Gorleben-Chronik

1989 - Castor-Alarm im Wendland

Das Aus für die WAA Wackersdorf, Castor-Alarm: erster Atommülltransport nach Gorleben wird wenige Stunden vor Abfahrt gerichtlich gestoppt.

Anfang Januar beginnen die Vorbereitungen für die Wiederaufnahme der Arbeiten an den Endlager-Schächten. 20 Monate nach dem durch den Schachtunfall 1987 verordneten Baustopp wird am 23. Januar die Abteufung von Gorleben Schacht 1 weitergeführt.

Am 22. Februar kommt es am Lüchower Gymnasium zu drei Stunden Streik, weil die Bezirksregierung "einen Informationstag zur Atomenergie verboten hat".

Castor-Alarm im Wendland

Am 26. Februar kommen 200 DemonstrantInnen aus Hamburg mit einem "Anti-Castor-Sonderzug" nach Dannenberg und fahren mit Bussen weiter nach Gorleben. Mit dem "Eilzug Wildsau" wird mit Transparenten gegen die zu erwartenden Atommülltransporte auf der Strecke bis nach Dannenberg demonstriert.

Am 28. Februar stoppt das Verwaltungsgericht Lüneburg wenige Stunden vor Abfahrt eines Castor-Transports aus dem Atomkraftwerk Stade die geplante Einlagerung im Zwischenlager Gorleben. Erfolgreich wird der "Sofortvollzug" angefochten. Die Beschwerde des Zwischenlager-Betreibers DWK/BLG wird vom Oberverwaltungsgericht zurückgewiesen. Der mit einem Castor beladene Straßen-Schwertransporter wird nach Karlsruhe zur dortigen Forschungs-Wiederaufarbeitungsanlage WAK gebracht.

Am 15. März findet der "Projekttag Kernenergie" im Lüchower Gymnasium statt.

Das AUS für die WAA Wackersdorf

Am 3. April unterzeichnet der Energiekonzern VEBA als wichtigster Anteilseigner der zukünftigen Betreibergesellschaft einen Kooperationsvertrag mit der französischen Cogema, der Betreiberfirma der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague. Die VEBA bezeichnet die WAA-Wackersdorf als "zu langwierig, zu teuer" und sah "die Chance, die heißgelaufene Diskussion über die Kernenergie in der Bundesrepublik zu entlasten".

"Tausche Wackersdorf gegen Cap de la Hague - biete Gorleben", zu einem "Polit-Picknick" treffen sich am 4. Mai rund 150 Atomkraftgegner*innen auf dem Waldgelände der zukünftigen Pilotkonditionierungsanlage. An rund 200 Bäumen werden rote Karten mit der persönlichen Ankündigung hinterlassen, ihn gegen das Abholzen in Schutz zu nehmen.

"Wenn wir uns bei einem "Castor" querstellen, werden wir einen "Pollux" ebensowenig passieren lassen", prophezeit die BI am 6. Mai. Dr. Kloss vom Kernforschungszentrum Karlsruhe hatte bei einem Besuch der Besuch der Gorleben-Kommission in Celle über den Entwicklungsstand des "Pollux"-Endlagerbehälters berichtet. Drei Jahre lang sollen in der Asse-2 "thermische Versuche" stattfinden.Man vermisse "jegliche wissenschaftliche Seriosität", kritisiert die BI. Die vorgesehene Versuchsdauer sei viel zu kurz, die Wirkung der Radiolyse, explosionsartige Reaktionen im Steinsalz oder der Absturz eines Pollux im Schacht wurden nicht angesprochen.

Am 18. Mai genehmigt das Bergamt Celle den Sonderbetriebsplan für das Außenausbausystem bis zur Basis Quartär, in etwa 170m Tiefe, im Salzstock Gorleben. Die Abteufarbeiten in Schacht 2 werden daraufhin wieder aufgenommen.

Der energiepolitische Sprecher der Union, Ludwig Gerstein, hält es am 22. Mai für möglich, daß mit einem Ausstieg aus dem Wiederaufarbeitungsprojekt für atomare Brennstoffe in Wackersdorf auch die Endlagerung bundesdeutschen Atommülls komplett ins Ausland verlagert wird. "Durch die Aufgabe von Wackersdorf werden Fakten geschaffen, die alle Bestandteile des integrierten Entsorgungskonzepts in Frage stellen, auch die möglichen Endlager Gorleben und ,Schacht Konrad' in Niedersachsen."

Am 27. Mai führt eine Sternfahrt zu einer Kundgebung am Schacht Konrad. 2000 Menschen, u.a. aus dem Wendland nehmen teil.

Am 31. Mai wird der Bau der bis dahin ca. 3 Milliarden DM teure WAA Wackersdorf eingestellt.

Am 6. Juni unterzeichnen Deutschland (Umweltminister Klaus Töpfer) und Frankreich (Industrieminister Roger Faroux) die Verträge für die Aufarbeitung deutscher Kernbrennstoffe in Frankreich. Mit dem Aus der WAA kommt seit dem Frühjahr die "Direkte Endlagerung" für alle Brennelemente wieder stärker in die Diskussion.

Juni: Erstes "Gorlebener Gebet". Seitdem treffen sich an jedem Sonntag Menschen unter den Kreuzen unweit des Bergwerks zur Andacht.

Am 1. und 2. Juli findet in Gorleben unter dem Motto "Tag und Nacht gegen die PKA" bei Dauerregen ein Aktionswochenende statt. Etwa 200 Atomkraftgegner*innen beratschlagen auf dem Gelände der geplanten „Pilotkonditionierungsanlage“ (PKA), wie sie künftig gegen die Atomfabrik vorgehen wollen. (taz)

Wieder zu Übungszwecken erreichen von der Öffentlichkeit fast unbemerkt fünf weitere leere Castor-Behälter am 23. August das Zwischenlager Gorleben.

Ein weiteres Widerstandswochenende findet am 7./8. Oktober unter dem Motto "Gegen die Europäisierung der Atomwirtschaft" in Gorleben statt. In dem Zusammenhang wird auf dem Grundstück des Grafen von Bernstorff eine Schutzhütte errichtet.

Mit dem Fall der Berliner Mauer und der Grenzöffnung am 9. November gehört ein wichtiges Argument für die Standortentscheidung Gorlebens der Geschichte an: Die Lage im sogenannten Zonenrandgebiet.

Am 18. Dezember stimmt der Gorlebener Gemeinderat mit fünf gegen drei Stimmen für den Bau der Pilot-Konditionierungsanlage.

Die ganze Geschichte: