begangene Unrecht muß aufgearbeitet werden, alle Daten von Atomkraftgegner müssen gelöscht werden.

Martin Donat, BI-Vorsitzender: Solange Gorleben als Endlageroption durch geschleift wird, reduziert sich die Debatte auf Pro und Contra. Gleichzeitig war die Beurteilung der Vergangenheit durch die Parteien so different und damit auch der Parteienkonsens so fragil, dass das gesamte Verfahren zur Bewältigung einer (dieser) Ewigkeitsaufgabe unter extremen Zeitdruck und faktisch ohne Beteiligung der Öffentlichkeit durchgeführt wurde. Im Ergebnis hat die Kommission damit nur 38 Jahre Endlagerforschung nachvollzogen, welche aber von Beginn an auf tiefe geologische Endlagerung in Salz und auf den Standort Gorleben festgelegt war. Unrecht und Verantwortlichkeit der Atommüllproduktion wurden so wenig aufgearbeitet, wie die breite gesellschaftliche Debatte über Sicherheit, Konzepte und Bedingungen eröffnet wurde. Der massive gesellschaftliche Konflikt ist damit auch nicht befriedet, sondern lediglich auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden.

Mai

13.05.2016

Tausende folgen erneut dem Aufruf der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. und der Kulturellen Landpartie zu einer Widerstandspartie: am Freitag den 13. in Gorleben. Rund 8000 Menschen kommen an den Atomanlagen zusammen, um gegen das Festhalten am Erkundungsbergwerk als mögliches nukleares Endlager und für den sofortigen Atomausstieg zu demonstrieren. Die Menschen flanieren und umrunden zu Fuß oder per Trecker und Anhänger die Endlagerfestung, zwei Einfahrten zum festungsähnlichen Gelände werden unter den argwöhnischen Blicken von Polizeieinheiten aus Lüneburg und Hannover mit Mutterboden symbolisch verschüttet, Blumen gepflanzt. Drei Bühnen mit Musik- und Redeprogramm, Kleinkunst, Verkaufs- und Infostände sorgen bis in die frühen Morgenstunden für die richtige Widerstandsparty-Stimmung. Im Fokus steht der Streit in der Endlagerkommission, wie mit dem bisherigen geplanten Endlagerstandort umzugehen sei. Deutlich mehr Polizei kommt auch, nachdem es im Jahr zuvor zu einer kurzfristigen Platzbesetzung kam.

"Endlich wird selbst in der Kommission des Deutschen Bundestages deutlich, dass es im Kern nur um die Frage geht, ob der fragwürdige Alt-Standort im Spiel bleibt oder nicht. Und schon wieder gibt es politisches Gerangel um wissenschaftliche Ausschlusskriterien, um Gorleben im Suchverfahren fortzuschleppen", sagte BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. "Wenn es dabei bleibt, dass ein tiefengeologisches Lager favorisiert wird, bestehen wir auf einem Mehrbarrieren-Konzept, einem Deckgebirge, das Wasser abweisend ist. Deshalb sind wir froh, dass so viele Menschen den Weg zu dem wunden Punkt Gorleben finden, um mit Nachdruck das Ende des unwürdigen Gefeilsches um den Standort einzufordern, schließlich geht es um Sicherheit und nicht um politischen Opportunismus."

Februar

40 Jahre Standortbenennung

18.02.2017

Am 18. Februar rollen 120 Traktoren zu den Atomanlagen in Gorleben. Anlass ist der 40. Jahrestag der Benennung Gorlebens als "Nuklearer Entsorgungszentrum" (NEZ) durch den damaligen CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht. Auf der Bühne stehen drei Generationen des Widerstands. Mehr als 400 Menschen zeigen, "dass der Widerstand nach mehr als 40 Jahren immer noch lebendig ist".

"Es musste so sein", so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke, "denn wir müssen ab und zu auch belegen, dass der Widerstand gegen die Atomkraft und Gorleben nicht eingeschlafen ist."

