FUNDSTÜCK DES MONATS
Die Bläh-Fässer aus Mol
Betrug, Untreue, illegale Atommüll-Transporte – wegen eines umfassenden Skandals in der Atombranche begannen vor knapp 40 Jahren Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hanau gegen leitende Angestellte der Firma „Transnuklear“. Auf der Straße vor dem Zwischenlager in Gorleben eskalierte 1991 der Skandal um die „Bläh-Fässer“ aus dem belgischen Mol.
Bestechung in großem Stil
Die Firma Transnuklear war damals im Auftrag der ehemaligen Firma NUKEM auf den Transport von kontaminierten Abfallstoffen sowie bestrahlten Brennelementen aus deutschen Atomkraftwerken spezialisiert. Damit erreichte sie eine nahezu monopolistische Stellung in Deutschland. Im großen Stil brachte Transnuklear radioaktive Abfälle aus deutschen Kraftwerken ins belgische Kernforschungszentrum Mol. Dort sollten die Abfälle komprimiert oder durch Verbrennung reduziert werden, um sie lagerfähig zu machen. Dann sollten sie an ihre Ursprungsorte zurückgebracht werden.
In Unterlagen für eine Betriebsprüfung der Jahre 1981 bis 1986 fielen falsche und überhöhte Abrechnungen der Abteilung „Radioaktive Abfälle“ auf. Daraufhin wurden Untersuchungen angestrengt und Erstaunliches kam an die Öffentlichkeit: Rund 100 Mitarbeiter*innen von Atomkraftwerken und Elektrizitätskonzernen wurden mit Geldern in Millionenhöhe bestochen. Atommüll-Fässer wurden umdeklariert, flüssige Abfälle zusammengekippt, zurück nach Deutschland kamen Gebinde mit unbestimmtem Inhalt. Für nicht erbrachte Leistungen soll Transnuklear Zahlungen in Millionenhöhe erhalten haben. Bei Untersuchungen fand man in vielen Fässern das extrem strahlende Plutonium und Kobalt 60.
Bis zum Jahreswechsel 1987/1988 wurden in deutschen Atomkraftwerken und Zwischenlagern rund 2.000 falsch deklarierte Fässer aus Mol aufgespürt. Davon befanden sich allein 300 im Zwischenlager Gorleben. Die gefundenen Fässer seien nur die „Spitze eines Eisbergs“, vermuteten 1988 Branchenkenner. In der Bundesrepublik existierte damals schon ein Altbestand von mindestens 40.000 Kubikmetern schwach- und mittelradioaktiver Abfälle in rund 200.000 Fässern.
Das Wendland antwortet mit Blockaden
Am 21. und 22. Januar 1988 blockierten 70 Bäuer:innen mit ihren Treckern für 2 Tage das Zwischenlager. Ihre Forderung: Die „Blähfässer“ / „Mol-Fässer“ sollen abtransportiert und das Lager geschlossen werden. Mutterboden wurde in die Toreinfahrt des Zwischenlagers gekippt und darauf Bäume gepflanzt. Mehrere Demonstrationen folgten.
Im Juni 1991 eskalierte dann der Konflikt: Angekündigt wurde die Einlagerung von Containern u.a. mit schwachaktiven Abfällen aus Mol in Gorleben. Zwar stoppte und beschlagnahmte das niedersächsische Umweltministerium unter Monika Griefahn drei LKWs, deren Fahrt deshalb am 14. Juni nicht im Zwischenlager in Gorleben, sondern in der Polizeikaserne in Lüchow endete.
Am selben Tag blockierten ab 6 Uhr Aktivist:innen die Zufahrt zum Zwischenlager. Nachdem bekannt wurde, dass die LKW in Lüchow stehen, blockierten ab Schulanfang zeitweilig knapp hundert Schüler:innen die Zufahrt zur Polizeikasernde. Eltern gingen auf die Barrikaden, weil die Transporter unweit des Schulzentrums parkten. Vor dem Zwischenlager versuchen Vertreter:innen der Behörden in Gesprächen die Aktivist:innen zur Aufgabe der Blockade zu bewegen.
Zwei Tage später weist Bundesumweltminister Töpfer (CDU) Niedersachsens Umweltministerin Griefahn an, den Müll aus Mol in Gorleben einzulagern. Die Polizei rückte an, der Konflikt eskalierte. Es folgten schweren Auseinandersetzungen zwischen etwa 420 Polizist:innen und rund 250 Atomkraftgegner:innen, als die Beamten die Einfahrt zum PKA-Gelände freiräumen.
- Gegen 9.45 Uhr ist die Auffahrt zum PKA-Gelände freigeräumt, die über Rondel und Meetschow angerollten Container hätten aufs Gelände gebracht werden können. Die Polizei hatte die weniger verbarrikadierte PKA-Auffahrt gegenüber der Zwischenlager-Einfahrt favorisiert.
- Gegen 10.00 Uhr strömen Atomkraftgegner:innen durch den Wald zu dem Konvoi und setzen sich zwischen die Fahrzeuge auf die Straße. Der Bremsschlauch des ersten Fahrzeuges wird durchtrennt. Die Polizei setzt Diensthunde ein, es kommt immer wieder zu neue Sitzblockaden, Räumungen, Aggressionen, Tritte.
- Erst um 11.30 Uhr rollt der erste Container auf das PKA-Gelände. Erneut kommt es zu Blockaden der zwei weiteren LKW. Der Notarztwagen fährt mehrmals.
- Um 12.25 Uhr gelangen die beiden letzten Transporter auf das PKA-Gelände, von dort aus weiter ins Zwischenlager.
Der CDU-Landtagsabgeordnete Kurt Dieter Grill unterstellt einen Tag später der Regierung Schröder, die rot-grüne Koalition habe „offensichtlich die Weisung durch den Bundesumweltminister provoziert und die Randale in Gorleben und Lüchow billigend in Kauf genommen, wenn nicht sogar geplant“.
Die Ermittlungen im „Hanauer Atommüllskandal“ enden viele Jahre später mit Bewährungsstrafen von bis zu zwei Jahren und hohen Geldstrafen. Als Folge des Skandals wurden zudem diverse Produktionsanlagen der Atomindustrie im „Atomdorf“ Hanau-Wolfgang bis 2005 stillegelegt.