FUNDSTÜCK DES MONATS
Vor 25 Jahren: Brandanschlag auf Brücke in Seerau
Im Vorfeld eines für November 2001 angekündigten Castortransports nach Gorleben wurde auf die Eisenbahnbrücke bei Seerau / Hitzacker in der Nacht zum 24. Oktober 2001 ein Brandanschlag verübt. Zwei landwirtschaftliche Anhänger mit Stroh und Gummireifen und einem Fass mit rund 200 Litern Diesel als Brandbeschleuniger wurden unter die Eisenbahnbrücke gefahren und angezündet. Beamte des Bundesgrenzschutz entdeckten gegen 21 Uhr das Feuer. In der Nähe der Brandstelle stellten Beamte einen Traktor sicher, der nach Polizeiangaben vor einigen Tagen von seinem Besitzer als gestohlen gemeldet wurde.
Zunächst ging man von oberflächlichen Schäden aus, doch detaillierte Gutachten von Sachverständigen offenbarten kurz nach der Tat dramatische Mängel: Durch die extreme Hitze wurden die stählernen Querträger der Brücke so stark deformiert, dass das Bauwerk laut Experten unter der Last eines schweren Castor-Zuges hätte einstürzen können. Nach den ersten Untersuchungen erklärte die Deutsche Bahn AG, dass die Strecke vorerst gesperrt bleibe. Etwa 20 Bahnschwellen und 15 Meter Schienen müssten ausgetauscht werden.
Umfangreiche Reparaturarbeiten folgten zügig, Stahlelemente mussten ersetzt werden – eine logistische und technische Meisterleistung unter extremem Zeitdruck. Unter dem Schutz von Bundesgrenzschutz und Polizei arbeiteten Bautrupps im Dauereinsatz an der Wiederherstellung der Castor-Strecke. Wegen des Atommülltransports stand das Bauwerk im Fokus der Bundespolitik und der Deutschen Bahn: „Castortransport muss vermutlich verschoben werden“, hieß es in einer ersten Meldung im SPIEGEL.
Doch die erhoffte längerfristige Streckensperrung der eingleisigen Bahn – und damit das Verzögern des Castortransports – fielen aus: Schon am 6. November wurden per Bahn die Transportgestelle für die Straßentieflader nach Dannenberg geliefert. Am 13. November rollten dann zwölf Atommüllbehälter aus der Wiederaufarbeitunganlage La Hague in Frankreich über die Brücke.
In den folgenden Jahren wurde die Brücke im Zusammehang mit den Atommülltransporte schwer bewacht. Polizeikräfte waren dort wochenlang, rund um die Uhr präsent, auch ein Schlauchboot war für eventuelle Einsätze auf dem Fluss bereit gestellt.
Schon vorher Auseinandersetzungen um das „Nadelöhr“
Im Jahr vor dem Brandanschlag war die Jeetzel-Bahnbrücke komplett neu gebaut worden. Das ursprüngliche Brückenbauwerk stammte aus dem Jahr 1874 und ging mit der Eröffnung der Bahnstrecke Lüneburg–Dannenberg in Betrieb. Über Jahrzehnte hinweg diente die Brücke dem normalen Personen- und Güterverkehr. Für die Schwerlasttransporte mit Castor-Behältern war die über 125 Jahre alte Eisenkonstruktion statisch jedoch nicht mehr ausgelegt.
Da die Brücke ein Nadelöhr für die Atommülltransporte war, wurde nicht nur der Mitte Oktober 2000 begonnene Abriss sondern auch die Neubauarbeiten immer wieder von Protestaktionen und einem großen Polizeiaufgebot begleitet.
Bild: randbild / Timo Vogt