Gorleben ist überall
Zum Beispiel in Dragahn. Ein paar Häuser, eine Försterei. Das
abgeschirmte Gelände einer Delaborieranlage. Geheimnisumwittert. Im
zweiten Weltkrieg Schauplatz für die TNT-Produktion. Arbeitsdienst,
Gefangene, Frauen, deren Haare sich rot färbten, weil sie das
Brunnenwasser getragen hätten, so wurde erzählt. Ein verwaister Ort,
aber plötzlich, im Mai 1983, war Leben im Wald.
Um den Herren in legerem Zivil hat sich schnell ein diskutierender
Pulk gebildet. Er könne sich vorstellen, demnächst mein Einsatzleiter
zu werden, antwortet er auf meine Frage, in welcher Funktion er denn
auftrete und lässt seine Dienstwaffe dezent unbetont unterm Blouson
baumeln. Kräuselt die Stirn. Vorm Bahnwärterhaus im Dragahner Forst
kuscheln und drängen sich übernächtigte Gestalten zusammen. Sie haben
die leeren Räume besetzt, Fensterglas eingesetzt, gestrichen und
Blumenkübel bepflanzt. Die Mainächte sind verdammt kühl. Sehen gar
nicht wie Gewalttäter aus, entbieten ihm, dem Einsatzleiter, und
seinen Begleitern in Uniform sogar einen guten Morgen und frische
Brötchen. Wer soll das auch alles aufessen: 60 Brötchen und 10 Liter
frisch gebrühter Kaffee wurde schon vor 6 Uhr früh gebracht, von
Sympathisanten. Polizeilich präventiv wolle er vorgehen, denn die
Platzbesetzung der Bohrstelle 1004 war schließlich erst 2 Jahre her,
verrät der Zivile noch. Könnte aus der Besetzung eines verlassenen
Bahnwärterhäuschens durch eine Handvoll Entschlossener nicht schnell
der Funken werden, der zum Steppenbrand sich ausweitet? Schön wär´s
denke ich. Wo denn unsere Sprecherin sei, meint der Polizeichef nun
und betont die weibliche Form: Sprecher-in. Oha, der ist ja gut
informiert, hat schon die Morgenzeitung gelesen, denn dort wurde
tatsächlich eine Sprecherin zitiert. Wir, die WAA-GegnerInnen, würden
das Häuschen als Infostelle herrichten.
Die erste Filmnacht unter
freiem Himmel lockte viele Ortsansässige an. Demnächst sollten im Wald
Flachbohrungen stattfinden, um den Baugrund zu erkunden, und das wolle
man verhindern! Man schreibt das Jahr 1983.
Wolfgang Ehmke
Das Bahnwärterhaus ist ein Überbleibsel
aus der Zeit der Bombenfabrik, die übrigens unter dem Firmennamen
Waaco (nicht WAAco geschrieben) betrieben wurde. Die Gleise sind
längst demontiert, aber das Haus steht noch völlig intakt. Es wird von
den Besetzern mit Blumen geschmückt und wohnlich eingerichtet.
Da das Haus, wie auch das gesamte Gelände, Eigentum des Staates ist,
lässt er es kurzer Hand einplanieren, um dem Widerstand einen
Kristallisationspunkt zu nehme. Das Bahnwärterhäuschen wird abgerissen.
Schade drum.
Aber die WAA wird nicht gebaut! |

Am besetzten Bahnwärterhaus Ostern 1983

Demonstration in Dragahn
Fotograf: Wolfgang Hain


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Chronologie zum Standort Dragahn
1. Nov. 1982: Ministerpräsident Albrecht unterrichtet
Kommunalpolitiker von der Absicht der Niedersächsischen
Landesregierung , Dragahn als Standort für eine WAA vorzuschlagen.
3. Nov. 1982: Die DWK (Deutsche Gesellschaft für Wiederaufbereitung
von Kernbrennstoffen) erklärt, dass zwei Standorte in Bayern
(Wackersdorf) und Niedersachsen (Dragahn) weiter verfolgt würden.
21. Jan. 1983:Der Kreistag spricht sich für die „Prüfung" von Dragahn
als WAA-Standort aus.
29. Jan. 1983: Fußmarsch von einer Abordnung verschiedener
Widerstandsgruppen nach Hannover, wo die „Arche Wendland" errichtet
wird. Der Kreistag entscheidet mehrheitlich, dass die WAA in Dragahn
gebaut werden soll. 1.000 Gegner einer WAA in Dragahn demonstrieren in
Hannover.
20. Febr. 1983: Ca. 300 Trecker und mehr als 2.500 Menschen
demonstrieren in Dannenberg gegen den Plan, Dragahn zum Standort einer
WAA zu machen.
20. Mai 1983: 800 Ostermarschierer im Dragahner Forst behindern die
Baugrunduntersuchungen.
23. Mai 1983: Hundert Bürger besetzen ein leer stehendes
Bahnwärterhäuschen in Dragahn.
6. Aug. 1983: Am Hiroshima-Tag demonstrieren 2000 Menschen in Dragahn
gegen die zivile und militärische Nutzung der Atomenergie.
24. März 1984: Erörterungstermin zur Errichtung der WAA in Dragahn.
Etwa 12.000 Atomkraftgegner bilden eine Menschenkette von ca. 26 km im
Landkreis Lüchow-Dannenberg.
30. April 1984: Wendlandblockade: 12 Stunden sperren mehr als 6.000
Atomkraftgegner die Zufahrtsstraßen nach Lüchow-Dannenberg.
4. Febr. 1985: DWK entscheidet: Die WAA soll nicht in Dragahn sondern
in Wackersdorf gebaut werden.
16. Febr. 1985: ca. 40.000 Menschen demonstrieren in Wackersdorf.
Sonderbusse aus Lüchow-Dannenberg fahren zur Großdemo nach
Wackersdorf.
Nun gab es zwei Brennpunkte der Anti-AKW-Bewegung, Gorleben und
Wackersdorf. Schon fünf Jahre später zog die DWK die Pläne endgültig
zurück, abgebrannte Brennelemente deutscher Atomkraftwerke wurden nach
Frankreich, nach Cap de la Hague gekarrt,
der Müll kommt nach der chemischen Bearbeitung dennoch zurück – wie
ein Bumerang nach Gorleben.
Gorleben-Chronik Teil 1 (1977 - 1993) |