März

40 Jahre Hannover-Treck

26.03.2019

Am 26. März wird im historischen Museum in Hannover die Ausstellung "Trecker nach Hannover. Gorleben und die Bewegung zum Atomausstieg." eröffnet. In Zusammenarbeit mit dem Gorleben Archiv zeigt das Historische Museum eine Ausstellung, die mit dem Institut für Didaktik der Demokratie und Studenten des historischen Seminars der Leibniz-Uni Hannover erarbeitet wurde. Das Gorleben Archiv stellt dafür Bilder, Schriftstücke und Gegenstände aus seinem Fundus zur Verfügung.


31.03.2019

Und am 31. März findet im Kreishaus Lüchow die Eröffnung der Ausstellung „Gorlebentreck – 40 Jahre danach“ statt. Zwei Dutzend Zeitzeugen erinnern sich an das Wendland vor dem Treck, an den Treck selbst und berichten von den Veränderungen, die das Wendland und sie selbst an sich erfahren haben. Die Ausstellung ist bis zum 30. Juni in Lüchow zu sehen und soll dann als Wanderausstellung an anderen Orten gezeigt werden.

Mai

26.05.2019

Am 26. Mai findet der 500. Sonntagsspaziergang statt. Pünktlich um 13:00 Uhr umrunden rund 60 Spaziergänger:innen die Mauer des Erkundungsbergwerkes Gorleben. Im Anschluss stößt man auf diejenigen die auf dem Weg zum Gorlebener Gebet sind, welches ebenfalls "nullt" und auf 30 Jahre ununterbrochene Treffen zusteuert.

August

Anfang August

Im August wird die Schutzmauer rund um das Erkundungsbergwerk Gorleben abgerissen. Die Anlage ist nun nur noch eingezäunt.

Mai

29.05.2020

Wegen der Corona-Pandemie fällt die Kulturelle Landpartie 2020 aus. Damit fällt auch die Kulturelle Widerstandspartie in Gorleben am Pfingstfreitag, 29. Mai, aus. Stattdessen veröffentlicht die BI Umweltschutz eine Videobotschaft.

September

28.09.2020

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) gibt am 28. September bekannt, dass der Salzstock in Gorleben nicht mehr als Standort für ein deutsches Endlager für hochradioaktiven Atommüll infrage kommt:

"Der Salzstock Gorleben ist nach Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien gemäß § 24 StandAG kein Teilgebiet geworden. Damit greift die Regelung des § 36 Abs. 1 S. 5 Nr.1 StandAG wonach der Salzstock Gorleben aus dem Verfahren ausscheidet", heißt es im Zwischenbericht der BGE, der bundesweit 90 weiter zu prüfende Gebiete ausweist.


Es ist vorbei. Lüchow-Dannenberg bleibt aber auch ohne Gorleben ein mögliches Teilgebiet für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle.


"Wir haben Geschichte geschrieben"

29.09.2020

FotosFilm
Nach dem Ausscheiden Gorlebens bei der weiteren Endlagersuche feiern am 4. Oktober rund 2.000 Menschen, umrahmt von vielen Traktoren der Bäuerlichen Notgemeinschaft, den politischen Erfolg an den Atomanlagen in Gorleben.

"In den über 40 Jahren hat sich gezeigt, wie fundamental wichtig außerparlamentarisches Engagement ist", so Wolfgang Ehmke, Sprecher der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. "Erst kippten die Pläne, eine Plutoniumfabrik im Wendland, schließlich in der BRD zu errichten, der Atomausstieg ist so gut wie besiegelt. Die Castortransporte sind gestoppt und nun hat die Wissenschaft gepunktet, das Endlagerprojekt hätte schon längst aufgeben werden müssen. Wir haben Geschichte geschrieben. Wissenschaftsbasiert ist nun der bisherige Standort aus dem Endlagersuchverfahren ausgeschieden."

Oktober

Mitte Oktober

Mitte Oktober findet die Dannenberger Fukushima-Mahnwache zum 500. Mal in Folge statt. Seit der Katastrophe im japanischen AKW treffen sich wendländische Atomkraftgegner/-innen regelmäßig jeden Montag im Zentrum der Stadt.