Meine erste Platzbesetzung – „Republik Freies Wendland“, 1980

33 Tage freies Leben mit der Utopia: Im Mai 1980 errichteten Atomkraftgegner*innen im niedersächsischen Lüchow-Dannenberg ein Protestdorf mitten im Wald. Das Anti-AKW-Dorf wurde zum beliebten Ziel von Butterfahrten aus der ganzen westdeutschen Republik. Die einen wollten nur gucken – die anderen brachten den Werkzeugkasten mit und packen mit an. Rentner*innen diskutierten mit langhaarigen Menschen.

Vor der Platzbesetzung 1980 am 03. Mai, Bohrloch 1004, die später „Republik Freies Wendland“ genannt wurde, übernachteten wir Atomkraftgegner*innen aus Hessen auf der gegenüberliegende Straßenseite vom Haus von Lilo Wollny in Vietze auf einem Grünstreifen. Sie stand am Gartenzaun und begrüßte uns.

Am nächsten Morgen sind wir früh aufgestanden. Der Himmel war morgenblau, sonnig, kalt. Es sah nach einem schönen Tag aus. In Gedelitz waren die Straßenränder von Autos vollgeparkt. Eine Touristin? im Bayrischen Dirndl, beschimpfte uns. „Wir sollen arbeiten gehen.“ Ironisches lautes Gelächter von allen Seiten. Niemand hat das kommentiert. In Trebel trafen wir uns dann aus allen Himmelsrichtung. Gemeinsam gingen wir (5.000) zum Bohrloch 1004. Der Weg war staubig. Die Stimmung hätte nicht besser sein können. Sie war bunt, laut, mit Lachen und Humor.

Was für mich, der aus der kleinsten Großstadt der BRD kommt, seltsam war, dass ich einen offenen Melkmetalleimer (neu) mit Trinkwasser gefüllt in Hand bekam und ihn bis zum zu besetzten Platz geschleppt habe. Den habe ich dann in der Nähe von unserem schnell aufgebauten Zelt abgestellt. Weit und breit keine Polizei. Es gab aber eine allgemeine Verbotsverfügung sich zu versammeln. Nur wir alle haben uns nicht daran gehalten.

Ich hatte mich für den Bau der Brandschneise zum Wald einteilen lassen. Der Wald war schon zum Teil abgebrannt. Den Streifen zum im Bau befindlichen Hüttendorf haben wir dann verbreitert und das Holz, das da so rumlag, beiseite geräumt.

Da am Abend im Zelt kein Platz mehr war, habe ich kurz überlegt und entschlossen mich draußen in der Nähe des Trinkwassereimers hinzulegen. Ich habe sehr gut geschlafen. Als ich am nächsten Morgen aufwachte und einen Arm rausstreckte war es sehr kalt. Im Schlafsack war ich gut eingemummelt und ich bin wegen der Kälte nicht aufgewacht. Das Trinkwasser im Melkeimer hatte eine Eisschicht gebildet. Der Tag wurde richtig sonnig.

Am zweiten Tag verbrachte ich die längste Zeit in der Brandschneise, unterbrochen von essen und trinken. Ich habe auch mitgeholfen einen wirklich sehr langen Baumstamm auf der Schulter mitzutragen. Für was er gebraucht wurde, konnte ich nicht erkennen. Das Wochenende ging zu Ende. Wir mussten zurück nach Hessen. Insgesamt war ich an drei verlängerten Wochenenden in der Republik Freies Wendland.

Es gab ein Freundschaftshaus mit täglichem Sprecherrat, ein Frauenhaus, ein Meditationshaus, eine eigene Blaskapelle, einen Friseur für die Platzbesetzer*innen, es gab Solarduschen mit lauwarmem Wasser, ein Windrad und sogar das „Radio Freies Wendland“ sendete bald auf 101 Megahertz.

Nach anfänglichem Zögern schauten Bauern aus dem Wendland mit ihren Frauen vorbei und brachten Brot, Kuchen, eine Schweinehälfte, Kartoffeln und Gemüse für die Langhaarigen.

Die Platzbesetzer*innen bauten unentwegt weiter an den Hütten aus Brandholz, es gab Straßen und Blumengärten. Ein Hauch von „Woodstock-Gefühl“ schwebte über dem besetzten Platz, der uns auch später nicht nach Räumung verließ. Es regnete nie in den 33 Tagen der Republik Freies Wendland.

Einen Wendenpass aus dieser Zeit habe ich immer noch. Den Einreisestempel der Republik Freies Wendland habe ich auch in meinen normalen Reisepass machen lassen. Da waren schon ganz viele Stempel von meiner langen dreimonatigen Reise 1977 in Südamerika (Peru, Ecuador und Bolivien) eingestempelt. Ich bekam später im Sommer bei der Einreise von Frankreich nach Deutschland um ein Haar richtig Ärger. Der deutsche Zollbeamte war neugierig, wegen meinen vielen Stempel, auch nach Westberlin und meinte zu dem Wendlandstempel, das geht aber nicht. Hat aber dann doch unser Auto durchgewunken. Das „freie“ Reisen in Europa mit Personalausweis war damals grundsätzlich nicht möglich. (Schengen-Abkommen kam später) Heute 2020 wegen Corona Krise ausgesetzt.

Bei der CDU, hingegen wurde im Mai 1980 gezählt, gegen wie viele Gesetze das Hüttendorf verstieß: das Bau-, das Seuchen-, das Forst-, das Wald-, das Presse- und sogar das Meldegesetz sah man durch die Republik Freies Wendland tangiert. Eine Hütte mit dem verdächtigen Namen „Fritz Teufel-Haus“ gefiel den Konservativen gar nicht.

Bei der Räumung der Republik Freies Wendland am 4. Juni 1980, hatten wir damals in Frankfurt am Main die Paulskirche besetzt. Die Polizei brauchte etwas Zeit, bis sie an uns rankam. Die Eingänge waren mit Eisenketten innen verriegelt. Ich kam zur Personalfeststellung in die Klapperfeld, ein altes Untersuchungsgefängnis von 1886. Rund 38 Menschen wurden damals vorläufig festgenommen. Die Presse vermerkte mehr Frauen als Männer waren bei Besetzung dabei. Einer wurde angeklagt. Wir haben später eine Prozessbegleitung organisiert.

Dieter Kaufmann, Arbeitskreis gegen Atomanlagen Frankfurt am Main

Anmerkung: Das Klapperfeld war früher mal ein Friedhof, ab etwa 1759 Drillplatz für das (Stadt) Militär der Freien Reichstadt Frankfurt, später ein Gefängnis. Heute 2020 ist das ein selbst verwaltetes linkes Kulturzentrum.

Bilder: G. Zint / Gorleben Archiv

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