Gorleben-Chronik

Gorleben-Chronik - 1976

Gorleben taucht auf

(...) In einer zweiten Version der TÜV-Studie wurde handschriftlich der Standort Gorleben ergänzt und als am besten geeignet befunden. (...)

Januar

Im Frühjahr wird eine erste Tiefbohrung in den Salzstock Lutterloh niedergebracht. Es gibt heftige Unruhe in der Region, u.a. wird die "Bürgerinitiative Südheide" gegründet.

15.01.1976

Am 15. Januar wird Ernst Albrecht (CDU) zum neuen Ministerpräsidenten Niedersachsens gewählt, am 2. Februar wechselte in Niedersachsen die Regierung von SPD zu CDU. Die CDU-Mehrheit im Landesparlament setzt bei der Bundesregierung durch, dass erst einmal alle Bohrvorbereitungen an den avisierten Endlagerstandorten Wahn, Lutterloh und Lichtenhorst gestoppt werden. Niedersachsen wolle ein eigenes Auswahlverfahren absolvieren und danach einen Standort vorschlagen. Der Bund stimmte dem Vorgehen zu.

Februar

Im Februar blockieren Bauern mit ihren Traktoren bei Aschendorf-Hümmlingen (Emsland) mehrere Bohrfahrzeuge, die das Gebiet auf seine Eignung als Atommülllager erkunden sollen. Die örtliche Bürgerinitiative wächst rasch auf 1.700 Mitglieder an.
Quelle: Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv II, LAIKA-Verlag

Mai

Albrecht leitet dann das zweite Auswahlverfahren für einen Endlagerstandort ein, das ab März von einer interministeriellen Arbeitsgruppe geheim durchgeführt wird. Im Mai/Juni beauftragt das niedersächsische Sozialministerium den TÜV-Hannover, eine zweite Studie zu erstellen. In diesem Auswahl-Verfahren werden wieder nur Salzstöcke in Betracht gezogen.

Juli

"Die Entsorgung der deutschen Kernkraftwerke kann nach 1980/81 nur noch durch deutsche Einrichtungen erfolgen", warnt der Bundesminister für Forschung der sozialliberalen Bonner Koalition, Hans Matthöfer (SPD), im Sommer in einem Brief an Niedersachsens Wirtschaftsminister Walther Leisler Kiep (CDU).

16.07.1976

In Lichtenmoor bei Nienburg stoppen am 16. Juli fünfzig Leute die Arbeit eines Vermessungstrupps. Die Gemeinde ist als möglicher Standort für ein atomares "Entsorgungszentrum" im Gespräch.
Quelle: Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv II, LAIKA-Verlag

August

Im August setzt die Niedersächsische Landesregierung die sogenannte Interministerielle Arbeitsgruppe "Entsorgungszentrum" (später: IMAK) ein. Die Mitglieder sollen nach einem passenden Standort suchen. Wichtigstes Kriterium: eine Fläche von 12 Quadratkilometern.

30.08.1976

Mit der 4. Novelle zum Atomgesetz wird die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) am 30. August zuständig für Errichtung und Betrieb von Anlagen des Bundes zur Sicherstellung und zur Endlagerung radioaktiver Abfälle.

September

18.09.1976

Widerstand gegen Probebohrungen findet am 18. September in Unterlüß in der Lüneburger Heide, ebenfalls möglicher Standort für ein Atommülllager, statt. Unter dem Motto "Wir gehen in die Pilze" ziehen Tausende zur Bohrstelle. Die Bohrungen werden abgebrochen.
Quelle: Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv II, LAIKA-Verlag

20.09.1976

Nachdem Bohrfahrzeuge angerückt sind, besetzen Atomkraftgegner:innen am 20. September das Gelände in Lichtenmoor. Nach drei Tagen werden die Fahrzeuge abgezogen. Die Bürgerinitiativen legen 30.000 Unterschriften gegen das Projekt vor.
Quelle: Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv II, LAIKA-Verlag

Oktober

Im Oktober treffen sich Vertreter der Landesregierung und des Bundes mit AKW-Betreibern in den Räumen des Energieversorgers RWE. Die Bundesregierung geht davon aus, dass künftig mehrere Standorte benannt und mittels Bohrungen geprüft würden. Mindestens fünf Tiefenbohrungen solle es an jedem der auszuwählenden Standorte geben, was etwa ein Jahr in Anspruch nehmen würde. Danach solle entschieden werden, an welchem Ort weitergearbeitet wird.

30.10.1976

Wenige Tage nach dem Baubeginn des Atomkraftwerks Brokdorf findet am 30. Oktober eine erste Großdemonstration am Bauplatz statt, an der sich mehr als 5.000 Teilnehmer beteiligen. Rund 2.000 davon brechen gewaltsam in die Baustelle ein, um sie zu besetzen. Mehrere Hundertschaften Polizei räumen das Gelände mit Wasserwerfern und Tränengas.

November

Aus der "Stellungnahme zur Eignung von Standorten für das Nukleare Entsorgungszentrum (NEZ)" vom November geht hervor, dass der Standort im schleswig-holsteinischen Nieby am Geeignetsten sei.

Von zunächst 140 Salzstöcken in Niedersachsen schliessen die BeamtInnen 117 aus, da sie an der Erdoberfläche nicht für den Bau eines 12 Quadratkilometer großen "Nukleares Entsorgungszentrum" (NEZ) geeignet erscheinen. Innerhalb dieses NEZ soll auch eine deutsche "Wiederaufarbeitungsanlage" errichtet werden.

Die verbliebenen 33 Standorte werden mit Hilfe eines Punkte-Schemas bewertet. Der Gorlebener Salzstock erreichte dabei lediglich 32 von insgesamt 266 Punkten, kam aber dennoch in die engere Auswahl der sieben "bestgeeigneten" Standorte. Auf Platz Eins fand sich das schleswig-holsteinische Örtchen Nieby bei Flensburg. Gorleben taucht in diesem Untersuchungsbericht nicht auf. Der TÜV Hannover legt eine Tabelle vor, in der 8 Standorte verglichen werden und favorisiert Nieby in Schleswig-Holstein. Der Salzstock hätte dort aber nicht direkt unter dem Entsorgungszentrum liegen können.

Im November bekommt die Interministerielle Arbeitsgruppe (IMAK) "Entsorgungszentrum" vom Kabinett den Auftrag, binnen vier Wochen eine Kabinettsvorlage für eine Standort-Vorauswahl zu erstellen. Die Salzstöcke in Niedersachsen werden in der Folge geprüft und 20 für grundsätzlich in Frage kommend ausgewählt. Nach einer weiteren Prüfung, bei der Raumordnungskriterien für Atomkraftwerke angewendet wurden, blieben 13 Standorte übrig. Ein weiterer, Mariaglück, kam auf Drängen des Landesamtes für Bodenforschung und des Oberbergamtes hinzu, also 14.

08.11.1976

In einer vertraulichen Kabinettsvorlage des Wirtschaftsministeriums welches von Walther Leisler Kiep (CDU) geführt wird, tauchen am 8. November weiterhin nur die drei Salzstöcke "Wahn", "Lichtenmoor" und "Lutterloh" auf.

Gorleben taucht auf

11.11.1976

Am 11. November tagt eine hochrangig besetzte Ministerrunde in Hannover. Aus Bonn reisen die Bundesminister Maihofer (FDP), Friderichs (FDP) und Matthöfer (SPD) an. In dieser Sitzung beraten die Politiker unter Leitung von Ministerpräsident Albrecht über einen möglichen Endlagerstandort in Niedersachsen. Der Name "Gorleben" fällt in dieser Runde zum ersten Mal zur völligen Überraschung der Bonner Minister. Aus den Tagebüchern von Walther Leisler Kiep geht hervor, dass er erstmals Gorleben ins Gespräch gebracht habe:

"Hier gelingt es mir, Lüchow-Dannenberg als vierte Möglichkeit aufnehmen zu lassen".


Nach dem Treffen ist Ministerpräsident Albrecht - zur Überraschung seiner Kollegen - ernsthaft bereit, einen Standort für ein NEZ in Niedersachsen zu benennen. Aber nur einen einzigen, nicht mehrere.

"Das Ergebnis Ihrer Besprechung hat unter den Beamten Überraschung ausgelöst", schreibt Abteilungsleiter Naß noch am 11. November an Albrecht. Überraschung deshalb, "weil die Landesregierung damit ihre grundsätzliche Bereitschaft erklärt hat, einen Standort – unter der Voraussetzung: Sicherheit – zur Verfügung zu stellen". Der zuständige Abteilungsleiter hielt die Entscheidung über einen Standort für verfrüht.

Die IMAK erhält den Auftrag, für die Kabinettssitzung am 14. Dezember eine Vorlage zu erarbeiten für eine Standortentscheidung. Der Auftrag lautete: Kein Vorschlag zugunsten eines Standortes, eine Gegenüberstellung der in Fragekommenden Standorte, streng vertraulich.

18.11.1976

Mit einer handschriftlichen Ergänzung wird Gorleben am 18. November auf Seite 50 des TÜV-Untersuchungsberichts in die entscheidende Wertungstabelle, in der die Standorte miteinander verglichen werden, eingetragen.

Die Akten enthalten im Anschluß an das Anschreiben an den MP die Seite 50 des - nicht veröffentlichten - TÜV-Gutachtens. Darin sind handschriftlich die beiden Standorte Gorleben und Mariaglück nachgetragen. Gorleben mit der zweithöchsten Punktzahl. Wie es zu diesen Punkten gekommen ist, bleibt unerfindlich. Denn in der gesamten Studie taucht der Name Gorleben nicht auf. Keine der Tabellen oder Abwägungen zu Standortbedingungen enthalten einen Hinweis auf Gorleben.


Der Standort Wahn wird wegen eines Schießplatzes der Bundeswehr gestrichen.

29.11.1976

5.000 Menschen demonstrieren gegen ein Atommülllager in Aschendorf-Hümmlingen (Emsland). Auf dem Kundgebungsplatz sind 800 Traktoren aufgefahren.
Quelle: Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv II, LAIKA-Verlag

Dezember

Anfang Dezember schreibt die Bundesregierung nach Hannover, dass, wenn es nun doch auf Gorleben hinaus laufen sollte, dies keinesfalls öffentlich mitgeteilt werden sollte. Erst muss mit der DDR geredet werden. Verhandlungen mit der DDR sollten aber erst nach einer Kabinettsentscheidung des Landes Niedersachsen aufgenommen werden.

01.12.1976

Bei einer Sitzung habe man am 1. Dezember dann mehrere Standorte als eignungshöffig ausgemacht. Die Suche sei "erweitert worden auf 14 Standorte", so Jürgen Schubert vom Niedersächsischen Oberbergamt. Darunter habe sich Gorleben befunden. Gorleben habe nach einer Punktewertung klar vorn gelegen. "Wir haben in dieser Sitzung Gorleben als besten Standort angesehen", so Schubert.

In einer zweiten Version der TÜV-Studie wurde handschriftlich der Standort Gorleben ergänzt und als am besten geeignet befunden.


09.12.1976

Am 9. Dezember schließt die IMAK die Standortauswahl ab, drei Wochen nach ihren Beginn. Der Entwurf der Vorlage geht an die Staatssekretäre. Zunächst sieben, schließlich noch vier Standorte werden dem Kabinett zur Auswahl gestellt: Wahn, Lichtenhorst, Mariaglück und das plötzliche Gorleben.

15.12.1976

Im Bundeskanzleramt wird am 15. Dezember eine Gesprächsnotiz geschrieben in der es heisst, dass das niedersächsische Wirtschaftsministerium Gorleben als Standort bevorzuge, weil dieser "innenpolitisch am leichtesten durchzusetzen" sei. Bundeskanzler Helmut Schmidt schreibt am gleichen Tag an Niedersachsens Ministerpräsident Albrecht, "dass ein DDR-naher Standort nicht in Betracht gezogen werden sollte." Um der Niedersächsischen Landesregierung die Entscheidung für den Standort Wahn zu erleichtern, wurde über eine "Einschränkung der militärischen Nutzungen" nachgedacht.

17.12.1976

Am 17. Dezember verfügt das Verwaltungsgericht (VG) Schleswig einen vorläufigen Baustopp für das Atomkraftwerk Brokdorf, u.a. weil die Entsorgung des Atommülls völlig ungeklärt ist.

21.12.1976

Am 21. Dezember bestätigt das Kabinett die Vorauswahl der vier Standorte und veranlasst weitere Prüfungen. Eine Entscheidung des Kabinetts wird noch einmal vertagt. Das niedersächsische Wirtschaftsministerium beauftragt die "Interministerielle Arbeitsgruppe" innerhalb von 5 Tagen eine "streng vertrauliche" Kabinettsvorlage zu erarbeiten.

29.12.1976

Am 29. Dezember erhält Ministerpräsident Albrecht die Stellungnahme des TÜV.

Die ganze Geschichte: