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Erfolgsgeschichte
Dragahn

1982 wird ein neuer Plan bekannt. Die Wiederaufbereitungsanlage (WAA) soll in den 30 km von Gorleben entfernten Dragahner Forst.

Der im Detail ausgearbeitete Bauplan wird im Oktober 1983 von der DWK vorgelegt. (Er kann im Gorleben-Archiv eingesehen werden.) Das Gelände liegt zwischen Bahnhof Pudripp und der ehemaligen Bombenfabrik Dragahn, so dass deren alter Bahndamm wieder in Betrieb genommen werden kann. Das durch die Bombenproduktion vor 1945 und die Delaborierung nach 1945 schwerwiegend kontaminierte Gelände wird für eine zweite Ausbaustufe der WAA vorgesehen.

Gorleben ist überall

Zum Beispiel in Dragahn. Ein paar Häuser, eine Försterei. Das abgeschirmte Gelände einer Delaborieranlage. Geheimnisumwittert. Im zweiten Weltkrieg Schauplatz für die TNT-Produktion. Arbeitsdienst, Gefangene, Frauen, deren Haare sich rot färbten, weil sie das Brunnenwasser getragen hätten, so wurde erzählt. Ein verwaister Ort, aber plötzlich, im Mai 1983, war Leben im Wald.
Um den Herren in legerem Zivil hat sich schnell ein diskutierender Pulk gebildet. Er könne sich vorstellen, demnächst mein Einsatzleiter zu werden, antwortet er auf meine Frage, in welcher Funktion er denn auftrete und lässt seine Dienstwaffe dezent unbetont unterm Blouson baumeln. Kräuselt die Stirn. Vorm Bahnwärterhaus im Dragahner Forst kuscheln und drängen sich übernächtigte Gestalten zusammen. Sie haben die leeren Räume besetzt, Fensterglas eingesetzt, gestrichen und Blumenkübel bepflanzt. Die Mainächte sind verdammt kühl. Sehen gar nicht wie Gewalttäter aus, entbieten ihm, dem Einsatzleiter, und seinen Begleitern in Uniform sogar einen guten Morgen und frische Brötchen. Wer soll das auch alles aufessen: 60 Brötchen und 10 Liter frisch gebrühter Kaffee wurde schon vor 6 Uhr früh gebracht, von Sympathisanten. Polizeilich präventiv wolle er vorgehen, denn die Platzbesetzung der Bohrstelle 1004 war schließlich erst 2 Jahre her, verrät der Zivile noch. Könnte aus der Besetzung eines verlassenen Bahnwärterhäuschens durch eine Handvoll Entschlossener nicht schnell der Funken werden, der zum Steppenbrand sich ausweitet? Schön wär´s denke ich. Wo denn unsere Sprecherin sei, meint der Polizeichef nun und betont die weibliche Form: Sprecher-in. Oha, der ist ja gut informiert, hat schon die Morgenzeitung gelesen, denn dort wurde tatsächlich eine Sprecherin zitiert. Wir, die WAA-GegnerInnen, würden das Häuschen als Infostelle herrichten.
Die erste Filmnacht unter freiem Himmel lockte viele Ortsansässige an. Demnächst sollten im Wald Flachbohrungen stattfinden, um den Baugrund zu erkunden, und das wolle man verhindern! Man schreibt das Jahr 1983.
                                   Wolfgang Ehmke
 

 

 

 

Das Bahnwärterhaus ist ein Überbleibsel aus der Zeit der Bombenfabrik, die übrigens unter dem Firmennamen Waaco (nicht WAAco geschrieben) betrieben wurde. Die Gleise sind längst demontiert, aber das Haus steht noch völlig intakt. Es wird von den Besetzern mit Blumen geschmückt und wohnlich eingerichtet.
Da das Haus, wie auch das gesamte Gelände, Eigentum des Staates ist, lässt er es kurzer Hand einplanieren, um dem Widerstand einen Kristallisationspunkt zu nehme.

Das Bahnwärterhäuschen wird abgerissen.
Schade drum.
Aber die WAA wird nicht gebaut!


Am besetzten Bahnwärterhaus Ostern 1983


Demonstration in Dragahn Fotograf: Wolfgang Hain


 


 

Chronologie zum Standort Dragahn

1. Nov. 1982: Ministerpräsident Albrecht unterrichtet Kommunalpolitiker von der Absicht der Niedersächsischen Landesregierung , Dragahn als Standort für eine WAA vorzuschlagen.

3. Nov. 1982: Die DWK (Deutsche Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen) erklärt, dass zwei Standorte in Bayern (Wackersdorf) und Niedersachsen (Dragahn) weiter verfolgt würden.

21. Jan. 1983:Der Kreistag spricht sich für die „Prüfung" von Dragahn als WAA-Standort aus.

29. Jan. 1983: Fußmarsch von einer Abordnung verschiedener Widerstandsgruppen nach Hannover, wo die „Arche Wendland" errichtet wird. Der Kreistag entscheidet mehrheitlich, dass die WAA in Dragahn gebaut werden soll. 1.000 Gegner einer WAA in Dragahn demonstrieren in Hannover.
20. Febr. 1983: Ca. 300 Trecker und mehr als 2.500 Menschen demonstrieren in Dannenberg gegen den Plan, Dragahn zum Standort einer WAA zu machen.

20. Mai 1983: 800 Ostermarschierer im Dragahner Forst behindern die Baugrunduntersuchungen.
23. Mai 1983: Hundert Bürger besetzen ein leer stehendes Bahnwärterhäuschen in Dragahn.

6. Aug. 1983: Am Hiroshima-Tag demonstrieren 2000 Menschen in Dragahn gegen die zivile und militärische Nutzung der Atomenergie.

24. März 1984: Erörterungstermin zur Errichtung der WAA in Dragahn. Etwa 12.000 Atomkraftgegner bilden eine Menschenkette von ca. 26 km im Landkreis Lüchow-Dannenberg.

30. April 1984: Wendlandblockade: 12 Stunden sperren mehr als 6.000 Atomkraftgegner die Zufahrtsstraßen nach Lüchow-Dannenberg.

4. Febr. 1985: DWK entscheidet: Die WAA soll nicht in Dragahn sondern in Wackersdorf gebaut werden.

16. Febr. 1985: ca. 40.000 Menschen demonstrieren in Wackersdorf. Sonderbusse aus Lüchow-Dannenberg fahren zur Großdemo nach Wackersdorf.

Nun gab es zwei Brennpunkte der Anti-AKW-Bewegung, Gorleben und Wackersdorf. Schon fünf Jahre später zog die DWK die Pläne endgültig zurück, abgebrannte Brennelemente deutscher Atomkraftwerke wurden nach Frankreich, nach Cap de la Hague gekarrt, der Müll kommt nach der chemischen Bearbeitung dennoch zurück – wie ein Bumerang nach Gorleben.

 


Gorleben-Chronik Teil 1 (1977 - 1993)

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