Gorleben-Chronik

1986 - Baubeginn im Bergwerk, Wackersdorf & Tschernobyl

Baubeginn im Bergwerk Gorleben. Heftige Auseinandersetzungen um die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf und das AKW Brokdorf. Nach dem GAU von Tschernobyl protestieren zehntausende Menschen gegen die Atomenergie.

Am 4. Februar entscheidet sich die Atomindustrie definitiv für Wackersdorf als Standort für eine Wiederaufarbeitungsanlage. Am 16. Februar demonstrieren daraufhin bei eisigen Temperaturen rund 35.000 Menschen auf dem Schwandorfer Marktplatz.

Am 17. Februar protestieren 500 Lüchow-Dannenberger*innen bei klirrender Kälte gegen die Rodung von 17 Hektar Wald für die Errichtung einer Abraum- und Salzhalde, die im Zusammenhang mit dem Endlagerausbau in Gorleben aufgeschüttet werden soll.

Offizieller Baubeginn des "Erkundungsbergwerks"

Am 17. März beginnen die Abteufarbeiten von Schacht Gorleben I im Tiefkälte-Gefrierverfahren. Damit beginnt offiziell der Bau des "Erkundungsbergwerks" bzw. die unterirdischen Erkundungsarbeiten, eine "Tauglichkeitsprüfung". Bundesforschungsminister Riesenhuber und Niedersachsens Umweltminister Werner Remmers statten Gorleben bei der Gelegenheit einen Besuch ab. Geplant ist, dass das Endlager "Ende dieses Jahrhunderts" in Betrieb gehen soll. Derzeit steckt die Bundesregierung sämtliche Mittel zur Endlagerforschung ins Wendland–Salz. Anfang der 90er Jahre soll ein endgültiges Urteil gefällt werden, dann gibt es zu Gorleben keine Alternative mehr.

"Der Salzstock muß also sicher sein, egal was bei den Untersuchungen herauskommt", so die Kritik der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow–Dannenberg.

Ostern 1986 (31. März) demonstrieren in Wackersdorf 100.000 Menschen gegen die WAA, die größte Umweltdemonstration bis zu diesem Zeitpunkt. Auch kommt es zum bundesweit ersten Einsatz von CS-Gas gegen Demonstranten. Dabei stirbt ein Demonstrant nach einem Asthmaanfall. Die Umstände werden auch im Wendland diskutiert.

Tschernobyl

26. April - In der Ukraine explodiert Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. In Lüchow kommt es zu einer Demo und einem "Go In" in das Kreishaus. Radioaktivitäts-Messungen werden gefordert.

Atomindustrie will PKA bauen

Am 30. April beantragt die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) die Errichtung einer Konditionierungsanlage (PKA) in Gorleben. Die Anlage soll auf 3,5 Hektar und für rund 200 Millionen Mark gebaut werden. Geplant ist dort die Zerlegung von Brennelementen und die anschließende Verpackung in endlagerfähige Behälter.

Gorleben erhielte damit die atomare Qualität, die dem Dorf an der Elbe bereits früher als "Nationales Entsorgungszentrum" zugedacht war. Einziger Unterschied zu damals: statt Wiederaufarbeitung nun Konditionierung, "nichts Chemisches" also, wie die DWK beruhigt. (Spiegel vom 02.06.1986)

Doch eine Konditionierung abgebrannter Brennelemente ist "weltweit noch nicht demonstriert und praktiziert", damit wird die PKA zu einem Experimentierplatz, auf dem "alle Arbeitsschritte zunächst erprobt" werden müssen, "um die Konditionierungstechnik bis zur Anwendungsreife zu entwickeln".

"Endlagerspektakel"

Himmelfahrt (08./09.05.) findet ein "Endlagerspektakel" in Gorleben und Salzgitter / Wolfenbüttel statt. Gelähmt vom GAU in Tschernobyl nehmen im Wendland 5.000 Menschen an der Aktion teil und fordern "die Stillegung aller Atomanlagen in Ost und West". Am ersten Werktag nach Himmelfahrt werden die Zufahrtsstraßen zu den Atomanlagen blockiert.

Zwischen dem 6. und 8. Juni findet der erste Pfingstmarkt in Kukate statt, einer der Ursprünge der WunderPunkte und der Kulturellen Landpartie.

Proteste gegen AKW Brokdorf - "Hamburger Kessel"

Am 7. Juni demonstrieren 30.000 Atomkraftgegner*innen in Brokdorf gegen die baldige Inbetriebnahme des Atomkraftwerks. 10.000 Hamburger Demonstrant*innen werden auf dem Weg zur Demo im schleswig-holsteinischen Kleve aufgehalten.

"Hamburger Kessel": Auf dem Heiligengeistfeld sammelt sich am 8. Juni eine Demonstration aus Protest gegen den Polizeieinsatz vom Vortag. Die mehr als 800 Personen werden bis zu 13 Stunden lang innerhalb der Polizei-Absperrketten festgehalten. Wegen dieser Maßnahme muss zwei Monate später Innensenator Rolf Lange zurücktreten.

Fotos: G. Zint

Am 15. Juli besetzen Bio-Bauern das Kreishaus in Lüchow aus Protest gegen die Einstellung der unentgeltlichen staatlichen Meßprogramme. Die höchsten Werte im norddeutschen Raum finden sich im östlichen Zipfel des Wendlands. Besonders die Bio-Bauern machen mobil, ihre Existenz ist bedroht - und werden von der Polizei aus dem Kreishaus geschleift.

Über 100.000 Menschen nehmen am 26. und 27. Juli in Burglengenfeld am fünften "Anti-WAAhnsinns-Festival" teil, das sich gegen die WAA Wackersdorf richtet. Es handelt sich um das bis dahin größte Rockkonzert der deutschen Geschichte. Auf der Bühne stehen BAP, Die Toten Hosen, Udo Lindenberg, Rodgau Monotones, Purple Schulz, Rio Reiser oder Herbert Grönemeyer.

Mit dem Titel "Als gäb's nur Verbrecher und Terroristen" berichtet Der Spiegel berichtet am 28. Juli über "Die Schlacht um die Kernkraft". Ohne Belege oder einen Zeitpunkt zu nennen, heißt es: In Gorleben habe ein "verdeckter Fahnder", wie es im Polizeijargon heißt, Atomgegner*innen den Rat gegeben, "eine Rauchbombe in die Trafostation" zu werfen: "Das würde Aufruhr geben." Eine Granate habe dieser gleich mitgebracht.

"Fest des ersten Kübels"

Der Betreiber der Bergwerks feiert am 18. September das "Fest des ersten Kübels", der Beginn der Abteufarbeiten in Schacht 1. Unweit des Geländes gibt es "lautstarken Protest".

Am 8. Oktober wird das Atomkraftwerk Brokdorf als als weltweit erste Anlage nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl in Betrieb genommen.

Oktober: Bei den Kreistagswahlen sichert sich die CDU (52,3%) ihre absolute Mehrheit. Dahinter: SPD (25,2%), UWG (11,9%) und Grüne (6,5%).

Im Oktober formierte sich in München ein Protestzug von 50.000 Menschen gegen das WAA-Projekt in Wackersdorf.

Nach dem offiziellen Baubeginn der WAA Wackersdorf errichten am 14. Dezember etwa 1.000 Atomkraftgegner*innen das erste Hüttendorf „Freie Oberpfalz“. Zwei Tage später räumen 3.700 Polizisten die Protestaktion. Mit der Rodung des Taxölderner Forst beginnt.

Mitte November erhebt die Staatsanwaltschaft Lüneburg Anklage gegen drei AKW-Gegner aus dem Wendland, u.a. wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Sie sollen Anschläge auf die Bahnstrecke für Atommülltransporte verübt haben.

Am 21. Dezember steht das nächste Protest-Hüttendorf, die „Freie Republik Wackerland“, auf dem Baugelände der WAA Wackersdorf: 158 Hütten, Zelte und Baumhäuser.

Die ganze Geschichte: