Gorleben-Chronik

2008 -

Endlager-Probebohrungen in Hamburg, Atommüll-Symposium und ein nächster Castortransport im November.

Am 12. Januar stehen die rechtlichen Entwicklungen um eine Blockade bei Pudripp beim Castortransport 2006 im Mittelpunkt einer Verstaltung des Ermittlungsausschusses im Platenlaaser Cafe Grenzbereiche.

Nach der Veröffentlichung der "KIKK-Studie" zu Leukämie rund um Atomanlagen beschäftigt sich Mitte Januar auch der Lüchow-Dannenberger Kreisatomausschuss mit dem Thema: Könnten sich mit der Studie Folgerungen auf das Zwischenlager Gorleben ergeben? Und was ist überhaupt mit einem Krebsregister für Lüchow-Dannenberg? Das gibt es nämlich immer noch nicht.

Der Erkundungsbereich 1 im Bergwerk Gorleben sei nicht entgegen ursprünglicher Planungen von Ost nach West verschwenkt worden, dementiert das Bundesamt für Strahlenschutz am 18. Januar Mutmaßungen aus dem Wendland. Es habe "bedauerlicherweise ein redaktionelles Versehen" im BfS-Jahresbericht 2005 gegeben, das dieses Rückschluss zugelassen habe. Dort habe es die "irreführende Angabe" gegeben, der Erkundungsbereich 1 befinde sich nordöstlich der Schächte 1 und 2. Die korrekte Lage des Erkundungsbereichs 1 befinde sich aber tatsächlich nordwestlich der beiden Schächte, unterstreicht das Bundesamt. (EJZ)

Kulturelle Landpartie: Am Pfingstsonntag (11. Mai) lädt Salinas zu Informationen, Spaziergängen und Fahrradtouren rund um den Standort Gorleben ein. Lilo Wollny, Gorleben-Widerständlerin der ersten Stunde, berichtet über ihre Jahrzehnte langen Erfahrungen mit den Atompolitikern und Betreibern: Landbesitzer wurden genötigt, kritische Wissenschaftler diffamiert und Kommunalpolitiker mit Millionen geködert. Gutachten verschwanden auf Nimmerwiedersehen, Genehmigungen wurden aus dem Hut gezaubert, notfalls die Gesetze einfach umgeschrieben.

Im Juni wird bekannt, dass in dem als Forschungsanlage für schwach- und mittelradioaktiven Müll deklarierten Endlager Asse II täglich 12 Kubikmeter Wasser eindringt. In dem maroden Lager haben sich große Mengen radioaktiv verseuchte Lauge angesammelt, die seit Jahren ohne Genehmigung in benachbarte Hohlräume gepumpt werden. Außerdem liegen in der Asse - verteilt auf 126.000 Atommüllfässer - mindestens 29 Kilo hochgiftiges Plutonium: drei Mal mehr, als der langjährige Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München, ursprünglich angegeben hatte. Niemand weiß, was damit geschehen soll. Nur scheibchenweise kommt das ganze Ausmaß des Desasters ans Licht. Und es sind dieselben politischen Entscheidungsträger und Gutachter, die sowohl für den Asse-Skandal als auch für den Standort Gorleben verantwortlich sind.

Am 18. August findet in Hamburg-Altona im Rahmen des Klimacamps ein Aktionstag zum Thema Atommüll-Endlagerung statt: Die "Münchhausen - Gesellschaft zur Förderung von Akzeptanz-Problemen" erkundet in einem aufwändigen Programm den Salzstock in Hamburg-Altona daraufhin, ob er sich wohl als Endlager für Atommüll eignet. Dafür bauen Aktivist*innen von den tatsächlichen Atommüll-Standorten Gorleben, Morsleben, Asse und Schacht Konrad eine Installation auf dem Altonaer Spritzenplatz auf: ein "Bohrturm", der Untergrund wird mit Hilfe einer Rüttelplatte seismografisch abgetastet. Zeitgleich sind Teilnehmer*innen des Camps mit öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch Hamburg unterwegs; im Gepäck: 200-Liter-Fässer mit Atommüll.

Fotos: Umbruch Bildarchiv

Großpuppen gegen den Castor

"Wer ist Mensch, wer ist Puppe, wer ist Marionette, wer zieht die Fäden?" Großen Strohpuppen bereichern das Bild des Widerstands gegen die Atommülltransporte. Am 5. Oktober wurden erste Puppen gebaut, die auf der Stuhlprobe vor dem Verladekran, beim "WidersTanz" in den nächsten Wochen an der Schienenstrecke, oder vielleicht auch ganz unerwartet an unbekannten Orten auftauchen werden. "Wir lassen die Puppen tanzen", so das Motto der etwa 30 Menschen, die etlichen Puppen "Leben" und Individualität eingehaucht hatten.

Die erste der traditionellen "Stuhlproben", organisiert von den militanten "Grauen Zellen" des Gorleben-Widerstand, findet am 12. Oktober auf der Zufahrtstraße des Verladekrans in Dannenberg statt.

"Doch dann kommen auch deren Zieh-Mütter und -Väter. Mit den Stühlen, denn auf der Straße sitzen wollen und können sie auch nicht mehr, die „grau“ geworden sind im jahrzehntelangen Kampf gegen die Antomanlagen im Wendland. Grau ja, aber nicht untätig. Sie werden immer mehr, so 60 bis 70 sind sie schließlich. Im Kreis sitzen sie, singen gar, die „Alten“, ihre alten Lieder vom Widerstand. So nett, so passend das Bild, „die tun nix“, wie ihre Hunde, die zwischen ihren Enkelkindern herumlaufen." (castor.de)

Die Puppen tanzen auf der Schiene

Am 12. Oktober wird in Hitzacker zum "WidersTanz" aufgespielt, mit Geige und Schifferklavier, Musik bringt Menschen und Puppen in Bewegung. Gut 200 Menschen nehmen teil.

Oktober - Der Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, stellt "aus meiner Verantwortung für die grundlagenorientierte Endlagerforschung" fest, "daß die Endlagerfrage in Deutschland technisch gelöst ist", dementsprechend "wäre die Inbetriebnahme des Endlagers im Salzstock Gorleben etwa im Jahr 2025 möglich" (BMWi 2008) und legt mit bestellten Gutachten der GRS und des Öko-Instituts noch einmal nach (GRS 2008)

Endlagersymposium

Nicht zuletzt auf Drängen des Gorlebener Widerstands veranstaltet das Bundesumweltministerium vom 30. Oktober bis 01. November in Berlin eine große Endlager-Konferenz mit Beteiligung von Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland. Die große Mehrheit der dort versammelten über 350 Experten*innen fordert bei der Suche nach einem Endlagerstandort einen Neuanfang nach internationalem Standard. Das Auswahlverfahren müsse ergebnisoffen sein und auf der Grundlage klarer Sicherheitskriterien erfolgen. Dabei müssten mehrere Standorte miteinander verglichen und die Öffentlichkeit beteiligt werden - so wie es der AkEnd bereits 2002 vorgeschlagen hatte.

Zentrale Botschaft: "Transparenz und Öffentlichkeitsbeteiligung" sollen künftig groß geschrieben werden!

Castor-Proteste

Bauern-Protest mit Betonpyramiden, Nov. 2008. Bild: Umbruch Bildarchiv

7.- 10. November - Schienenblockaden sorgen für die längste Transportdauer von 79 Stunden der 11 französischen Behälter mit hochradioaktiven Abfällen von Frankreich nach Gorleben. Die Behälter erhöhen bei ihrer Ankunft im Bahnhof Dannenberg nach Messungen von Greenpeace die Strahlenbelastung durch Neutronenstrahlen auf das 320-fache. Das Gewerbeaufsichtsamt leiht sich die Messgeräte vom Betreiber des Zwischenlagers, misst willkürlich drei Transportbehälter, kann dann aber nicht mehr sagen, welche.

Am 8. November demonstrieren über 16.000 Menschen in Gorleben gegen die Atomkraft. Acht in zwei Betonpyramiden angekettete Mitglieder der bäuerlichen Notgemeinschaft verzögern den Straßentransport in das Zwischenlager Gorleben noch einmal um 24 Stunden.

Anlässlich einer Einweihungsfeier besucht Bundesumweltminister Sigmar Gabriel am 6. Dezember Bad Bevensen. Die BI gegen Atomanlagen Uelzen und die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg nehmen dies zum Anlass, ihm zwei offene Briefe zu übergeben. Gabriel solle Fragen zur radioaktiven Strahlung aus den Castorbehältern beantworten.

Die ganze Geschichte: